Drei Jahre nach der Revolution Probleme der Bevölkerung kommen zu kurz

Mohamed Seifeddine Fnayou, 24 Jahre, Wirtschaftsingenieur aus Tunis:

Mohamed Seifeddine Fnayou, Wirtschaftsingenieur

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"Die Erinnerung an die letzten ein, zwei Jahre macht mich stolz. Denn tatsächlich sind einige Dinge heute besser. Doch geht es uns wirtschaftlich besser? Nein! Es wird eher schlimmer. Geht es uns finanziell besser? Nein! Es wird immer schlimmer. Wenn wir über Meinungsfreiheit reden - ja!

Aber in Sachen Sicherheit gibt es Hochs und Tiefs. Die Polizei macht ihre Arbeit soweit gut, die Situation auf den Straßen ist vergleichbar mit der Zeit vor der Revolution. Über die Instabilität im Land bin ich aber noch immer sehr besorgt. Immer wieder hört man von Problemen mit Islamisten, von neuen Streiks, bewaffneten Konflikten. Aktuell höre ich viel über terroristische Aktivitäten im Süden Tunesiens. Doch die Nachrichten sind oft unklar, die Infos nicht eindeutig. Das macht mir Angst.

Scheindebatten statt Lösungen für die Wirtschaftskrise

Die politische Situation ist meiner Meinung nach besser als in den vergangen Jahren, aber trotzdem nicht gut. Wenn es um die Effizienz der jetzigen Politik geht, um die Effizienz der Verfassung und der einzelnen Artikel - die Politiker diskutieren die immer selben Scheinprobleme. Die nationale verfassungsgebende Versammlung krankt an den unterschiedlichen Sichtweisen der politischen Kräfte. Die Opposition kommt obendrein zu wenig zum Zuge, finde ich.

Die Opposition und die rechten Parteien haben viel debattiert, was für ein Land Tunesien werden und welche Rolle dabei die Religion spielen soll. Säkulare und Islamisten haben diskutiert, wo das Land steht. Doch für die Gesellschaft ist das derzeit nicht von so großer Bedeutung. Ich glaube, diese Streitigkeiten waren überflüssig. In Tunesien hat die Bevölkerung ihre eigene Denk- und Lebensweise entwickelt, welche weder islamistisch noch säkular ist.

Arbeitslosigkeit belastet junge Tunesier

Wirklich zufrieden bin ich mit der Arbeit der Politiker nicht. Denn man kann sich nie sicher sein, wem man trauen kann und was wahr ist, bei all den Nachrichten und Gerüchten. Für mich wäre es ein Vollzeit-Job, wenn ich versuchen würde, die Politik hier zu verstehen. Wie viele andere habe ich das Gefühl, dass die gesellschaftlichen Vertreter nicht über die grundsätzlichen Probleme sprechen: Arbeitslosigkeit, Sicherheit, Bildung, Gehälter oder Gesundheit.

Einige Investoren haben Tunesien verlassen und sind in wirtschaftlich stabilere Länder abgezogen. Weil nun mehr Sicherheit besteht, kommen einige zurück nach Tunesien. Doch die Arbeitslosenrate sinkt nicht. Ich hoffe, es gibt bald mehr Jobs, doch sicher bin ich mir da nicht. Persönlich bin ich relativ zufrieden mit meiner Situation und möchte nicht zu viel verlangen. Aber ich kenne viele Lehrer, Akademiker, Tunesier mit Diplom, die arbeitslos sind. Und es sieht nicht danach aus, als gäbe es bald genügend Stellen."

Tunesier feiern den Jahrestag der Revolution. Drei Jahre sind seit dem Sturz von Diktator Zine El Abidine Ben Ali am 14. Januar vergangen.

(Foto: AFP)

Wafa Boussaid, 25 Jahre, Vertriebsingenieurin aus Kelibia:

"Für mich ist der 14. Januar 2011 der Tag, an dem das Chaos begann. Abgesehen von der Meinungsfreiheit hat sich bislang durch die Revolution im Grunde nichts getan. Die Stimmung schwankt zwischen Gleichgültigkeit, Trauer, Enttäuschung und Hoffnung. Die meisten meiner Bekannten sind entmutigt. Das ist vor allem der Inkompetenz und Sturheit gewisser Politiker geschuldet, die sich ihr Scheitern nicht eingestehen wollen.

In der Verfassung sehe ich kaum entscheidende Neuerungen. Während der langen Zeit des Wartens und der Diskussion fürchteten wir, dass rückschrittliche Gesetze durchgesetzt würden. Nach meiner Ansicht ist die neue Verfassung eine Verschwendung von Zeit, Geld und Energie. Ich finde, die bestehende von 1959 war gerecht genug. Wir hätten sie nutzen und einige Dinge erneuern können, statt alles neu zu schreiben und dafür drei Jahre zu verschwenden - geprägt von Terrorismus, von der Wirtschaftskrise und Regierungslosigkeit. Gesetze und die Verfassung zählen in einem Land wie Tunesien ohnehin nicht viel. Die Regierung und diejenigen mit bedeutenden Posten können die Artikel im Sinn ihrer Interessen auslegen und interpretieren.

Besseres Land für kommende Generationen

Ignoranz, Fundamentalismus und Sexismus prägen mein Land. Es ist zwar toll, dass die Gleichstellung von Mann und Frau nach wie vor in der Verfassung festgehalten ist. Doch viel entscheidender wäre, dass sich die Einstellung in den Köpfen der Menschen ändert. Wenn die Regierungspolitik das nicht fördert, bedeuten die Artikel nicht mehr als die Tinte auf dem Papier.

Die einzige Hoffnung für die kommenden Generationen ist eine Regierung mit Vertretern, die ihr Land lieben und modernisieren wollen und die Werte unserer Nation und Republik durchsetzen. Ich sehe großes Potential in der tunesischen Bevölkerung und hoffe weiterhin, dass morgen, "inschallah" - so Gott will -, ein besserer Tag kommt, wenn wir unser Land lieben und zusammenarbeiten, um Tunesien zu einem besseren Ort für unsere Kinder zu machen."

Auf der nächsten Seite folgt ein Überblick über den bisherigen Stand der Verfassung.