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Donald Trump:Pragmatiker, Nihilist, egal?

Beim Besuch der "New York Times" relativiert Trump konservative Wahlversprechen. Was das bedeutet? Alles eine Frage der Perspektive.

Es war angerichtet, doch niemand wollte zunächst zugreifen. Das berichten die anwesenden Journalisten vom Interview hochrangiger Redakteure und Reporter der New York Times mit Donald Trump am Dienstag. Es gab Mittagessen, keiner rührte es an.

Das Verhältnis zwischen den US-Medien und Trump ist angespannt: Tags zuvor hatte der künftige US-Präsident Berichten zufolge vor einer Runde von TV-Journalisten eine wütende Beschwerde-Litanei über angeblich unfaire Behandlung heruntergebetet, erzählen Teilnehmer. Der Republikaner hatte die New York Times vor und auch nach seiner Wahl wiederholt über Twitter ins Visier genommen, so wie er bereits als Kandidat die Medien zum bevorzugten Sündenbock auserkoren hatte.

US-Präsident

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Das Gespräch, das er zwischendurch bereits abgesagt hatte, wurde trotz Appetitlosigkeit zu einer wenig konfrontativen Angelegenheit. Trump relativierte mehrere Wahlversprechen. Die Wiedereinführung von Foltermethoden wie Waterboarding habe ihm sein möglicher künftiger Verteidigungsminister James N. Mattis de facto ausgeredet. Die versprochene Strafverfolgung Hillary Clintons halte er nicht für sinnvoll; die Entscheidung liegt allerdings in der Hand des Justizministers. Selbst die Kündigung des Klimavertrags von Paris sei noch nicht fix. Und die "Alt-Right" genannte Hardcore-Rechte, die durch seinen Siegeszug Aufwind hat? "Ich will diese Gruppe nicht ermutigen und distanziere mich", sagte Trump.

Worte bedeuten nichts

Sein jüdischer Schwiegersohn Jared Kushner könne helfen, Frieden zwischen Israel und den Palästinensern zu vermitteln, sagte Trump des Weiteren. Die Reporter sprachen ihn auch auf seine Geschäftsinteressen an - und ob diese mit seinem Amt vereinbar sind. Ein Präsident könne laut Gesetz gar keine Interessenkonflikte haben, so Trump. Das ist einerseits richtig, einem Plantagenbesitzer-Präsidenten sei Dank, aber im Kontext von Trumps vielfältigen Geschäftsinteressen nicht gerade beruhigend. Zudem gibt es verfassungsrechtliche Fragen zu seinen Auslandsgeschäften.

Dass Trump Worten kaum Bedeutung über den Moment hinaus zuweist und auch keine Probleme mit Lügen hat, ist bekannt. Es war ein essenzieller Bestandteil seines Wahlkampfs. "Die Medien nehmen ihn wörtlich, aber nicht ernst. Seine Anhänger nehmen ihn ernst, aber nicht wörtlich": Diese Erkenntnis gilt inzwischen als treffende Beschreibung seines Aufstiegs.

Die widersprüchlichen Aussagen des künftigen Präsidenten wirken erstaunlich stimmig, wenn man sie unter der Prämisse betrachtet, dass er dem jeweiligen Publikum einfach sagt, was es gerade hören möchte. In diesem Falle war die Zielgruppe die als progressiv geltende Times-Redaktion und ihrer Leserschaft. Ob das strategisch, instinktiv oder impulsiv geschieht, ob aus Kalkül, Desinteresse oder dem Wunsch nach Anerkennung, bleibt Politik-Psychologen zur Analyse überlassen.