Süddeutsche Zeitung

Drogen auf den Philippinen:Dutertes fatale Bilanz

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Der Krieg des philippinischen Präsidenten gegen Drogen hat zu Tausenden Toten geführt. Dabei liegt die Zahl der Konsumenten in dem Land unter dem weltweiten Durchschnitt.

Von Jasmin Siebert und Berit Uhlmann

Wenn Donald Trump am Sonntag auf die Philippinen reist, wird er auf einen Präsidenten treffen, der ihm nicht nur charakterlich ähnlich ist. Rodrigo Duterte geizt wie Trump nicht mit Beleidigungen. Und er wurde im vergangenen Jahr nicht nur trotz, sondern gerade wegen seiner Ankündigung, mit harter Hand zu regieren, gewählt.

Im Wahlkampf instrumentalisierte Duterte das Drogenproblem seines Landes. Er erklärte Drogenhändler und -konsumenten zu den Sündenböcken der Nation und kündigte an, er werde die Fische in der Manila Bay von all den Toten fett werden lassen. Bereits am Tag nach seiner Wahl am 9. Mai 2016 begann das staatlich gebilligte Morden von Dealern und Abhängigen. Killerkommandos erschossen seitdem auf offener Straße Menschen, ohne dass es zuvor ein juristisches Verfahren gegeben hätte. 12 000 bis 13 000 Tote soll es gegeben haben, schätzt Johannes Icking, Koordinator des Aktionsbündnisses Menschenrechte Philippinen, der seit viereinhalb Jahren die Menschenrechtslage auf den Inseln beobachtet.

"Menschenleben waren dort schon immer wenig wert", sagt Icking. Killerkommandos haben gewissermaßen Tradition auf den Philippinen. Immer wieder wurden Menschenrechtsaktivisten, Journalisten und oppositionelle Politiker von der Polizei getötet. Neu war jedoch der massive Anstieg willkürlicher Tötungen, der vor allem die untersten Armutsschichten traf. Zwar stritt die Regierung ab, dass die Killerkommandos in ihrem Auftrag handelten, doch für Internationale Menschenrechtsgruppen ist die Lage offenkundig. Sie klagen Duterte an, das Morde nicht nur gebilligt, sondern auch dazu aufgerufen zu haben.

Die USA haben weit mehr Drogenabhängige als die Philippinen

In manchen Slums sollen Briefkästen hängen, in die man anonym Zettel mit Namen werfen kann. Diese Namen sollen dann auf Abschusslisten landen. Icking spricht von einer "Stimmung wie bei einer Hexenjagd": Menschen denunzierten einander aus persönlichen Gründen und wer von der Polizei verhört werde, müsse einen anderen Verdächtigen nennen, um selbst davonzukommen. Die offizielle Lesart der nächtlichen Polizeieinsätze: Polizisten warnen Verdächtige vor den Konsequenzen, sollten sie ihre illegalen Aktivitäten nicht einstellen. Dabei sei es leider zu einer Schießerei gekommen, bei der der Verdächtige gestorben sei. Menschenrechtsaktivist Icking weiß jedoch von mindestens einem Dutzend Fällen, in denen durch Videoaufnahmen und Zeugen belegt ist, dass Unbewaffnete erschossen worden sind.

Exakte Erkenntnisse zum Drogenproblem auf den Philippinen sind zwar rar, doch von einer Epidemie kann, anders als in den USA, nicht gesprochen werden. Verbreitet ist vor allem Methamphetamin, Shabu genannt.

Während Duterte die Zahl der Konsumenten aller illegalen Drogen in der Vergangenheit auf drei bis vier Millionen bezifferte, weist die Statistik der nationalen Drogenbehörde nur 1,8 Millionen aus. Das wären etwa zwei Prozent der erwachsenen Bevölkerung. Noch niedriger liegt die Schätzung des Weltdrogenberichts der Vereinten Nationen, die von weniger als einem Prozent Konsumenten ausgeht. Doch ganz egal, welche Zahl man heranzieht, sie liegt weit unter der katastrophalen Drogenrate von 16 Prozent, die der Report für die USA auflistet. Sie liegt selbst unter dem weltweiten Durchschnitt von fünf Prozent.

Dennoch genoss Duterte im Kampf gegen Drogen zunächst großen Rückhalt in der Bevölkerung. Doch der schwand mit jedem Toten ein kleines bisschen mehr, so dass Duterte die Polizeioperationen Mitte Oktober stoppte. Auslöser waren die Proteste nach der Ermordung eines unschuldigen 17-jährigen Studenten, der mit Drogen nichts zu tun gehabt haben soll.

Stattdessen ist nun die nationale Drogenbehörde der Philippinen (Dangerous Drugs Board) mit dem Kampf gegen die Drogen beauftragt. Seitdem ist die Zahl der Morde massiv zurückgegangen. Menschenrechtsaktivist Icking fürchtet jedoch, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis die Killerkommandos wieder losziehen. Denn die Abschusslisten existieren nach wie vor.

Die einzige Möglichkeit, seinen Namen aus der Liste zu tilgen, ist, sich der Polizei zu stellen, den Drogen abzuschwören und eine Therapie zu machen. In Nueva Ecija auf der Hauptinsel Luzon soll ein Rehabilitationscenter mit 10 000 Betten neugestaltet werden, nachdem dort laut einem Bericht der philippinischen Zeitung Inquirer aktuell nur 400 Drogenabhängige untergebracht sind. Dass sie dort eine angemessene Therapie erhalten, bezweifelt Icking.

Dabei macht Shabu, hierzulande als Crystal Meth bekannt, rasch abhängig. Es zerstört Nervenzellen, kann Halluzinationen und schwere Depressionen auslösen. Der Stoff steigert zudem den Sexualtrieb und damit die Wahrscheinlichkeit für ungeschützten Geschlechtsverkehr. Dieses Phänomen sowie der Fakt, dass die Droge bisweilen auch gespritzt wird, erhöhen das Risiko für Infektionskrankheiten wie Hepatitis und HIV. Damit wächst unter Seuchenschützern die Sorge um eine weitere Ausbreitung von übertragbaren Krankheiten. Treibt die restriktive Drogenpolitik die Konsumenten weiter in den Untergrund, wird sich das Problem noch verschärfen. In Ländern wie Thailand, Mexiko und der Ukraine konnte man beobachten, dass prohibitive Ansätze die Raten der HIV-Infektionen nach oben schnellen lassen. Diese Erfahrungen zeigten, dass härtere Strafen im Kampf gegen die Sucht versagen.

Ob diese Erkenntnis bereits zu den beiden Staatschefs durchgesickert ist, ist fraglich. Duterte sagte vor kurzem dem Philippine Star, dass er beim Treffen mit Trump über Drogen und Terrorismus sprechen möchte. Trump hatte Duterte bereits im Frühjahr zu seinem harten Umgang mit dem Drogenproblem gratuliert.

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