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Documenta:Ohne Immunschutz

Kulturinstitutionen müssen ihre Vergangenheit aufarbeiten.

Von Sonja Zekri

Erst die Berlinale, dann die Documenta: Zwei Kulturinstitutionen, die seit Jahrzehnten für furchtlose Aufklärung und kritisches Geschichtsbewusstsein stehen, haben ein Problem. Einige ihrer verehrtesten Gründerfiguren und Pioniere waren NSDAP-Mitglieder oder Propagandisten des Regimes. Was viele Unternehmen und Disziplinen wie die Medizin oder die Justiz geleistet haben, muss nun auch in Berlin und Kassel geschehen: Die NS-Geschichte muss nüchtern aufgearbeitet werden, was noch allerhand zutage fördern dürfte.

Man kann sich dabei nur schwer vorstellen, dass die jüngsten Erkenntnisse so überraschend sind, wie es jetzt heißt. Sowohl die Gruppe der Filmemacher als auch der Kunstexperten war nach dem Krieg überschaubar, und - abzüglich von Exil oder Tod - mehr oder weniger dieselbe wie vorher. Und sie sollen so wenig übereinander gewusst haben?

Einleuchtender erscheint eine Art inhaltliche Immunisierung. Die Berlinale und die Documenta wurden als Gegenentwürfe nach den kulturellen Verheerungen der NS-Zeit gegründet. Nach all der Propaganda und Verfolgung waren sie der demokratisch-didaktische Abwehrzauber der Bundesrepublik. Diese Erfolgsgeschichte steht nicht infrage. Sie muss nur sehr dringend um ein paar nicht so schöne Kapitel ergänzt werden.

© SZ vom 03.02.2020

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