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Donald Trump:#FuckYouVeryMuch

Donald Trump And Ted Cruz Join Capitol Hill Rally Against Iran Deal

"Sir, könnten Sie ..." - "Nein, Sie bekommen keine Frage!" Donald Trump hat sein eigenes Verständnis von Pressefreiheit.

(Foto: AFP)

Der zukünftige US-Präsident sieht sich verfolgt von Journalisten, den eigenen Geheimdiensten - und dem begabten Ex-Spion Mr. Steele des britischen MI6. Über eine bizarre Affäre.

Vor ein paar Jahren hat Donald Trump einem amerikanischen Diplomaten einmal Ratschläge gegeben, wie der mit den Russen über Atomwaffen verhandeln sollte. "Ich würde erst mal eine Stunde zu spät zum Treffen kommen", erklärte Trump seine Taktik. "Dann würde ich mich über dem Russen aufbauen, ihm mit dem Zeigefinger an die Brust stoßen und sagen: Fuck you! Dann würde ich wieder rausgehen."

Wie Donald Trump mit den Russen verhandelt, wird die Welt in den kommenden Monaten erfahren. Wie die Fuck-You-Strategie des künftigen Präsidenten funktioniert, konnte man schon mal am Mittwoch besichtigen, als Trump in New York die erste Pressekonferenz seit einem halben Jahr gab. Ein paar Stunden zuvor hatten der Nachrichtensender CNN und die Internetseite Buzzfeed enthüllt, dass in Washington ein 35-seitiges Dossier herumgeistert, in dem von sexuellen Eskapaden Trumps bei einem Besuch in Moskau und engen Verbindungen zum Kreml die Rede ist. Nichts davon ist bewiesen, vermutlich stimmt nicht alles, doch Trumps Lieblingsmedium Twitter war randvoll von anzüglichen Witzen über goldene Duschen und pinkelnde Frauen.

Trump-Mitarbeiter johlen, als ihr Chef dem Reporter von CNN das Fragen verbietet

Als Trump also in New York ans Podium tritt, ist er einigermaßen wütend. Buzzfeed bekommt gleich dicke Prügel. Ein "gescheiterter Haufen Müll" sei das Internetmagazin, rotzt Trump. Den CNN-Reporter Jim Acosta kanzelt er vor der versammelten Weltpresse ab. Drei, vier, fünf Mal versucht der Journalist, eine Frage loszuwerden, jedes Mal rammt ihm Trump - bildlich gesprochen - den Zeigefinger gegen das Brustbein und grollt: Fuck you.

Erster Anlauf. Acosta: "Sir, Sie kritisieren unseren Sender, könnte ich eine Frage ..." Trump: "Ihr Sender ist schrecklich."

Zweiter Anlauf. "Sir ..." - "Ruhe."

Dritter Anlauf. "Mr. President-elect ..." - "Jemand anders stellt eine Frage, seien Sie nicht unhöflich. Seien Sie nicht unhöflich."

Vierter Anlauf. "Sir, könnten Sie ..." - "Seien Sie nicht unhöflich. Nein, Sie bekommen keine Frage."

Fünfter Anlauf. "Sir ..." - "Sie verbreiten Falschnachrichten."

Danach kapituliert Acosta. "Nein", sagt er, "Mr. President-elect, das gehört sich nicht." Aber sein Protest geht unter im Gejohle der Kohorte von Mitarbeitern, die Trump mitgebracht hat und die ihren Chef beklatschen und bejubeln. Offenbar muss man sich darauf einstellen, dass die Pressekonferenzen des Präsidenten der Vereinigten Staaten künftig wie Hasenjagden im Weser-Ems-Land ablaufen: Es gibt Treiber, und es gibt den Bauern mit dem Schrotgewehr, der die Karnickel erlegt. Hinterher trinken alle Mümmelmann, das ist die Aldi-Variante von Jägermeister.

Und die Einschüchterung funktioniert. Die Beharrlichkeit von Jim Acosta ist eine Ausnahme an diesem Tag. Die meisten amerikanischen Journalisten trauen sich nicht, Trump eigentlich zwingende Fragen zu stellen. Es ist unüberhörbar ein Brite, der den künftigen Präsidenten höflich fragt, ob dieser in Moskau eine Sexparty veranstaltet habe, wie es in dem Dossier behauptet wird. Ob Trump sich in Russland auf eine Weise verhalten habe, die er nun bereue oder die einen "vernünftigen Beobachter" zu der Ansicht verleiten könne, er sei erpressbar, will der Journalist wissen. Und siehe: Donald Trump dementiert nicht. Er redet darüber, wie vorsichtig er bei Auslandsreisen immer sei, weil überall Kameras seien, und dass er unter einer Bakterienphobie leide. Die Claqueure kichern. Thema erledigt.

Aber vielleicht war das Geplänkel zwischen Trump und den Medien nur Kulisse. So wie die dekorativen Aktenpakete, die Trump auf einem Wägelchen hereinrollen ließ und die beweisen sollen, wie umfassend und gründlich aufgeschrieben wurde, dass es künftig keine Interessenkonflikte zwischen dem Präsidenten und dem Geschäftsmann Trump geben wird. In Wahrheit beweist der Papierstapel nichts, zumal Journalisten ein Einblick in die Unterlagen von Trumps Mitarbeitern verboten wurde.

