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Rede von Donald Tusk im Wortlaut:"Man musste irgendetwas tun"

European Union leaders summit in Brussels

Donald Tusk (Archivbild)

(Foto: FRANCOIS LENOIR/REUTERS)

Wie sah Willy Brandts Kniefall vor dem Warschauer Ghetto-Denkmal für die polnischen Beobachter aus? In einer Rede zum 50. Jahrestag erinnert sich der polnische Politiker Donald Tusk, Vorsitzender der Europäischen Volkspartei.

Sehr geehrte Brigitte Seebacher,

sehr geehrte Ministerpräsidentin Malu Dreyer,

sehr geehrte Christoph Charlier,

liebe Freunde,

als ich Ihre Einladung zum fünfzigsten Jahrestag des Kniefalls von Willy Brandt am Denkmal des Warschauer Ghetto-Aufstands bekam, habe ich ohne zu zögern zugesagt. Ich habe Ihnen einen herzlichen und offenen Brief zurück geschrieben, der allerdings in einem Punkt nicht ganz den Tatsachen entsprach. Ich schrieb damals nämlich, dass ich bis heute diesen Tag und das ergreifende Bild in direkter Erinnerung habe vom Kanzler, der auf dem regennassen Boden kniet.

Aber in Wirklichkeit muss es anders gewesen sein, ich kann ihn an jenem 7. Dezepber 1970 gar nicht gesehen haben. Erst Jahre später kann ich das ganze Bild wirklich vor Augen gehabt haben. Denn Fernsehen und Presse waren damals total von der Kommunistischen Partei kontrolliert. Sie zeigten nicht die Wahrheit, sondern ziemlich kunstvoll manipulierte Bilder. Man zeigte damals entweder nur das Gesicht Willy Brandts, oder Bilder aus einer Perspektive, in der er vor einem Soldaten der polnischen Ehrengarde kniet, aber nicht vor dem Ghetto-Denkmal.

Erst viele Jahre später wurde mir die wirkliche politische und symbolische Bedeutung dieser Geste klar, und ihr tatsächlicher Ablauf.

Mit dieser Geste hatten eigentlich alle irgendein Problem. Für den Ersten Sekretär der Kommunistischen Partei Polens, Władysław Gomułka, war der Besuch Willy Brandts die Krönung seiner jahrelangen Bemühungen um die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze. Das war nicht einfach gewesen, auch weil Walter Ulbricht aus seinem Ärger kein Geheimnis machte: schließlich hatte die DDR die Grenze schon lange anerkannt - wozu brauchte Polen jetzt unbedingt auch die westdeutsche Bestätigung? Gomułka allerdings wusste genau, welche große Bedeutung für ihn eine solche Erklärung von beiden deutschen Staaten hatte, und deswegen sollte der Besuch Brandts zu seinem ganz persönlichen Triumph werden. Gomułka wollte im Mittelpunkt des Ereignisses stehen.

Objektiv gesehen, war der Besuch tatsächlich ein Erfolg für Warschau. Auf diese Weise war für die Bewohner der polnischen Westgebiete (also des vom Dritten Reich verlorenen Terrains) endlich die Zeit der Unsicherheit vorbei. Ob in Stettin oder Breslau - diese Unsicherheit war damals immer noch sehr gegenwärtig: die Menschen dachten, womöglich seien die Nachkriegsgrenzen nur ein Provisorium, das die nächste geopolitische Umwälzung nicht überleben würde.

Mit dieser Geste hatten alle Probleme

Wenn Brandt vor dem Grabmal des Unbekannten Soldaten gekniet hätte: das hätte man noch in den offiziellen Narrativ einbauen können, aber vor dem Ghettodenkmal? Gomułkas Verlegenheit war auch deswegen so groß, weil dieser gerade erst vor zwanzig Monaten eine ekelhafte antisemitische Kampagne losgetreten hatte, wegen der Tausende polnischer Juden - Holocaust-Überlebende - das Land für immer verlassen hatten. Und die, die geblieben waren, verloren ihre Arbeitsplätze und wurden ziemlich grausam schikaniert. Auch das war ein Grund, warum der Kniefall vor dem Ghetto—Denkmal erfolgreich von der kommunistsichen Zensur aus dem kollektiven Gedächtnis der Polen für viele Jahre gelöscht wurde.

