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US-Wahlkampf:Der Fixer packt aus

Michael Cohen

Michael Cohen hat abgeschlossen mit dem Kapitel Trump. Und ein Buch daraus gemacht.

(Foto: J. Scott Applewhite/AP)

Michael Cohen hat als persönlicher Anwalt von US-Präsident Trump hinter seinem Boss den Dreck weggemacht. Jetzt sitzt er deshalb eine Haftstrafe ab - und hat ein Buch geschrieben, das Trump nicht gefallen dürfte.

Von Thorsten Denkler, New York

Vielleicht wäre Michael Cohen schon längst wieder auf freiem Fuß, wenn er einfach geschwiegen hätte. Sein früherer Boss, US-Präsident Donald Trump, hat kürzlich erst am Beispiel von Roger Stone gezeigt, dass loyale Gefolgsleute durchaus mit Straferlass rechnen können, wenn sie für Trump das Gesetz gebrochen haben und verurteilt worden sind.

Cohen aber hat nicht geschwiegen. Und jetzt verbüßt er eine knapp dreijährige Haftstrafe. Wegen der Corona-Krise derzeit allerdings nicht im Knast, sondern im Hausarrest.

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Cohen hat die Zeit genutzt, ein Buch zu schreiben. Am kommenden Dienstag erscheint es auf dem US-Markt. Titel: "Disloyal: A Memoir". Auf 432 Seiten beschreibt er darin "Die wahre Geschichte des ehemaligen persönlichen Anwalts von Präsident Donald J. Trump", wie es im Untertitel heißt.

Die Washington Post hat am Samstagabend bereits als Erstes breit aus dem Buch zitiert. Inzwischen liegt es auch anderen US-Medien vor. Die ganz großen Neuigkeiten sind darin offenbar nicht zu finden. Aber ein paar interessante Einschätzungen und pikante Details.

Etwa zur russischen Einmischung in die Wahl 2016: Bisher gilt als gesichert, dass Russland versucht hat, Hillary Clinton zu schaden und Trump zu einem Sieg zu verhelfen. Dafür haben russische Offizielle versucht, direkte Kanäle in Trumps Wahlkampagne zu legen. Trump selbst konnte bisher nicht nachgewiesen werden, von den Kontakten gewusst oder sie gar gebilligt zu haben. Cohen schreibt jetzt in seinem Buch, dass es Trump war, der "offene und verdeckte Versuche unternommen" habe, Russland dazu zu bringen, sich zu seinen Gunsten in die Wahl einzumischen. Trump sei ein großer Verehrer des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Und das aus äußerst schlichten Gründen. Zum einen halte Trump Putin fälschlicherweise für "den reichsten Mann der Welt", schreibt Cohen. Zum anderen bewundere er Putin, weil der es geschafft habe "eine ganze Nation zu übernehmen und sie zu führen, als wäre es seine persönliche Firma".

Ein Penthouse für Putin

Trump wollte es sich nach Cohens Beschreibungen auch aus einem anderen Grund nicht mit Putin verderben. Während des Wahlkampfes träumte er davon, dass am Roten Platz in Moskau eines Tages ein weiterer Trump-Tower mit seinem Namenszug stehen könne.

Das Gebäude sollte 120 Stockwerke haben, 30 Stockwerke sollten für ein Fünf-Sterne-Hotel mit einem Spa der Marke "Ivanka Trump" und für Trump-Restaurants reserviert sein. Außerdem waren 230 High-End-Eigentumswohnungen unter anderem für russische Oligarchen vorgesehen. Teil des Planes sei auch gewesen, dem russischen Präsidenten eine Penthouse-Wohnung kostenlos zur Verfügung zu stellen. Wohl um ihn so für das Projekt zu gewinnen, schreibt Cohen.

Dass sein Verhalten womöglich als unpatriotisch oder gar als Verrat gewertet werden könne, sei für Trump "irrelevant" gewesen, schreibt Cohen. Er habe seine ganze Präsidentschaftskampagne dafür genutzt, noch reicher zu werden.

