bedeckt München 18°

Diplomatische Treffen in Frankreich:D-Day für die Ukraine

Bei der Gedenkfeier in der Normandie werden Putin und Poroschenko nebeneinanderstehen. Allein durch ein unterkühltes Händeschütteln hätte der Kremlchef die Gelegenheit, die Zukunft der Ukraine zu verändern.

Der Gruppe der G 8, der acht wichtigsten Industrieländer, muss niemand eine Träne nachweinen. Im aufgeheizten Klima der Ukraine-Krise war ein verlässlicher Umgang der dazugehörenden Mächte miteinander schwer möglich. Die Formationsarithmetik - G 7, G 8, G 20 - entspringt dem Wunsch, Regeln und Rhythmus in das internationale Geschäft zu bringen. Wenn aber Russland diese Regeln, etwa das Budapester Memorandum über die Souveränität der Ukraine, verletzt, dann ist es richtig, nicht den Schein der Normalität aufrechtzuerhalten.

Es wird ja trotzdem gesprochen. Der Zufall des Kalenders will es, dass die Erinnerung an den D-Day die Akteure nur einen Tag nach dem G-7-Treffen in die Normandie bringt. In dieser hochsymbolischen Begegnung wird es nicht nur um die Geschichte, sondern vor allem um die Zukunft der Ukraine gehen.

Bisher beste Chance, Feindseligkeiten beizulegen

Erster Akt: Während der französische Präsident den russischen Präsidenten zum Abendessen trifft, speist parallel der neugewählte ukrainische Präsident mit der deutschen Kanzlerin. Das ist Gleichbehandlung.

Zweiter Akt: Der ukrainische Präsident wird zum Gedenken an die alliierte Landung eingeladen, wo er gleichberechtigt neben dem russischen Präsidenten steht. Dabei muss man dann genau hinschauen: Wie wird sich Wladimir Putin verhalten? Wird er Petro Poroschenko unterkühlt die Hand schütteln? Wird er sich öffentlich äußern?

Die Begegnung in der Normandie bietet die bisher beste Chance, die militärischen Feindseligkeiten im Osten der Ukraine mit politischen Gesten und Worten zu stoppen. Putin hat die Gelegenheit, den neuen Präsidenten des Nachbarstaates endlich in aller Form anzuerkennen. Er könnte zeigen: Seht her, wir reden direkt miteinander, der Mann ist mein legitimer Gesprächspartner. Dieses Signal ist mehr als überfällig.

Nur Russland kann Gewalt beenden

Würde sich Putin zu dieser Geste durchringen, hätte das einen entscheidenden Effekt: Der stillschweigende Rückhalt Moskaus für die russischen und kaukasischen Milizen, die im Osten der Ukraine Krieg führen, wäre gebrochen.

Putin beteuert ja gerne, dass er keine Gewalt über diese Milizen ausübe. Dann sollte es ihm auch ein Leichtes sein, den Kämpfern die politische Ausweglosigkeit ihrer Mission vor Augen zu halten; dann sollte es ihm auch nicht schwerfallen, sich von dieser Untergrundarmee zu distanzieren und obendrein seiner Verpflichtung nachkommen und die Grenze zu Russland für den Nachschub an Männern und Munition dichtzumachen. Die Milizen würden so schnell verschwinden, wie sie gekommen sind.

In der Ukraine-Krise gilt nach wie vor: Nur Russland wird sie politisch befrieden können. Nicht mal ein Putin leugnet das mehr. Warum er nicht nach dieser Erkenntnis handelt? Putin bleibt die Erklärung schuldig. In der Normandie könnte er das Rätsel lösen. Der G 7 bleibt so lange nichts anderes übrig, als ihren Anspruch an Normalität zu dokumentieren. Notfalls auch mit dem einzigen Hebel, der ihr verbleibt: Der Drohung mit Sanktionen.

© SZ vom 05.06.2014/anri

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite