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Drogenkrieg in Mexiko:Massaker beim Therapiegespräch

Fast 5000 Menschen sind Mexikos Drogenkrieg dieses Jahr bereits zum Opfer gefallen. Inzwischen werden immer mehr Entzugskliniken überfallen.

Peter Burghardt, Medellin

Ein Leben ist den Schlächtern von Ciudad Juárez nicht viel wert, das war schon vor diesem Massaker bekannt. Berüchtigt wurde die mexikanische Stadt an der US-Grenze zunächst wegen ihrer ungeklärten Serienmorde an jungen Frauen, inzwischen gilt sie als gefährlichster Ort der Welt.

Trauer um die Ermordeten vor der Entzugsklinik in Ciudad Juárez

(Foto: Foto: dpa)

An die 1500 Menschen wurden in diesem Jahr an den staubigen Straßen umgebracht, dabei hat Mexikos Präsident Felipe Calderón allein in dieses Zentrum des Verbrechens 8000 Polizisten und Soldaten geschickt. Das einheimische Drogenkartell und seine Rivalen kämpfen um die Kontrolle der Nahtstelle zum Großmarkt USA, auf der anderen Seite des Rio Grande liegt El Paso. Der Krieg tobt auch in jenen Häusern, wo die Sucht behandelt werden soll.

23 Patienten wollten am Mittwoch in der Entzugsanstalt Aliviane ihr gemeinsames Therapiegespräch beginnen, als zwölf Killer die Tür aufbrachen. Sie zerrten ihre Opfer aus dem Raum, stellten sie an die Wand und schossen aus ihren Gewehren vom Typ AK-47. Am Tatort wurden 82 Patronenhülsen gefunden.

18 junge Männer starben sofort, zwei sind schwer verletzt, von den übrigen dreien ist nichts bekannt. Unter den Toten ist Jaime Saúl Pérez, 17 Jahre alt. Er hatte versucht, vom Kokain loszukommen, und wurde wie so viele andere wegen des weißen Pulvers ermordet. Die Täter stiegen in ihre verspiegelten Geländewagen und fuhren ab.

Wie üblich wollten die Nachbarn nichts gesehen und gehört haben. Als mutmaßlicher Auftraggeber wurde am Samstag trotzdem ein gewisser José Rodolfo Escajada festgenommen, genannt El Rikín. Demnach handelte es sich wie gewöhnlich um einen Racheakt an einer verfeindeten Bande.

Escajada war einer der Anführer einer Gang namens La Línea, die für die Rauschgiftorganisation in Juárez Transporte und Hinrichtungen erledigt. Er stand auch auf der Fahndungsliste der US-Antidrogenbehörde DEA, die sich noch mehr für Rauschgiftbarone wie Joaquín "Chapo" Guzmán vom Sinaloa-Kartell im Westen Mexikos interessiert. Bloß werden solche Leute nicht erwischt.

Verhaftet werden in der Regel nur mittlere Dealer, die Kugeln treffen außer Polizisten und Politikern gewöhnlich die untersten Chargen. Es war bereits das fünfte Gemetzel in diesem Jahr in einer von mehr als 50 Einrichtungen für Drogensüchtige in Ciudad Juárez. Laut Statistik sind mehr als 135000 Einwohner im Alter von 17 bis 25 Jahren Kokain, Heroin und anderen Rauschmitteln verfallen.

In ganz Mexiko seien in diesem Jahr schon 4850 Menschen dem Drogenkrieg zum Opfer gefallen, schreibt die Zeitung El Universal. Im Bundesstaat Sinaloa wurden am Wochenende zehn Jugendliche niedergemetzelt sowie die Teile von zwei weiteren Leichen gefunden.

Außerdem wurde in jener ebenfalls besonders gewalttätigen Region ein weiterer Polizeichef erschossen und in Morelia der stellvertretende Sicherheitschef, in Nuevo León und Tijuana fand man je zwei Tote. In Tabasco wurde der Wahlkampf abgesagt, nachdem der Kandidat der Regierungspartei ermordet worden war.

Niemand aber lebt so gefährlich wie die jungen Männer von Juárez. "Die werden von den Kartellen wie Wegwerfobjekte benützt", sagt der städtische Sicherheitsbeauftragte. "Die bringen einen um und verpflichten einen anderen."

© SZ vom 07.09.2009/bavo
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