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DP-Lager in Nachkriegszeit:Im "letzten Schtetl"

Die Bewohner in Föhrenwald pflegten ihren jüdischen Glauben. Die Kinder wurden gemeinsam in der lagereigenen Religionsschule unterrichtet. Undatierte Aufnahme. Reproduktion Manfred Neubauer

Nach dem Zweiten Weltkrieg warteten Überlebende des Holocaust als "Displaced Persons" in Camps auf ihre Auswanderung. 34 jüdische Zeitzeugen, die damals Kinder waren, erinnern sich nun an ihre Zeit im oberbayerischen Lager Föhrenwald.

Von Robert Probst

Da lebten sie also. Wieder hinter einem Zaun mit Stacheldraht, im Land der Täter. Doch diesmal fühlten sich die allermeisten geschützt. Sie waren der "Rest der Geretteten", die den Holocaust überlebt hatten und nun in Deutschland darauf warteten, entweder in die USA oder in den neu gegründeten Staat Israel auswandern zu können.

Millionen solcher "Displaced Persons" (DP) irrten nach dem Zweiten Weltkrieg durch Europa, mehr als Zehntausend lebten zwischen 1945 und 1957 im jüdischen DP-Lager Föhrenwald bei Wolfratshausen. Vor allem den Kindern, die dort Monate oder gar Jahre verbrachten, erscheint die Zeit im Isartal im Rückblick als "Paradies".

34 von ihnen haben sich vom Verein "Erinnerungsort Badehaus", der in Wolfratshausen eine Dokumentationsstätte betreibt, interviewen lassen.

Was für die Kinder - einige in den letzten Kriegsjahren, die meisten kurz danach geboren - ein Abenteuerspielplatz war, war für deren osteuropäische Mütter und Väter, die Ghetto- oder KZ-Terror überlebt und alle zahllose nahe Verwandte verloren hatten, ein oft schwer zu ertragender Zustand zwischen Hoffen auf eine bessere Zukunft und Angst vor dauerhafter Heimatlosigkeit. Die Kinder aber wollte man mit all den Traumata nicht belasten, kaum einer sprach über den NS-Terror.

Auf fast alle Familien passt der Begriff der Odyssee

Die Lebensgeschichten, die die Vereinsvorsitzende Sybille Krafft und ihr ehrenamtliches Team zusammengetragen haben, beeindrucken in ihrer Nüchternheit. Es sind eher Lebensskizzen, für die allermeisten Familien könnte das Wort Odyssee erfunden worden sein.

Auf einer stilisierten Weltkarte ist für jede Familie der Weg eingezeichnet, oft wird die gesamte Flächen zwischen Sibirien und den USA gebraucht.

LebensBilder – Porträts aus dem jüdischen DP-Lager Föhrenwald. Zweisprachig (Deutsch&Englisch). Wolfratshausen, 2020. 176 Seiten, 24,90 Euro. Zu bestellen online über: www.erinnerungsort-badehaus.de

(Foto: Erinnerungsort Badehaus)

Manche flüchteten vor den Nazis in die Sowjetunion, kehrten nach dem Krieg nach Polen zurück - und flohen alsbald wieder wegen der antisemitischen Stimmung dort; manche emigrierten nach Israel, vertrugen das Klima nicht und kehrten zurück; wieder andere konnten wegen psychischer und physischer Krankheiten nicht in die USA auswandern. Und so fanden sie sich zusammen im "letzten jüdischen Schtetl" auf europäischem Boden.

Vieles davon lebt in den Erinnerungen der Interviewten, die die Fotografin Justine Bittner einfühlsam porträtiert hat, wieder auf. Zahlreiche historische Fotos ergänzten den zweisprachigen Band im Großformat.

Er führt auf sehr persönliche Weise in ein weithin wenig bekanntes Kapitel der Nachkriegszeit ein. Er ist aber vor allem eine Verneigung vor den Menschen, die hier lebten, und die doch auch als Kinder spürten, dass Föhrenwald nicht nur eine schöne und unbeschwerte Zeit war.

Den Hauch der Dunkelheit etwa erahnten viele bei der Frage, warum viele Wolfratshauser Kinder Oma und Opas hatten, sie selbst aber allesamt nicht.

LebensBilder - Porträts aus dem jüdischen DP-Lager Föhrenwald. Zweisprachig (Deutsch&Englisch). Wolfratshausen, 2020. 176 Seiten, 24,90 Euro. Zu bestellen online über: www.erinnerungsort-badehaus.de

© SZ vom 21.12.2020/odg
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