Aber wie schon gesagt: mit dieser Geste hatten alle Probleme. Das hat Günter Grass, selbst ein Danziger und ein Freund Willy Brandts, in seinem Buch "Mein Jahrhundert" in einem hoch ironischen Text beschrieben, ich zitiere: "Dieser Vaterlandsverräter, der in norwegischer Uniform gegen uns Deutsche gekämpft hat, hier mit großem Gefolge - Krupp-Manager Beitz, paar linke Schriftsteller und sonstige Geistesgrößen - angereist kommt, den Polacken unser Pommern, Schlesien, Ostpreußen auf dem Tablett serviert und dann noch, als Zugabe wie im Zirkus, ruckzuck auf die Knie geht."

Das war damals nicht nur ein literarischer Streich. Die Deutschen, zumindest die Mehrheit unter ihnen, waren damals noch nicht bereit für ein so starkes Zeichen der Reue. Laut zeitgenössischen Umfragen hielt die Hälfte der Befragten die Geste für unnötig und übertrieben.

Auch hier war Brandt, als der außergewöhnliche, ja epische Charakter, der er war, seiner Zeit weit voraus, provozierend und aufrüttelnd, auch wenn er hier intuitiv und vielleicht sogar ein wenig zufällig gehandelt hatte. "Am Abgrund der deutschen Geschichte und unter der Last der Millionen Ermordeten tat ich, was Menschen tun, wenn die Sprache versagt" erklärte er in seinen Memoiren. In einem Gespräch im Familienkreis beschrieb er seine Motive allerdings auf prosaischere und vielleicht auch ehrlichere Weise: "Man musste irgendetwas tun." Auf diese Worte komme ich noch zurück.

Bei uns zu Hause haben meine Eltern den Besuch ganz sicher bewusst miterlebt. Sie waren Danziger seit Generationen, Polen, aufgewachsen in der deutschen Kultur und Sprache, mit furchtbaren Erlebnissen in der Zeit des Nationalsozialismus. Die deutsch-polnischen Beziehungen waren für sie also mehr als politische Verlautbarungen und Abkommen, aber selbst wenn ich damals ihre Gespräche mitbekommen habe, dann verstand ich als Dreizehnjähriger davon ziemlich wenig. Und außerdem begannen kaum eine Woche nach dem Besuch Brandts ganz andere Ereignisse und Symbole, unsere Emotionen zu prägen.

Am 13. Dezember beschloss Gomułka eine drastische Erhöhung der Lebensmittelpreise. Schon am Tag darauf brachen Proteste aus, die von Polizei und Militär blutig niedergeschlagen wurden. In meiner Stadt brannte die Zentrale der Kommunistischen Partei, auf streikende Werftarbeiter und Demonstranten wurde in den Straßen geschossen, und zufällige Passanten niedergeknüppelt. Zum ersten Mal im Leben spürte ich am eigenen Leib, was Unterdrückung durch ein autoritäres System eigentlich heißt.

Zum Symbol des Jahres 1970 wurde also für mich, wie auch für das kollektive Gedächtnis der Polen, nicht die historische Geste Brandts, sondern Tote und Brände in den Straßen unserer Stadt. Ironie der Geschichte: dieser blutige Aufstand spielte sich ab in Danzig, Stettin und Elbing, also just in den Gebieten, deren Zugehörigkeit zu Polen gerade durch Gomułka und Brandt endgültig bestätigt worden war.

Über zehn Jahre später, in der Zeit des Kriegsrechts, besuchte der von mir schon erwähnte Günter Grass die Stadt Danzig. Sein polnischer Freund und Übersetzer organisierte ein konspiratives Treffen mit der Redaktion der Untergrundzeitschrift "Przegląd Polityczny", deren Mitglied ich war. Grass wollte uns dazu bringen, im Namen der Solidarność-Bewegung einen offenen Brief an den marxistischen Politiker, Dichter und Priester Ernesto Cardenal zu schreiben, einen der Anführer der Revolution in Nicaragua. Grass glaubte, dass genau so, wie wir mit dem sowjetischen Imperialismus kämpften, Cardenal und seine Genossen mit dem amerikanischen Imperialismus kämpften, und dass ein Zeichen der Solidarität aller Unterdrückten für das Schicksal der ganzen Welt von großer Bedeutung sei.

