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Großbritannien:Minister Musterschüler

(200407) -- LONDON, April 7, 2020 (Xinhua) -- British Foreign Secretary Dominic Raab arrives at 10 Downing street for t

Nicht gerade ein Liebling des Volkes: Der Stellvertreter des Premiers, Außenminister Dominic Raab, am Dienstag in der Downing Street.

(Foto: imago images)

Boris Johnson wird während seines Klinikaufenthalts von Außenminister Dominic Raab vertreten. Warum der britische Premier ausgerechnet einen einstigen Rivalen zu seinem Stellvertreter gemacht hat.

Dass es Dominic Raab sein würde, der nun im Scheinwerferlicht steht, das hatte in Großbritannien zuletzt niemand gedacht. Denn andere Namen kursierten in den Tagen vor der Corona-Krise - von Männern, die sich in den Augen ihrer Bewunderer im Kabinett besonders profiliert haben: Dem jungen Finanzminister Rishi Sunak, der mit traumwandlerischer Sicherheit auftritt, obwohl er erst kurze Zeit im Amt ist, wird euphorisch attestiert, er habe "das Talent zum Chef" und wirke wie ein "Premier im Wartestand". Auch Matt Hancock, der als Gesundheitsminister viel zu oft erklären muss, warum die Regierung so viele Fehler macht, hat an Profil gewonnen.

Aber es ist der Außenminister, den Boris Johnson vergangenen Sommer zum First Secretary of State und damit zu einer Art De-facto-Stellvertreter ernannt hat. Deshalb vertritt er den Premier nun während dessen Klinikaufenthalt. Raab ist als Chef des Foreign and Commonwealth Office, wie sein Ressort offiziell heißt, vor allem mit der Rückführung gestrandeter Briten aus dem Urlaub in Erscheinung getreten. Jetzt hat er mit der Krise auf der Insel plötzlich viel intensiver tun, denn er leitet seit Montag die Briefings mit Wissenschaftlern und sitzt im Kabinett als Primus inter pares, als Erster unter Gleichen.

Raab ist kein klassischer Sympathieträger; er wirkt oft angestrengt und wie ein Schüler, der vor Lehrern und Eltern mit besonders guten Noten auftrumpfen möchte. Wenn er unter Druck steht, pulsiert eine Ader dramatisch an seiner Schläfe. Der 46-Jährige ist der Sohn einer britischen Mutter und eines tschechoslowakischen Juden, der 1938 im Alter von sechs Jahren nach Großbritannien geschickt wurde. Raab hat in Oxford und Cambridge Recht studiert und Erfahrungen in Brüssel, Ramallah und Den Haag gesammelt, ehe er im Außenamt anheuerte und 2010 zum Abgeordneten gewählt wurde. Bis 2018 stieg er von zweitrangigen Posten als Unterstaatssekretär über mehrere Staatssekretärsjobs bis zum Brexitminister auf.

Verbiegen musste er sich dafür nicht: Raab hatte sich in der Referendumskampagne 2016 für den EU-Austritt eingesetzt. Sein Job als Brexitminister brachte ihm wenig Ruhm ein: Mehrmals machte Raab Bemerkungen, die zeigten, dass er die ökonomischen Konsequenzen eines EU-Austritts nicht einzuschätzen vermochte. Zudem bekam er in Brüssel den Spitznamen "Turnip" (Rübe), ein Wortspiel mit dem niederländischen Begriff Raap. In den Verhandlungen habe er sich, so heißt es, oft borniert und überheblich gezeigt.

2018 trat Raab aus Protest gegen Theresa Mays Brexit-Politik zurück

Im Herbst 2018 trat er aus Protest gegen den Deal von May mit Brüssel zurück, der den damals stark umstrittenen "backstop" enthielt, eine Sonderlösung für Nordirland. Der Deal sei ein "Verrat" am britischen Volk. Als dann wiederum May zurücktreten musste, warf sich Raab mit Verve ins Rennen um ihre Nachfolge.

Er zeigte sich früh im Wettbewerb in den Medien mit schicken Homestorys und inszenierte sich als künftiger Tory-Chef mit Karategürtel, internationaler Erfahrung und Brexit-Begeisterung. Die Unterhausfraktion sah das anders: Raab fiel früh aus dem Rennen, weil er die nötige Unterstützerzahl nicht bekam, und stellte sich hinter Johnson. Dieser belohnte ihn nach seinem eigenen Sieg mit dem Job des Außenministers.

© SZ vom 08.04.2020/swi

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Von Cathrin Kahlweit

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