Doppelanschlag in der U-Bahn Moskaus wunder Punkt

Dichtes Gedränge, Sirengeheul und viel Blut: Eindrücke von der Roten Metrolinie -wenige Stunden nach den Terroranschlägen in Moskau, bei denen mindestens 38 Menschen starben.

Von Frank Nienhuysen, Moskau

Einige wissen es offenbar noch nicht. Sie gehen die Treppe runter wie immer, halten ihre Karte an den elektronischen Zähler und laufen durch das Drehkreuz. Als sie am Bahnsteig aus den blechernen Lautsprechern die Durchsagen hören, kehren sie wieder um. In der Metro sitzen nur ein paar Menschen, nichts ist so wie sonst. Nur ein kurzes Stück können sie noch fahren, weiter kommt jetzt keiner. Eine Frau sagt, "es ist alles furchtbar, natürlich habe ich Angst, aber irgendwie muss ich ja nach Hause".

Station Jugo-Sapadnaja, die Rote Linie. Hier sollen vor einer Stunde die Selbstmordattentäterinnen zugestiegen sein. Sechs Haltestellen sind es bis zur Haltestelle Park Kultury, zehn bis zur Lubjanka. Um kurz vor acht Uhr explodierte an der Lubjanka die erste Bombe, um 8:40 Uhr am Park Kultury die zweite. Wer auf möglichst viele Opfer aus ist, hat hier die passende Linie gewählt, und die richtige Uhrzeit.

An der Lubjanka ist der Sitz des russischen Inlandsgeheimdienstes, kaum ein stärkeres Symbol hätten die Täter auswählen können als die Zentrale des FSB. Diese ist maßgeblich am Anti-Terror-Kampf im Kaukasus beteiligt.

Am Park Kultury trifft die Rote Metrolinie auf die Ringlinie. Ein Knotenpunkt, an dem morgens die Menschen minutenlang dicht gedrängt stehen, um überhaupt auf die Rolltreppe zu kommen.

Acht, neun Millionen Menschen fahren allein in Moskau täglich mit der U-Bahn, alle 60 Sekunden rauscht in den Stoßzeiten eine neue Metro an den Bahnsteig, an dem in dichten Zweier-, Dreier- oder Viererreihen schon wieder die nächsten Fahrgäste warten. Die Metro ist vielleicht die größte Schwachstelle Moskaus.

Die Attentäterin wartete bei der Einfahrt noch, bis sich die Türen zur Plattform öffneten, ehe sie sich in die Luft sprengte. Später wurde dort der abgetrennte Kopf einer jungen Frau gefunden, vermutlich der Selbstmörderin. Aber so eng pressen sich die Fahrgäste dort, dass er vielleicht auch einer Passagierin gehörte.

Mindestens 38 Tote, Dutzende Verletzte. Rettungshubschrauber kreisen über den Orten der Katastrophe, Teile des Verkehrs werden abgeriegelt und umgeleitet, Einsatzfahrzeuge versuchen mit Sirenengeheul, eine Schneise durch die verstopften Straßen zu schlagen.

Moskau erlebt wieder einmal einen dieser traurigen Tage, die die Stadt in den vergangenen 15 Jahren schon mehrmals durchmachen musste.

Präsident Dmitrij Medwedjew ordnete verschärfte Sicherheitsmaßnahmen an. Hunderte Polizisten kontrollierten verstärkt an den Metrostationen der Hauptstadt, verlangten Ausweise, landesweit wurden die Sicherheitskräfte in erhöhte Alarmbereitschaft gesetzt, an den Zugbahnhöfen, an den Flughäfen.

Russland werde den Kampf gegen den Terrorismus ohne Zögern und bis zum Ende durchführen, sagte der Präsident. Und Ministerpräsident Wladimir Putin kündigte an, die Terroristen würden gefangen und vernichtet. Aber nicht einmal das mächtige Führungsduo kann Sicherheit in Russland garantieren.