Eine starke Geste kann politische Entwicklungen um Jahre beschleunigen

Die Idee einer Gleichsetzung von USA und UdSSR erschien uns - höflich ausgedrückt - exotisch, aber Grass' Argumente waren interessant. Er sprach von der Macht der Geste, der Bedeutung des Symbolischen in der Politik, über die Überschreitung von Grenzen politischer Routine. Er bezog sich auch auf Brandts Kniefall vor dem Denkmal in Warschau. "Das haben damals auch wenige verstanden; man hat ihn in Deutschland kritisiert, aber am Ende behielt er Recht und nicht die anderen."

Also haben wir schließlich den Brief an Cardenal geschrieben, allerdings nicht so, wie Grass sich das vorgestellt hatte. Was mir aber auf jeden Fall im Gedächtnis blieb, ist folgender Satz des "Blechtrommel"-Autors: "Denkt immer daran" - sagte er, "eine einzige, starke und mutige Geste kann politische Entwicklungen manchmal um Jahre oder sogar Jahrzehnte beschleunigen."

Viele Jahre später wurden Brandt, Grass und die Rolle von Gesten in der Politik wieder für mich zum Thema von Treffen und Gesprächen. Als Grass zugab, als Freiwilliger in der Waffen-SS gedient zu haben, begann in Polen eine Diskussion, ob man ihm jetzt nicht die Ehrenbürgerschaft der Stadt Danzig aberkennen müsste. Dem damaligen Danziger Bürgermeister Paweł Adamowicz war die Zweischneidigkeit der Situation vollkommen klar - wir haben darüber lange Gespräche geführt. Er wusste, egal wie er entscheidet, es würde von hoher symbolischer Bedeutung sein. Und es würde kritisiert werden.

Er rang sich schließlich zu einer kontroversen Entscheidung durch, die verständliche Emotionen weckte: die Aufrechterhaltung der Ehrenbürgerschaft. Ich weiß noch genau, wie glücklich er war, als sich herausstellte, dass die klare Mehrheit der Danziger auf seiner Seite stand. Einige Jahre später wurde er dann selbst eine Symbolfigur in äußerst tragischem Sinne: Er starb durch Messerstiche während des Finales einer großen Benefiz-Aktion, als Opfer organisierter Hasspropaganda.

Aber kehren wir zurück zu den Worten Willy Brandts: "Man musste irgendetwas tun." Wenn ich heute zurück blicke, verstehe ich sehr gut, wie wichtig dieser ganz einfache Imperativ ist. Nicht endlos kombinieren und kalkulieren. Ich weiß ja nicht genau, wie es in Wirklichkeit ablief, aber ich will glauben, dass er niederkniete, weil "man etwas tun muss." So wie damals, als er eine norwegische Uniform anzog. So wie diese Polen, die unter Lebensgefahr in der Shoah Juden versteckten, so wie die Danziger Arbeiter, die sich den Panzern entgegen stellten. So wie heute die Frauen in Minsk, in Belarus, die demonstrieren, obwohl sie niedergeknüppelt werden. Ganz zu schweigen von den Helden des Warschauer Ghettos, die auch wussten, dass "man etwas tun musste".

Diese essentielle Botschaft ist heute so gültig und so wichtig wie eh und je. Ich möchte sie allen Europäern widmen, und besonders den europäischen Politikern. Wenn wir unseren Werten treu bleiben wollen, dann müssen wir manchmal niederknien. Und manchmal auf den Barrikaden stehen. Mutig und kompromisslos im Angesicht des Bösen, bescheiden im Angesicht der Wahrheit und des Leidens. So wie Willy Brandt am 7. Dezember 1970.

Danke.

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