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Bombardierung von Dresden 1945:"Freunde tot, Lehrer tot. Das soziale Umfeld: alles weg"

News conference in Berlin calling for the release of activist Julian Assange

Gerhart Baum im Februar 2020 bei einer Pressekonferenz in Berlin.

(Foto: REUTERS)

Im Februar vor 75 Jahren überlebt Gerhart Baum die Bombardierung von Dresden im Keller seines brennenden Hauses. Im Gespräch erinnert sich der FDP-Politiker an das Inferno - und warnt vehement vor einem Opfermythos.

Interview von Oliver Das Gupta

In der Nacht vom 13. auf den 14. Februar 1945 wurde das bis dahin vom Zweiten Weltkrieg weitgehend verschonte Dresden Ziel eines verheerenden Luftangriffs britischer und US-amerikanischer Bomberverbände. Gerhart Baum erlebte als Zwölfjähriger die Zerstörung der sächsischen Hauptstadt.

Anschließend flüchtete die Familie nach Oberbayern, an den Tegernsee. 1950 ging Baum nach Köln, studierte Jura und trat in die FDP ein. Der Liberale engagierte sich früh für eine neue Ostpolitik, er saß viele Jahre im Bundestag und amtierte als Bundesinnenminister in der Regierung von Kanzler Helmut Schmidt. Baum lebt in Köln, arbeitet immer noch als Rechtsanwalt und setzt sich für die Verteidigung von Menschen- und Grundrechten ein.

SZ: Herr Baum, im Zweiten Weltkrieg hat es massive Luftangriffe auf die meisten deutschen Städte gegeben, auf Dresden zunächst nicht. Rechneten Sie und Ihre Familie vor dem 13. Februar 1945 noch damit, dass Ihre Heimatstadt stark bombardiert wird?

Gerhart Baum: Nein, das kam für uns völlig unerwartet. Bis dahin hatte es kleinere Fliegerangriffe gegeben, aber wir merkten ja, dass der Krieg zu Ende ging. Wir dachten, bald ist die Rote Armee da und die Stadt bleibt verschont. Das glaubten auch viele Flüchtlinge aus dem Osten, die nach Dresden gekommen waren. Und dann sind große Teile der Stadt in einer Nacht weggebombt worden.

Welche Erinnerungen haben Sie an die Stunden vor dem Angriff?

Es war ein schöner Vorfrühlingstag. Am Abend hatte ich noch die Schulsachen zurechtgelegt und ein Schornsteinfegerkostüm - es war Fasching in Dresden.

Der Fliegeralarm ertönte nach Anbruch der Dunkelheit. Was passierte dann?

Meine beiden Geschwister, meine Mutter und ich sind runter in den Luftschutzkeller, wir hatten drei Koffer dabei. Dann fielen die Bomben, eine Sprengbombe explodierte direkt vor unserem Haus, die Wände wurden erschüttert. Wir saßen im Dunklen. Wir konnten zunächst nicht weg, draußen war der Feuersturm, auch unser Haus brannte, die Hitze war enorm. Wir sind dann mit Mühe rausgekommen, alle hatten eine Rauchvergiftung erlitten.

Wie sah Dresden am Tag danach aus?

Nichts war so wie vorher. Die Stadt bestand aus Ruinen und Trümmern. Tausende Leichen habe ich gesehen. Die Toten wurden vor dem Bahnhof gestapelt und dann auf Scheiterhaufen verbrannt. Das sind Erinnerungen, die lassen mich nicht mehr los.

Ihr Vater war damals im Krieg, er starb in sowjetischer Gefangenschaft. Wie ging es weiter mit Ihrer Familie?

Wir waren über Nacht obdachlos geworden, Flüchtlinge mit drei Koffern. Es waren ja nicht nur unsere Wohnung und unser Hab und Gut zerstört. Freunde tot, Lehrer tot. Das soziale Umfeld: alles weg. Wir haben dann Dresden verlassen in Richtung Bayern.

Das untergehende NS-Regime hat die Zerstörung von Dresden in ihre Propaganda eingebaut, noch während des Krieges war von 100 000 Toten die Rede.

