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Dreiergipfel in Italien:Geist von Ventotene soll die EU neu beleben

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Vielleicht hilft die geografische Abgeschiedenheit beim Nachdenken über Europa: Ventotene hat 500 Bewohner und einen kleinen Hafen, aber keinen Flughafen.

(Foto: imago)

Brexit - und dann? Merkel, Hollande und Renzi sprechen über die Zukunft der EU. Sie treffen sich an einem geschichtsträchtigen Ort. Danach geht es ab auf den Flugzeugträger.

Eine kleine Insel vor Neapel, eineinhalb Quadratkilometer groß, 500 Bewohner, soll mit ihrem mythischen Geist aus fernen Zeiten die Europäische Union neu beleben - oder wenigstens ihre drei großen Gründernationen.

Wenn sich an diesem Montag die deutsche Kanzlerin Angela Merkel, der französische Präsident François Hollande und der italienische Premier Matteo Renzi auf Ventotene treffen, um die Herausforderungen Europas nach dem Brexit zu besprechen, dann soll etwas von jenem europäischen Idealismus herüberwehen, der zwischen 1941 und 1944 die Verfasser der Schrift "Für ein freies und vereintes Europa" animiert hatte. Sie wurde als "Manifest von Ventotene" bekannt und gehört ins Konvolut der wichtigsten Gründungsdokumente der Union.

Verfasst haben das Manifest die Antifaschisten Altiero Spinelli, Ernesto Rossi, Eugenio Colorni und dessen damalige Frau Ursula Hirschmann während ihrer Verbannung auf Ventotene. Benito Mussolini hatte die Angewohnheit, die Gegner seines Regimes in entlegene Bergdörfer und auf kleine Inseln abzuschieben und einzusperren.

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Auf Ventotene und im Gefängnis auf der vorgelagerten Insel Santo Stefano waren 800 Partisanen untergebracht, unter ihnen auch Sandro Pertini, Italiens späterer Staatspräsident. Pertinis Zelle im zweiten Stock des nunmehr zerfallenden, von Gras überwachsenen Gefängnisses ist bis heute ein symbolischer Ort der "Resistenza".

Vor einigen Monaten hat die italienische Regierung beschlossen, den Bau restaurieren zu lassen, damit er als würdige Gedenkstätte dienen kann. Daneben soll eine Forschungsstelle für europäische Studien entstehen.

Kurze, heftige Störung der Inselruhe

Als Renzi die Insel im Frühjahr besuchte, sprach er vom "Spirito di Ventotene", dem Geist von Ventotene, als ließe sich der Insel auch heute noch etwas von diesem idealistischen Sinn Spinellis und von dessen Mitautoren abringen. In den Zeiten, als sie das Manifest zu schreiben begannen, mutete ihr Geist gar utopisch an: 1941 wies ja noch nichts darauf hin, wie der Krieg enden könnte. Europa zerriss sich. Da brauchte es viel, um eine bessere Zukunft zu denken. Doch vielleicht half dabei die geografische Abgeschiedenheit.

Ventotene ist abgeschieden geblieben, für einen Flughafen ist kein Platz. Die Insel lebt im gemächlichen Rhythmus eintreffender und wegfahrender Fähren. Der kleine Gipfel der Drei, der den großen EU-Gipfel ohne Großbritannien Mitte September in Bratislava vorbereiten soll, stört die Gemächlichkeit der Insulaner und ihrer vielen Sommergäste kurz, aber heftig.

Merkel, Hollande und Renzi werden sich nur knapp eine Stunde auf der Insel aufhalten und dabei das Grab Spinellis besuchen, obschon dessen Traum vom föderalistischen Europa, von den "Vereinigten Staaten Europas", längst nicht von allen geteilt wird. Danach lassen sie sich mit dem Hubschrauber auf den Flugzeugträger Giuseppe Garibaldi fliegen, der vor Ventotene ankern wird, um dort die Presse zu treffen und zu dinieren - an Bord, auf der Rückfahrt nach Neapel.