Diskussion um Tragen der Kippa:Wenn der Glaube unter der Baseballkappe verschwinden muss

Kundgebung gegen Judenhass

Im September organisierte der Zentralrat der Juden die Kundgebung "Steh auf! Nie wieder Judenhass!". Anscheinend hat sich die Situation noch immer nicht verbessert.

(Foto: Maja Hitij/dpa)
  • Die Zahl der Männer, die in der Öffentlichkeit die Kippa tragen, ist gering. Dennoch ist es wichtig, sich mit der quälenden Frage zu beschäftigen, ob man sie verstecken soll oder nicht.
  • Wer draußen Kippa trägt, versteckt sie hierzulande oft unter einer Baseball-Mütze oder einem Hut.
  • Die Zahl der antisemitischen Straftaten ist im Vergleich zum Vorjahr angestiegen.

Von Ronen Steinke

Solche Warnungen hat es schon früher gegeben. Vor zwei Jahren sprach der Berliner Rabbiner Daniel Alter von "No-Go-Areas für Juden" in der deutschen Hauptstadt. Auch andere jüdische Geistliche rieten ihren Gemeindemitgliedern vereinzelt, sich in der Öffentlichkeit nicht mehr als jüdisch zu erkennen zu geben, aus Vorsicht vor antisemitischer Gewalt. "Ein Verstecken ist nicht der richtige Weg", findet der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster. Und dennoch: Am Donnerstag riet auch er den Juden in Deutschland davon ab, in Stadtvierteln mit hohem Anteil von Muslimen eine Kippa zu tragen, die jüdische Kopfbedeckung für Männer. Dass auch der Zentralrat sich der Warnung anschließt, gibt ihr eine neue, überregionale Bedeutung.

Zwar sollten sich Juden nicht aus Angst verstecken, sagte Schuster im RBB-Inforadio. "Die Frage ist, ob es tatsächlich sinnvoll ist, sich in Problemvierteln, in Vierteln mit einem hohen muslimischen Anteil, als Jude durch das Tragen der Kippa zu erkennen zu geben, oder ob man da besser eine andere Kopfbedeckung trägt", fügte er hinzu.

Versteckt unter Baseball-Mütze oder Hut

Sich Verstecken oder Gewalt riskieren? Die quälende Frage, die Josef Schuster anspricht, ist gewichtig, auch wenn die Zahl der jüdischen Männer, die es praktisch betrifft, nur klein ist. Zum jüdischen Gottesdienst in der Synagoge ziehen Männer stets eine Kippa auf; im Alltag allerdings tragen nur die wenigsten eine. In Israel schätzt man, dass nur etwa 20 Prozent der männlichen Bevölkerung im Alltag Kippa tragen, in Deutschland dürfte dieser Anteil noch deutlich niedriger liegen. Die wenigen, die es in Deutschland tun, verdecken ihre Kippa zudem nicht selten mit einer Baseball-Mütze oder einem Hut.

Es gibt für die Kippa keine theologische Begründung oder zwingende Tradition wie etwa für das Kopftuch im Islam. Verglichen mit der viertausendjährigen Geschichte des Judentums ist sie sogar noch ein recht junges Phänomen. Beginnend in der Talmud-Zeit, das heißt bis zum sechsten nachchristlichen Jahrhundert, sollen erstmals einige jüdische Gelehrte die babylonische Sitte aufgegriffen haben, durch Kopfbedeckungen Respekt zu zeigen, in ihrem Fall nicht vor weltlichen Autoritäten, sondern vor Gott. Größere Verbreitung fand der Brauch aber erst im 17. Jahrhundert.

Vom 18. Jahrhundert an ging das in Europa entstehende, moderne Reform-Judentum schon wieder auf Distanz zu dem Brauch. Man legte die Kippot (so der Plural von Kippa) wieder ab. Heute akzeptieren und bejahen alle Strömungen des Judentums die Tradition der Kippa zumindest während religiöser Zeremonien. Der Druck, sie auch im Alltag zu tragen, ist aber gering.

Mehrere Experimente mit Kippa

Wer in Europa mit einer Kippa auf die Straße tritt, zieht Blicke auf sich, im schlimmeren Fall auch Beschimpfungen. Um dies zu überprüfen, haben in jüngster Zeit mehrere Dokumentarfilmer Experimente in europäischen Städten unternommen. In der vorvergangenen Woche ließ sich der israelische Journalist Zvika Klein mit versteckter Kamera dabei filmen, wie er zehn Stunden lang durch Paris spazierte. Der 90 Sekunden lange Zusammenschnitt des Videos, den Klein anschließend im Internet veröffentlichte, dokumentiert, wie andere Passanten vor ihm ausspuckten, ihm "Es lebe Palästina" hinterherriefen oder ihn als "Homo" beschimpften.

Ein ähnliches Experiment in Berlin in dieser Woche führte zu einem anderen Ergebnis. Der israelische Künstler Amit Jacobi ging drei Stunden lang mit einer Kippa auf dem Kopf durch verschiedene Viertel der deutschen Hauptstadt. Bis auf "komische Blicke", wie er sagte, erlebte er jedoch nichts. Wie repräsentativ diese beiden Experimente sind, ist natürlich fraglich.

Aussagekräftig zumindest für Deutschland ist die Kriminalstatistik, der zufolge im vergangenen Jahr 864 antisemitische Straftaten angezeigt wurden - eine Steigerung um zehn Prozent gegenüber der Zahl im Vorjahr (788). Gerade in Berlin ist auch der Überfall auf Daniel Alter noch in frischer Erinnerung: Der Rabbiner, 1959 in Nürnberg geboren, wurde am 28. August 2012 im Stadtteil Schöneberg im Beisein seiner damals siebenjährigen Tochter von vier Jugendlichen verprügelt, nachdem diese ihn zur Vergewisserung gefragt hatten, ob er jüdisch sei.

Daniel Alter lebt noch immer in Berlin, er arbeitet auch weiterhin als Rabbiner. Aber er trägt seine Kippa seither auf der Straße nur noch verborgen unter einer Baseballmütze. "Es ist eine Entwicklung, die ich so vor fünf Jahren nicht erwartet habe."

© Süddeutsche.de/anri
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