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Donezk in der Ostukraine:Rebellen überlassen der Verwaltung die Organisation

In einem anderen Verwaltungsgebäude von Donezk teilen sich Ljubimowa und 21 Kolleginnen der Registratur jetzt ein 24-Quadratmeter-Zimmer und zwei betagte Computer. In der Ecke stehen die Säcke mit den geretteten Akten, auf einem Schreibtisch die Computer: Der eine dient zum Einscannen neu eintreffender Dokumente, der zweite für alles andere. "Das meiste machen wir wieder per Handarbeit - wie in den vergangenen Jahrzehnten." Neben Ljubimowa steht ein Pappkarton mit handgeschriebenen Dokumenten: "Für den Ministerrat der Ukraine". Besonders wichtige Dokumente werden von besonderen Regierungskurieren transportiert. Für den großen Rest benutzen die Beamten, da sie mit ihren Büros auch ihre Telefonnummer und mit dem Server auch den Zugang zu ihren Dienst-E-Mail-Adressen verloren haben, Handys und private Mail-Adressen. Gouverneur Sergej Taruta residiert seit der Erstürmung seines Büros in einem Hotel. "Wenn wir dem Gouverneur etwas schicken, rufen wir seinen Assistenten auf dem Handy an und sagen: Sieh mal in deine Mail - wir haben dir was für den Chef geschickt", erzählt Irina Timoschenko.

Die Rebellen überlassen der etablierten Verwaltung nicht nur gern die Organisation der 61 Sommerlager, in denen 215 000 Kinder aus der Region in diesen Monaten mehrere Wochen Urlaub verbringen dürfen, sondern auch das sonstige Verwalten und Regieren. In der Rebellenhochburg Slawjansk und einem anderen Ort musste die Verwaltung vor einigen Tagen Zahlungen einstellen. Sonst aber werden Löhne, Kindergeld und Renten in der Region Donezk dem Gouverneur Taruta zufolge weiter ausgezahlt. Im März stürmten die Rebellen zwar die Staatskasse. "Aber als sie feststellen mussten, dass es dort kein Bargeld gab, sondern alles per Überweisung abgewickelt wird, zogen sie wieder ab", sagt Tarutas Sprecher Ilja Susdaljew. Wie bisher werden Steuern gezahlt, Löhne und Renten weiter auf Bankkonten überwiesen - oder vom Postboten ins Haus gebracht.

"Die Separatisten haben den Finanzverkehr bewusst nicht angerührt", sagt Susdaljew. "Die meisten ihrer Anhänger sind arme Bürger oder Rentner, die von staatlichen Zahlungen abhängen. Wenn die ihr Geld nicht mehr pünktlich bekommen, ist es mit der Unterstützung für die Separatisten schnell vorbei. Und den Separatisten fehlen erstens die Fachleute, die sich mit Finanzen und anderen Verwaltungsangelegenheiten auskennen. Und zweitens bekommt unsere Region entgegen der Propaganda der Separatisten einen großen Teil ihres Geldes von der Regierung in Kiew." Würden die Separatisten in die Finanzämter einziehen, würde die Regierung in Kiew die Überweisungen wohl sofort stoppen.

Neuer Server in Deutschland

Wo genau die aus dem Gouverneurssitz vertriebenen Dienststellen und Beamten in Donezk untergekommen sind, ist vertraulich, die neuen Adressen werden nicht veröffentlicht. Für solche Vorsicht haben die Beamten gute Gründe: Regierungstreue Polizeibeamte und Schullehrer, Wahlkommissionsleiter und andere Beamte wurden von den Separatisten entführt, längst nicht alle wieder freigelassen, einige wurden ermordet. Bürger, die wichtige Dokumente benötigen, werden nach Prüfung per Mobiltelefon einzeln zur jeweils zuständigen Dienststelle bestellt. Das gilt auch für die Vertreter von Firmen, die Genehmigungen für Ein- oder Ausfuhren benötigen oder eine Sicherheitsbescheinigung für eines der zahlreichen Kohlebergwerke der Region benötigen.

Irina Timoschenko, der von der Personalabteilung bis zu den Finanzen 152 Mitarbeiter unterstehen, teilt sich im Notquartier ein Büro mit Kolleginnen anderer Abteilungen. Jelena Kupiljowa von der Bürgersprechstunde zum Beispiel empfängt gewöhnlich etwa 300 Bürger im Monat. Gerade kümmert sie sich um den Brief eines Dorfbewohners in der Nähe von Donezk, der darum bittet, den Betrieb auf einer eingestellten Buslinie wieder aufzunehmen. "Physische Sprechstunden haben wir aus Sicherheitsgründen fürs Erste eingestellt. Die Bürger können uns nur schreiben - an unsere alte Adresse am Puschkin-Boulevard 34", sagt Kupiljowa. "Da sitzen zwar jetzt die Separatisten, aber wir holen die gesamte Post jetzt direkt beim Postamt ab."

Auch im Internet geht das Regierungsgeschäft auf der improvisierten Seite donpress.com weiter. Schon verhandeln die Beamten von Gouverneur Taruta über die Restaurierung des Datenverkehrs - der neue Server soll vorsichtshalber in Deutschland stehen.

© SZ vom 30.05.2014/mane
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