Buch über den „Röhmputsch“ 1934:Hitlers „zweite Machtergreifung“

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Erst politische Freunde, dann Feinde: SA-Stabschef Ernst Röhm und Adolf Hitler auf dem Reichsparteitag der NSDAP 1933 in Nürnberg. (Foto: Scherl/Süddeutsche Zeitung Photo)

Peter Longerich erklärt, wie das junge NS-Regime vor 90 Jahren seine erste Großkrise bewältigte: mit einer mörderischen politischen Säuberungswelle gegen die SA-Führung und andere Gegner. Die schlechte Stimmung im Volk besserte das Blutbad nicht – im Gegenteil.

Rezension von René Schlott

Am Dienstag, 3. Juli 1934, veröffentlichte die Regierung Hitler im Reichsgesetzblatt ein Gesetz, das nur einen einzigen Artikel enthielt: „Die zur Niederschlagung hoch- und landesverräterischer Angriffe am 30. Juni, 1. und 2. Juli 1934 vollzogenen Maßnahmen sind als Staatsnotwehr rechtens.“ Der eilig beschlossenen Bestimmung war ein dramatisches Wochenende vorausgegangen, an dem zur Abwehr eines vermeintlichen Putschversuchs ungefähr 90 Menschen im ganzen Land ohne Prozess hingerichtet und mehr als 1000 Personen inhaftiert worden waren. Der Reichskanzler selbst hatte die Verhaftung einiger „Putschisten“ in Süddeutschland übernommen, etwa die von Ernst Röhm, der als Chef der Sturmabteilung (SA) die mit mehr als vier Millionen Mann damals größte bewaffnete Organisation im Reich befehligte. Außerdem waren in Berlin ein ehemaliger Reichskanzler und seine Frau sowie die engsten Mitarbeiter des amtierenden Vizekanzlers erschossen worden. Franz von Papen selbst wurde unter Hausarrest gestellt. Im Reichsverkehrsministerium wurde ein leitender Beamter direkt an seinem Schreibtisch hingerichtet.

Die einschneidenden und mörderischen Ereignisse vor 90 Jahren sollten als „Röhm-Putsch“ in die Geschichte des „Dritten Reiches“ eingehen. „Der Nacht der langen Messer“, von der schon die Zeitgenossen sprachen, widmet der Historiker Peter Longerich eine aktuelle, höchst lesenswerte Darstellung. Darin weist der Autor zahlreicher maßgeblicher Werke zur Geschichte des Nationalsozialismus gleich eingangs den Terminus „Röhm-Putsch“ als langlebigen Überrest der NS-Propaganda zurück, weil der seinerzeit behauptete „Putsch“ lediglich „eine außerordentlich dreiste und schlecht fabrizierte Lüge des Regimes“ gewesen sei.

Nicht nur sie rangen um die Gunst des „Führers“: SA-Stabschef Ernst Röhm (hinten) und der Reichsminister Hermann Göring 1933 vor der Münchner Feldherrnhalle. (Foto: Scherl/Süddeutsche Zeitung Photo)

Longerich bezeichnet das Geschehen rund um den 30. Juni 1934 als ein „die gesamte Diktatur nachhaltig veränderndes Zentralereignis des ‚Dritten Reiches‘“. Er spricht von der „zweiten Machtergreifung“ Hitlers, mit der der nur gut eineinhalb Jahre zuvor ernannte Reichskanzler den eingeschlagenen Weg zum „Führerstaat“ konsequent fortsetzte.

NSDAP und SA hatten sehr unterschiedliche Ziele

Doch Hitlers Agieren resultierte keineswegs aus einer Position der Stärke heraus, wie man retrospektiv leicht annehmen könnte, sondern war das Ergebnis der ersten multiplen Krise des noch jungen Regimes, die Longerich im ersten seiner drei chronologisch gegliederten Kapitel ausführlich erläutert. Da war zum einen der ungelöste Konflikt zwischen der NSDAP und der SA, um den Fortgang der am 30. Januar 1933 begonnenen „nationalsozialistischen Revolution“. Während Hitler und die Partei die „Revolution“ als weitgehend abgeschlossen ansahen und sie mit legalem Anschein in ruhigere Bahnen lenken wollten, drängte die SA, die sich vor allem als brutale Schlägertruppe in den Straßenkämpfen mit den politischen Gegnern hervorgetan hatte, auf anhaltende Gewalt und auf eine Ausweitung ihres Einflussbereiches. SA-Chef Röhm war einer der ältesten Kampfgefährten Hitlers und dessen Duzfreund, machte sich aber wegen seiner in der Öffentlichkeit bekannten Homosexualität angreifbar.

Spannungen mit der Reichswehr

Mehr und mehr entwickelten sich die militärischen Ambitionen der SA auch zur Konkurrenz für die Reichswehr, eine der letzten verbliebenen Institutionen der alten Republik, die sich gleichwohl bereits selbst weitgehend gleichgeschaltet hatte. Hitler versuchte es zunächst mit einer Einbindung von SA-Chef Röhm und nahm ihn im Dezember 1933 als Minister ohne Geschäftsbereich in die Reichsregierung auf. Doch dadurch wuchsen im ersten Halbjahr 1934 die Spannungen innerhalb des NS-Machtapparates, wo Persönlichkeiten wie Goebbels, Himmler, Göring und Röhm um Macht und Einfluss rangen und Hitler in ihrem Sinne und auch auf Kosten ihrer innerparteilichen Konkurrenten zu beeinflussten suchten.