Trump hatte immer wieder behauptet, er habe keine Geschäftsbeziehungen mit Russland gehabt. Cohen hatte diese Version gegenüber dem Kongress zunächst bestätigt, sich dann aber schuldig bekannt, den Kongress belogen zu haben. Im Buch beschreibt er jetzt ausführlich, wie er sich bis in den Herbst 2016 hinein bemüht habe, das Projekt Trump Tower in Moskau voranzubringen.

Cohen ist wegen dieser Lüge und einer Schweigegeldzahlung verurteilt worden. Kurz vor der Wahl 2016 hat er - nach eigener Darstellung im Auftrag von Trump - Schweigegeld an das Nacktmodell Stormy Daniels transferiert. Die Frau sollte die Affäre, die sie mit Trump gehabt haben soll, nicht öffentlich machen - zumindest nicht vor der Wahl. Die Zahlung an Daniels war ein Verstoß gegen das Wahlkampffinanzierungsgesetz.

Cohen schreibt, dass Trump zugestimmt und ihn angewiesen habe, Daniels 130 000 Dollar für ihr Schweigen zu zahlen. Er habe daraufhin mit dem Finanzvorstand der Trump-Organisation, Allen Weisselberg, einen Plan entwickelt, wie diese Zahlung verdeckt gestaltet werden könne. Die Lösung war, dass Cohen eine Scheinfirma nutzte, um das Geld an Daniels' Anwalt zu überweisen. Das Geld habe Cohen zunächst aus eigenen Mitteln bereitgestellt. Trump habe ihm nach seiner Amtseinführung einen Teil der Summe über fingierte Rechnungen zurückerstattet.

Das Buch ist offenbar gespickt mit weiteren schmutzigen Details. Kurz vor dem Wahlsieg etwa habe Trump in New York eine Reihe evangelikaler Anführer um sich versammelt, diese hätten zum Gebet die Hände auf seine Schultern gelegt. Als das Treffen vorüber war, soll Trump gesagt haben: "Kannst du diesen Bullshit glauben? Kannst du glauben, dass Leute diesen Bullshit glauben?"

Der große Witz an der Sache sei, schreibt Cohen, dass Trump viele Weiße aus der Arbeiterklasse im Mittleren Westen davon überzeugt habe, dass er sich um ihr Wohlergehen kümmere. "Die Wahrheit war, dass ihn kaum etwas weniger interessiert hat."

Cohen beschreibt zudem eine Reihe von rassistischen Kommentaren Trumps. Er soll sich als Kandidat einmal darüber beschwert haben, dass die hispanische Bevölkerung ihn nicht ausreichend unterstütze. "So wie die Schwarzen, die sind zu dumm, um für Trump zu stimmen", soll Trump gesagt haben. In Bezug auf den früheren Präsidenten Barack Obama soll Trump gesagt haben: "Nenn mir ein Land, das von einer schwarzen Person geführt wird, das kein Scheißloch ist."

Das Weiße Haus hat alles, was im Buch steht, als Lüge gebrandmarkt. Trumps Sprecherin Kayleigh McEnany erklärte, Michael Cohen sei ein Verbrecher, dem die Anwaltszulassung entzogen worden sei und der den Kongress belogen habe. "Er hat jede Glaubwürdigkeit verloren und es ist nicht überraschend, dass er zuletzt versucht hat, von seinen Lügen zu profitieren."

Cohen hat Trump über Jahre als Anwalt gedient. Er war, wie er schreibt, Teil eines mafiösen Systems. Er war Trumps Fixer, sein Mann fürs Dreckige.

Heute kommt Cohen zu einem klaren Schluss. Trump sei ein "Betrüger, Lügner, Schwindler, Tyrann, Rassist, Raubtier, Hochstapler". Also einer, der im Weißen Haus eigentlich nichts verloren haben dürfte.

Cohen will jetzt dazu beitragen, dass Trump nicht wiedergewählt wird. In einem Interview, das er am Freitag dem Sender NBC News gegeben hat, warnt er, Trump werde "alles und jedes tun", um die Wahl zu gewinnen. Er sei überzeugt, dass Trump sogar so weit gehen würde, Stimmzettel zu manipulieren oder "einen Krieg zu beginnen", um im Amt zu bleiben. Cohens größte Sorge: dass es, sollte Joe Biden gewinnen, "keinen friedlichen Machtwechsel geben wird".

© SZ/jsa
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