Und vielleicht findet in Wahrheit der große Kampf in Washington statt, nämlich zwischen dem künftigen Präsidenten und den Geheimdiensten.

Man muss, um das zu verstehen, einen Schritt zurück machen. Das Trump-Dossier eines ehemaligen britischen Agenten kursierte seit Monaten in amerikanischen Journalisten- und Politikerkreisen. Etliche Medien haben versucht, die Behauptungen und Vorwürfe darin zu belegen - ohne Erfolg. Monatelang lagen die 35 Seiten in den Redaktionsschubladen, bis auf ein paar kleine Artikel wurde nichts darüber geschrieben. Selbst die Demokraten fassten das Material nicht an.

Zusammengestellt wurde das Dossier von Christopher Steele, einem ehemaligen Mitarbeiter des britischen Auslandsgeheimdienstes MI 6. Steele hat sein Wohnhaus im schönen Surrey am Mittwochmorgen verlassen. Surrey ist ein Landstrich, der von ruhebedürftigen und steinreichen Rockstars bewohnt wird, südlich von London. Auf Anfragen antwortet er nicht. Laut Wall Street Journal, das den Namen Steeles als erstes Medium veröffentlichte, hat er den Nachbarn gebeten, sich um die Katze zu kümmern. Wo Steele sich derzeit aufhält, ist nicht bekannt. Die BBC berichtet, er habe bereits im Oktober gesagt, dass er um sein Leben fürchte.

Es war klar, dass diese 35 Seiten nicht nur politisch, sondern auch journalistisch heikel sind

Für MI 6 hat Steele sowohl in Russland als auch in Frankreich gearbeitet, jeweils als Diplomat getarnt. Außerdem arbeitete er für das britische Außenministerium in London. Im Jahr 2009 hat er sich selbständig gemacht. Gemeinsam mit Christopher Burrows, ebenfalls ehemals Mitarbeiter der Geheimdienste, betreibt er die Firma Orbis Business Intelligence, die Privatleuten Ermittlungen anbietet. Burrows sagte, er könne weder bestätigen noch verneinen, dass Steele Autor des Dossiers sei. Einen weiteren Kommentar seitens der Firma gibt es nicht. Ihren Sitz hat sie in London in der Straße Grosvenor Gardens, nahe dem sehr noblen Stadtteil Belgravia, in dem viele Botschaften ansässig sind, darunter die deutsche. Dass die Firma sich diese Adresse leisten kann, deutet darauf hin, dass die Geschäfte nicht allzu schlecht laufen dürften.

Beauftragt wurde Steele von Fusion GPS, einer in Washington ansässigen Firma, die Unternehmen und Investoren Recherchen anbietet. Fusion GPS wiederum wurde offenbar zunächst von Republikanern angeheuert, die Trumps Bewerbung als Präsidentschaftskandidat stoppen wollten. Nachdem Trump zum Kandidaten der Republikaner ernannt worden war, beschäftigte Fusion GPS Steele weiterhin, nun wohl im Auftrag eines demokratischen Geldgebers, und sein Report wurde Demokraten und Medien zugespielt. Da sich der Inhalt des Reports jedoch nicht beweisen ließ, passierte zunächst nichts.

Steele will über seine alten Verbindungen nach Russland erfahren haben, dass ein Video existiert, das Trump mit Prostituierten im Moskauer Ritz-Carlton-Hotel zeigt. Steele berichtet, er habe mit Mitgliedern des Geheimdienstes FSB gesprochen, von denen er manche für Informationen bezahlt habe. In Steeles Dossier wird die vermeintliche Zusammenkunft Trumps mit den Prostituierten sehr detailreich geschildert. Trump wies die Schilderungen als erfunden zurück. Steele befindet, Trump sei aufgrund des Materials erpressbar. Zudem habe der russische Präsident Wladimir Putin den FSB angewiesen, daran zu arbeiten, dass Trump zum Präsidenten gewählt werde und nicht die demokratische Bewerberin Hillary Clinton.

Steele fand seine Erkenntnisse derart brisant, dass er auch mit dem FBI in Kontakt trat. Zu diesem hatte er gute Kontakte, seit er 2010 im Auftrag des britischen Fußballverbandes die Korruption im Weltfußballverband Fifa untersuchte. Damals reisten FBI-Agenten nach London, um sich mit Steele auszutauschen. In der Folge wurden Ermittlungen gegen ranghohe Fifa-Funktionäre eingeleitet. Der ehemalige Fifa-Chef Sepp Blatter musste zurücktreten. Im Fall des Trump-Dossiers aber ging das FBI offenbar sehr langsam vor, um den Ausgang der Wahl nicht zu beeinflussen. Steele soll darüber so frustriert gewesen sein, dass er den Kontakt zum FBI einen Monat vor der Wahl abbrach.