Und nach dem Krieg kursierten sogar noch höhere Zahlen. Alles falsch.

Neulich nannte AfD-Chef Tino Chrupalla erneut die Zahl 100 000. Was sagen Sie dazu?

Das Leid von Dresden wird immer wieder zu politischen Zwecken missbraucht, so durch die Kommunisten in der DDR und jetzt durch die AfD. Damit soll ein besonderer Opfermythos gepflegt werden. Dazu besteht überhaupt kein Anlass. Deutschland hat den verbrecherischen Angriffskrieg zu verantworten mit mehr als 50 Millionen Toten.

Wie viele Menschen sind in etwa durch das Bombardement in Dresden vor 75 Jahren umgekommen?

Eine Kommission hat das aufgearbeitet und kam auf eine Totenzahl zwischen 20 000 und 30 000. Das sind fraglos sehr viele Opfer, allerdings muss man das schon einordnen. Die Deutschen hatten viel früher damit begonnen, mit Luftangriffen Städte in Schutt und Asche zu legen: Guernica in Spanien 1937, Wieluń in Polen 1939, Rotterdam in den Niederlanden 1940, um drei Beispiele zu nennen. Und noch etwas: Der Herzog von Kent hat für seine Versöhnungsaktivitäten vor wenigen Jahren den Dresden-Preis erhalten. Bei der Verleihung wies er darauf hin, dass die Zahl der durch deutsche Bomben und Raketen zu Tode gekommenen Londoner ähnlich hoch war wie in Dresden.

Andere Städte in Deutschland sind durch Luftangriffe getroffen worden, dort scheitern Revanchisten und Rechtsradikale damit, die Vergangenheit zu instrumentalisieren. In Dresden ist das anders. Können Sie erklären, warum?

Da ist eine ganz eigene Mentalität weit verbreitet, die in die Richtung geht: Wir sind die Opfer. Das hat meiner Ansicht nach mehrere Komponenten: Städte wie Köln und München wurden ja immer wieder Ziel von Angriffen, in Dresden fokussiert sich alles auf dieses eine Datum. Außerdem haben die Kommunisten in der DDR gerne betont, dass es britische und amerikanische Bomben waren, die Dresden zerstört haben. Dass Moskau vorher um die Bombardierung gebeten hatte, um die Ostfront zu entlasten, ist belegt. Das alles, genauso wie die Opferzahl, ist offenbar noch nicht allen bekannt. Deshalb sind alle demokratischen Kräfte in der Verantwortung, die Zerstörung von Dresden in den Gesamtkontext einzufügen und die Mythenbildung zu entlarven.

Um das Gedenken mit der Gegenwart zu verknüpfen, haben Sie und andere 2010 den Dresden-Preis initiiert, mit dem Menschen gewürdigt werden, die sich für friedliche Konfliktlösungen einsetzen. Dieses Jahr wurde die aus Syrien stammende Bildungsaktivistin Muzoon Almellehan ausgezeichnet.

Eine engagierte junge Frau, die auch Unicef-Sonderbotschafterin ist und deren Ziel vor allem eines ist: Kindern in Krisengebieten wie Syrien Bildung zu ermöglichen. Bei der Preisverleihung vor wenigen Tagen in der Semperoper haben wir die Ruinen des zerstörten Aleppo auf die Bühne projiziert. Und in meiner Rede habe ich gesagt, die Dresdner sollten erkennen: Damals wir und heute die Syrer. Wer angesichts dieses gemeinsamen Schicksals fremdenfeindlich ist, der sollte sich schämen.

Sie klingen wütend.

Wissen Sie, ich bin im Nationalsozialismus aufgewachsen, ich habe in der Hitlerjugend diese ganzen Veranstaltungen mitgemacht und musste diese Phrasen hören und lesen. Deshalb erfüllt es mich mit besonderem Zorn, wenn sich in Deutschland Rassismus, Antisemitismus und Nationalismus wieder breitmachen wollen. Wir müssen uns mit aller Macht bei jeder Gelegenheit dagegenstemmen.

© SZ.de/jsa
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