Neben diesen Machtkämpfen kam es im Frühjahr unter anderem durch einen deutlichen Rückgang der deutschen Exporte zu einer ernsten wirtschaftlichen und sozialen Krise im Reich. Enttäuschung über das neue Regime machte sich in allen Schichten der Bevölkerung breit, insbesondere aber im Mittelstand, bei Handwerkern, Händlern und Bauern, wie Longerich vor allem anhand von erstmals für diesen Zeitraum systematisch ausgewerteten „Stimmungsberichten“ belegen kann.

Hitlers Duzfreund seit der „Kampfzeit“: Ernst Julius Röhm. (Foto: Scherl/Süddeutsche Zeitung Photo)

Die von den lokalen Regierungspräsidenten und von den örtlichen Gestapo-Stellen zumeist monatlich verfassten Berichte dokumentieren bei aller gebotenen quellenkritischen Vorsicht, die Longerich durchaus bewusst ist, so etwas wie die „Volksstimmung“ in der Diktatur. In ihnen sind oft Gespräche einfacher Menschen an öffentlichen Orten, wie Kneipen und Cafés, zitiert, in denen auch Kritik an Entscheidungen und Plänen des Regimes geäußert wird. Für das erste Halbjahr 1934 extrahiert Longerich aus den Berichten eine wachsende Unzufriedenheit in der Bevölkerung, die sich aufgrund von Devisenknappheit, Inflationsängsten und Rohstoffmangel zu einer krisenhaften Stimmung auswuchs. In der Folge sahen auch die konservativen Kräfte im Reich, die sich 1933 mit Hitler verbündet hatten, ihre Chance gekommen, die politischen Verhältnisse noch einmal zu ihren Gunsten zu beeinflussen.

Hitler erstellte persönlich Mordlisten

Ende Juni entscheidet sich Hitler in einer Mischung aus einer geplanten und improvisierten Aktion zum Gegenschlag und zur „Abrechnung“ mit seinen Gegnern, so der Titel von Longerichs Hauptkapitel. Der Reichskanzler lässt sich am 30. Juni, an einem Samstagmorgen, an den Urlaubsort von SA-Chef Röhm bringen, weckt den noch Schlafenden und teilt ihm noch in dessen Pensionszimmer seine Verhaftung mit. Einen Tag später wird Röhm im Münchener Gefängnis Stadelheim erschossen. Zuvor hatte Hitler eigenhändig eine Liste mit weiteren hinzurichtenden SA-Führern erstellt. Unterdessen wurden auch an anderen Orten im Reich, vor allem in Berlin, Schlesien und Sachsen, weitere SA-Angehörige, aber auch frühere Gegner, katholische und konservative Politiker und gänzlich Unbeteiligte erschossen, wie der Musikkritiker der Münchner Neuesten Nachrichten, Willi Schmid, der Opfer einer Namensverwechslung wurde.

Im damaligen Luxusquartier Kurheim Hanselbauer in Bad Wiessee am Tegernsee wurde Ernst Röhm am 30. Juni 1934 verhaftet. Später hieß das Haus Hotel Lederer, es wurde 2019 abgerissen. (Foto: Florian Peljak/Peljak)

Im Wesentlichen sind diese Ereignisse bekannt. Neu ist aber vor allem Longerichs Auswertung der Stimmungsberichte im dritten Kapitel seines Buches, weil sie zeigen, wie ambivalent die Bevölkerung auf den Massenmord vom 30. Juni 1934 reagierte. In Schlesien etwa gab es Kritik am willkürlichen Terror der SS, vor dem nun „kein deutscher Staatsbürger mehr sicher ist“. Aus Potsdam wurde gemeldet, die Stimmung sei „erheblich abgesunken“ und „seit dem 30.6. [ist] Kritik am Führer auch bei Wohlgesinnten festzustellen“. Und im Rheinland und in Westfalen war eine regelrechte Empörungswelle über die Ermordung der katholischen Funktionäre Erich Klausener und Adalbert Probst zu konstatieren.

Victor Klemperer frohlockte über Hitlers vermeintlichen Niedergang

Wie sehr sich die zeitgenössischen Stimmungen vom scheinbar zwangsläufigen Fortgang der Ereignisse unterscheiden, macht auch ein Blick in das (von Longerich nicht konsultierte) Tagebuch Victor Klemperers deutlich. Dieser schrieb am 14. Juli 1934, die „Röhmrevolte“ habe ihm „mächtigen Auftrieb“ gegeben und zugleich die „Wonne“ verspüren lassen, dass man sich innerhalb der NS-Führung „gegenseitig auffrißt“. Die Regimekrise sei keinesfalls überwunden und Hitler weniger fest im Sattel denn je, weil er sich erst mit zwielichtigen Männern wie Röhm eingelassen habe und dies nun öffentlich eingestehen müsse: „Er hat doch diese Menschen auf ihre Posten gestellt.“ Klemperer war überzeugt, „dieser Schlag ist nicht zu überwinden […] der Mann ist verloren.“

Peter Longerich: Abrechnung. Hitler, Röhm und die Morde vom 30. Juni 1934. Molden-Verlag, Wien 2024. 208 Seiten, 28 Euro. E-Book: 21,99 Euro. (Foto: Molden-Verlag)

Doch wenige Wochen nach der mörderischen politischen Säuberungswelle vom Juni/Juli 1934 starb Reichspräsident Paul von Hindenburg, der zuvor Hitler für dessen „entschlossenes Zugreifen“ beim vermeintlichen Staatsstreich seinen Dank ausgesprochen hatte. Noch am Tag seines Todes wurde das Amt des Reichspräsidenten abgeschafft und Hitler zum Oberbefehlshaber der Wehrmacht ernannt. Seine mörderische Herrschaft, in der die Morde vom 30. Juni 1934 nur der Auftakt zu millionenfachem Massenmord waren, sollte noch mehr als ein Jahrzehnt währen.

René Schlott ist Historiker und Publizist.

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