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Frauen in der Politik:"Die italienische Gesellschaft ist äußerst sexistisch"

Die italienische Schriftstellerin Michela Murgia wurde in Deutschland mit ihrem Roman "Accabadora" bekannt.

(Foto: Chiara Pasqualini)

Die italienische Schriftstellerin Michela Murgia kritisiert die Unterrepräsentation von Frauen im Kabinett des neuen Premiers Draghi. Ein Gespräch über Sexismus, Machtstrukturen und den ersehnten starken Mann.

Interview von Francesca Polistina

Vieles kann man sagen über die neue italienische Regierung, nicht aber, dass sie paritätisch besetzt ist. Dem Kabinett Draghi gehören 15 Männer und acht Frauen an, davon nur drei in den Schlüsselpositionen. Im SZ-Interview erklärt die Schriftstellerin Michela Murgia, warum sie denkt, dass die italienische Politik immer noch äußerst sexistisch ist.

Frau Murgia, was dachten Sie, als Mario Draghi den neuen Ministerrat vorstellte?

Ich empfand eine große Enttäuschung. Als Mario Draghi noch Chef der Europäischen Zentralbank war, äußerte er sich mehrmals zum Thema Gender-Gap, insbesondere in Bezug auf dessen wirtschaftliche Auswirkungen. Für Draghi ist die Frage der Geschlechterkluft vor allem eine Frage des Bruttoinlandsprodukts, da die Unterrepräsentation von Frauen in der Arbeitswelt der Wirtschaft schadet. Außerdem gehört die Beseitigung des Gender-Gaps zu den Zielen des Wiederaufbaufonds, weshalb es natürlich gewesen wäre, ein Signal vonseiten der Politik zu erwarten. So war es aber nicht. Als ich diese ganzen Männer sah, vor allem in den Reihen der progressiven Parteien, sah ich die alte Politik.

Liegt die politische Verantwortung also bei Draghi?

Sie kann nicht bei Draghi liegen, da er ein Mandat zur Gründung einer Einheitsregierung erhalten hat. Es sind die Parteien, die die Ministernamen vorschlugen, obwohl ich erwartet hatte, dass Draghi viel mehr Wert auf Parität legt. Nehmen wir den Partito Democratico (die Mitte-links-Partei; Anm. d. Red.), der jetzt mit drei Männern in der Regierung sitzt. Das Hauptproblem besteht darin, dass selbst bei den Progressiven die Kompetenzen der Frauen nicht als Führungskompetenzen gesehen werden. Es herrscht immer noch die Idee, dass die Soft Skills, die Frauen traditionsgemäß zugeschrieben werden, wie die Fähigkeit zum Dialog und zum Ausgleich, dafür da sind, der Partei zu dienen - und nicht, sie zu führen.

Auch die Forza Italia von Silvio Berlusconi stellt drei Mitglieder der Regierung, zwei von ihnen sind Frauen. Man könnte fast meinen, die konservativen Parteien seien in Sachen Gendergleichheit vorn.

Frauen an die Macht zu bringen, ist nicht per se progressiv. Nicht alle Frauen sind feministisch, und man muss kein Mann sein, um machohafte Ansichten zu vertreten. Viele der Frauen, die in den letzten 15 Jahren die konservativen Parteien Italiens geprägt haben, wie eben die jetzigen Ministerinnen Mariastella Gelmini und Mara Carfagna, sind Frauen, die dem Chef gegenüber äußerst treu sind. Ihre Funktion in der Partei ist nicht, das patriarchale System umzukrempeln, sondern es zu bestätigen. Wenn man die Rolle der Sittenhüterin bewusst annimmt, wird man belohnt in der Politik. Gleichzeitig wird man zum Alibi für die Männer, die sagen können: Seht, bei uns in der Partei gibt's doch Frauen.

Es ist also nicht nur eine Frage der Zahlen?

Nicht durchs Zählen der Gebärmütter erreicht man Emanzipation, sondern durch das Hinterfragen der Machtstrukturen. Die Männer werden so geprägt - und die Frauen, die aufsteigen, ebenso -, um gegen jemanden mächtig zu sein. Während es beim inklusiven Machtmodell darum geht, gemeinsam mächtig zu sein, nicht gegen jemanden. Mein Eindruck ist, dass in Italien, sowohl rechts als auch links, die politische Macht nur in die vertikale Richtung geht, nicht in die horizontale.

Keine Frau in Italien hat es bisher geschafft, Präsidentin der Republik oder auch Ministerpräsidentin zu werden.

Die männliche Lobby ist noch sehr stark. Vor einigen Jahren hat Emma Bonino bereits versucht, sich als Präsidentin der Republik nominieren zu lassen, sie ist wahrscheinlich die einzige weibliche Figur, die von allen Parteien geschätzt wird. Ich sehe im Moment keine andere. Nicht, weil es keine gibt, sondern, weil sie nicht aufsteigen konnten. Wenn Frauen immer in der zweiten Reihe gehalten werden, ist es nicht verwunderlich, dass sie als ungeeignet für wichtige Posten erscheinen. Weil man nicht gewohnt ist, sie oben zu sehen.

Nach welcher Führungskraft sehnen sich die Italienerinnen und Italiener?

Die italienische Gesellschaft ist äußerst sexistisch. Wenn im dominanten Narrativ die Autorität nur in Form eines alten, weißen, heterosexuellen Mannes zum Ausdruck kommt, von welcher ​​anderen Figur kann man sich dann vorstellen, regiert zu werden? Das betrifft alle Branchen, nicht nur die Politik, sondern auch das Unternehmertum, die Kultur und den Journalismus. Und selbst wenn die Führungskräfte jung sind, treiben sie die Vision des starken Mannes voran. Wie Matteo Renzi oder Matteo Salvini. Sie repräsentieren den jungen starken Mann, der gegen den alten starken Mann antritt, aber vom starken Mann bleibt immer die Rede.

© SZ/kit
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