Süddeutsche Zeitung

Dominikanische Republik:Die Krise der anderen als Wahlkampfhelfer

Lesezeit: 3 min

Amtsinhaber Luis Abinader wird in der Dominikanischen Republik wiedergewählt - vor allem auch dank harter Worte gegen illegale Migranten aus dem Nachbarstaat Haiti.

Von Christoph Gurk, Mexiko Stadt

Am Ende hat wohl die katastrophale Lage im Nachbarland Haiti die Wahlen in der Dominikanischen Republik entschieden. In einer vorläufigen Auszählung hat Amtsinhaber Luis Abinader am Sonntag rund 59 Prozent der Stimmen bekommen. Noch in der Nacht gratulierten ihm die wichtigsten Gegenkandidaten zu seinem Sieg.

Der 56-Jährige regiert das lateinamerikanische Land bereits seit 2020 und hat mit einem harten Kurs gegen haitianische Migranten nun abermals die Wahlen gewonnen. Das macht Abinader zur Ausnahme in der Region: Kaum ein Staatschef in Lateinamerika und der Karibik konnte in den letzten Jahren die Wähler von einer zweiten Amtszeit überzeugen.

Die Menschen in der Dominikanischen Republik aber scheinen zufrieden mit ihrer Regierung: Das Land hat eine der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Region. Der Tourismus boomt, es gibt riesige Bauprojekte für neue Hotel- und All-Inclusive-Anlagen. Allein dieses Jahr geht die Weltbank davon aus, dass die Wirtschaft in der Dominikanische Republik um 5,1 Prozent wächst.

Luis Abinader gilt als eines der beliebtesten Staatsoberhäupter der Region. Im Hotel- und Baugewerbe brachte der 56-Jährige es zu beachtlichem Reichtum. Gleichzeitig zog es Abinader aber auch schon früh in die Politik: Für die einst sozialdemokratische, heute aber gemäßigt konservative Partei "Partido Revolucionario Dominicano" trat er bei den Wahlen 2012 für den Posten des Vizepräsidenten an, ohne Erfolg. Auch 2016 unterlag er, diesmal als Hauptkandidat.

Erst 2020 hatte Abinader Erfolg: Im Wahlkampf hatte er damals den Wählern versprochen, gegen die weitverbreitete Korruption im Land vorzugehen. Nach seinem Amtsantritt wurden dann tatsächlich eine ganze Reihe von Untersuchungen eingeleitet wegen Bestechung und Geldwäsche, teilweise auch gegen hochrangige Politikern - die meisten allerdings stammten dabei aus dem Lager der Opposition, was Abinader und seiner Regierung wiederholte Kritik einbrachte.

Bei der Wahl ging es vor allem um die illegale Migration aus dem Nachbarland Haiti

Bei diesen Wahlen setzte der Amtsinhaber nun auf ein anderes Thema: illegale Migration, vor allem aus dem Nachbarland Haiti. Gemeinsam teilt man sich die Karibikinsel Hispaniola, doch während in der Dominikanischen Republik die Wirtschaft boomt, versinkt Haiti seit Jahren in einer fast allumfassenden Krise. Gangs haben große Teile der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince in ihrer Gewalt, dazu kommen Naturkatastrophen und politisches Chaos.

Haiti ist eines der ärmsten Länder der westlichen Hemisphäre, und fast die Hälfte der Bevölkerung ist von Hunger bedroht. Viele Haitianer wollen der Not und dem Elend in ihrer Heimat entfliehen. Manche schaffen es bis in die Vereinigten Staaten, andere nach Chile, Brasilien oder eben auch in die Dominikanische Republik.

Dort schuften Haitianer auf den Baustellen in den Touristenhochburgen, sie arbeiten in Hotelküchen, als Fahrer oder in Lagerhäusern. Während sie mit zum wirtschaftlichen Aufschwung der Dominikanischen Republik beitragen, sind die Vorurteile gegen sie in der einheimischen Bevölkerung dennoch historisch groß. In der Vergangenheit kam es zu Übergriffen und sogar zu Massakern. Und bis heute haben Kinder von illegal eingewanderten Migranten aus Haiti in der Dominikanischen Republik nicht das Recht auf eine Staatsbürgerschaft, selbst dann, wenn sie im Land geboren sind.

In den letzten Jahren ist Haiti immer tiefer ins Chaos abgerutscht. Zeitweise hatte das Land keinen Präsidenten, und es gab keine gewählten Amtsträger mehr. Während Kriminalität und Not in Haiti stiegen, schottete sich die Dominikanische Republik immer weiter ab: Die Vergabe von Visa an Haitianer wurde ausgesetzt und eine 400 Kilometer lange Mauer an der Grenze errichtet. Zuletzt wurde diese sogar gänzlich geschlossen.

Allein vergangenes Jahr mussten 175 000 Haitianer die Dominikanische Republik verlassen

Behörden schieben dazu massenhaft Immigranten ab: Allein vergangenes Jahr wurden laut offiziellen Angaben 175 000 Haitianer aus der Dominikanischen Republik zurück in ihre Heimat deportiert. Bei Menschenrechtsorganisationen hat das zu heftiger Kritik geführt. In der Dominikanischen Republik aber bekommt Abinader für sein hartes Vorgehen viel Zustimmung. "Wir werden weiterhin alle illegalen Einwanderer aus allen Ländern abschieben", sagte Abinader Ende April. Andernfalls drohe der Abstieg in Chaos und Anarchie.

Nach seinem Sieg am Sonntag erklärte Abinader, das Volk habe mit "Klarheit" gesprochen. Und an seine Wähler gewandt, sagte er: "Ich werde euch nicht enttäuschen". Amtsantritt ist der 16. August.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.7253313
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.