Dokumente über Steuertricks geleakt Romney im Paradies

Ein bisschen Steuern sparen in der Karibik, ein bisschen zocken mit Leerverkäufen und Swaps: Interne Dokumente von Mitt Romneys ehemaliger Firma Bain Capital verraten, in welch hochkomplexem Finanzgeflecht Obamas Herausforderer Geld verdient, wie er amerikanische Steuern spart - und welchen seiner eigenen politischen Positionen er damit widerspricht.

Von Jannis Brühl

Fast so schön wie am Strand der Steueroasen: Mitt Romney und seine Frau Ann in Michigan.

(Foto: AFP)

Die zunehmende Komplexität der Welt macht vielen Leuten das Leben schwer. Mitt Romney macht sie das Leben einfach. Interne Dokumente seiner ehemaligen Firma Bain Capital zeigen, wie kompliziert und clever das Geflecht aus Steuertricks, Beteiligungen und Finanzprodukten ist, das den Republikaner zu einem der reichsten Präsidentschaftsbewerber in der Geschichte der Vereinigten Staaten macht.

Romney redet nicht gern übers Geld. Fast noch mehr als gegen Amtsinhaber Barack Obama kämpft er gegen den Eindruck vieler Wähler, er sei abgehoben, und menschliche Regungen seien ihm fremd. Ein Artikel im US-Magazin GQ fragte kürzlich provokant: "Hat Mitt Romney eine Seele?" Fazit des Reporters nach fünf Monaten im Wahlkampf-Tross: naja.

Dem Internetportal Gawker, sonst eher auf Promi-Tratsch spezialisiert, hat nun ein Informant fast tausend Seiten zugespielt, die zeigen, wie Romney und Bain Capital Geld verdienen: Eigentlich ist Bain eine Private-Equity-Firma, die marode Firmen mit Kapital von Investoren aufkauft, umbaut und mit Gewinn weiterverkauft. Investoren wie Bain-Manager kassieren dabei - sie können hohe zweistellige Renditen erzielen. (Wie Private Equity funktioniert, hat sich ein Reporter der Bloomberg Businessweek angesehen - indem er bei einer solchen Firma anheuerte.)

Die nun geleakten Bain Files zeigen aber auch, dass zur Arbeit von Bain auch gehört, die 65 Milliarden Dollar, welche die Firma managt, durch das internationale Finanzsystem zu schleusen - und dadurch möglichst wenig Steuern zu zahlen.

Aus internen Bilanzprüfungen und Briefen an Investoren lässt sich herauslesen, wie Romney einen zweistelligen Millionenenbetrag auf 21 Unternehmen mit mysteriösen Namen wie "Sankaty High Yield Partners II LP" oder "Prospect Harbor Credit Partners LP" verteilt hat. Allein die Zinseinnahmen übersteigen das Jahreseinkommen vieler Amerikaner.

Romney nutzt Steueroasen ausgiebig, vor allem die Cayman Islands in der Karibik. Ein Finanzbericht eines der Fonds, an dem er mit einer Million Dollar beteiligt ist, wird laut Gawker "erfrischend deutlich", wenn es um die Vermeidung von US-Steuern geht: Der Fonds werde "nicht Gegenstand der nationalen Einkommenssteuer" sein. Auch der Fiskus der Caymans werde Romney nicht weiter belästigen: "Unter den derzeitigen Gesetzen der Cayman Islands müssen keine Einkommen-, Immobilien-,Verkehrs-, Verkaufs- oder Mehrwertsteuer oder andere Steuern der Cayman Islands gezahlt werden."

Wie Romney durch eine Firma im Sonnen- und Steuerparadies Cayman Islands Steuern auf die Einnahmen seines 30-Millionen-Dollar-Fonds spart, hat auch das Magazin Vanity Fair beschrieben: Mindestens 138 Fonds hat das Unternehmen dort. Obwohl Romney seit 1999 nicht mehr in der Firma arbeitet, die er 1984 mitgegründet hatte, ist er über sein "Rentenpaket" weiter mit ihr verbunden: Mindestens zwei Millionen Dollar nahmen er und seine Frau Ann allein 2011 über diese Fonds ein. "Rentenpaket" ist ein Euphemismus: Die Dokumente zeigen laut Gawker, dass Romney noch lange nach seinem offiziellen Ausscheiden mit Bain verbunden war und der "Renten"-Deal ihm hohe Einnahmen garantierte.

Die Dokumente geben auch Aufschluss darüber, wie Romney mit umstrittenen Spekulationsgeschäften Geld verdient: mit Leerverkäufen, Kreditausfallversicherungen (credit default swaps) und anderen exotischen Finanzprodukten.

Dass der Viertelmilliardär Romney Anerkennung dafür will, dass er immer "mindestens 13 Prozent" Steuern gezahlt habe, irritiert Normalverdiener. Kaum mehr als diesen Satz zahlte er auch im vergangenen Jahr - bei einem Einkommen von 20 Millionen Dollar.

Manche Statements in den Dokumenten widersprechen laut Gawker Romneys politischen Positionen: Einer seiner Fonds warnte Investoren 2010 vor einem Ende von Obamas Konjunkturprogramm, sollten die Republikaner die Kongresswahlen in jenem Jahr gewinnen - Romney stellt das Programm als Verschwendung von Staatsgeld dar. Ein anderer Fonds sprach sich für die Regulierung des Finanzsektors aus. Romney steht der von Obama unterstützten Eingriffen in die Finanzmärkte sehr kritisch gegenüber.

Es gibt auch Kritik an der Gawker-Veröffentlichung. Dan Primack vom Magazin Fortune behauptet, er habe die Unterlagen schon vor Monaten einsehen können. Sie seien keine große Enthüllung, sondern nur interessant für "Private-Equity-Geeks, die wissen wollen, wie viel Bain genau für eine bestimmte Firma damals im Jahr 2006 gezahlt hat".

Primack hat teilweise Recht: Die Dokumente machen keinen Skandal öffentlich, sie zeigen keine illegalen Tricks von Romney oder Bain. Aber sie geben einen Einblick in die Welt, in der sich Amerikas Finanzelite eingerichtet hat und clever das System ausnutzt. Die Dokumente dürften Obama darin bestärken, Romneys Reichtum in den letzten Wochen vor der Wahl zum Thema zu machen.

Es gibt natürlich auch eine andere Art, die Geschichte von Romney und Bain zu erzählen - und das tut Mitt Romney selbst in einem Gastbeitrag für das Wall Street Journal: "Was ich bei Bain Capital gelernt habe."

Der Diskussion auf Twitter läuft unter dem Hashtag #bainfiles.