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Digitalisierung:"Die Regulierung darf auf keinen Fall zu starr sein"

Wie würden Sie das machen?

Ich fürchte, man kann nicht A oder B sagen. Mit den neuen Möglichkeiten stellen sich immer wieder neue Fragen; also müssen wir immer neu nachdenken und entscheiden, ob und wie wir etwas regeln wollen. Mal machen wir das in Deutschland sehr adäquat, manchmal wie eine große Bremse.

Wie will man auch etwas regeln, das schon morgen ganz anders sein kann?

Viele Situationen sind offen, das stimmt. Deswegen rate ich Politikern immer, in alle Gesetze eine Experimentierklausel einzubauen, um Erfahrungen sammeln zu können und nicht gleich endgültige Beschlüsse zu fassen. Es ist wichtig, dass Regulierung stattfinden muss. Aber die Regulierung darf auf keinen Fall zu starr sein, sonst blockieren wir uns und schneiden uns ab von den Segnungen der neuen Welt.

Kann ein Nationalstaat in dieser neuen Welt überhaupt alleine Regeln setzen?

Das ist ein großes Problem, und es ist für Staaten eine ganz neue Erfahrung. Bisher wurden internationale Fragen durch internationale Absprachen geregelt. Das aber braucht noch viel mehr Zeit als nationale Gesetzgebung. Also brauchen wir auch hier neue Lösungen. Es gibt ja jede Menge Probleme: Was ist im digitalen Raum erlaubt? Was ist verboten? Wo werden im digitalen Raum erwirtschaftete Gewinne versteuert? Wo findet die digitale Wertschöpfung eines Unternehmens statt? Alles drängende Fragen, auf die es heute noch keine fertigen Antworten gibt.

Nicht alle denken wie die Deutschen. Die USA überlassen alle Daten Privaten; China dagegen hat alle Daten verstaatlicht, um die Entwicklung zu steuern. Ist das ein Wettlauf der Systeme?

Eindeutig ja. Dahinter steht ein riesiger Wettbewerb; es geht darum, was wir aus den neuen Möglichkeiten machen. Aus der Rechenleistung, die uns zur Verfügung steht; aus den Daten, die wir gewinnen können. Es geht um die wirtschaftliche Erschließung und Besetzung des neuen digitalen Kontinents. Unternehmen und Forschungsinstitutionen versuchen, in diesem neuen Raum Geschäftsideen zu entwickeln. Wir in Deutschland und Europa sind dabei aber längst nicht so gut wie die Genannten.

Warum nicht?

Vielleicht weil es uns zu gut geht und viele Menschen gar nicht so einen großen Bedarf an Fortschritt haben. Veränderungen erzeugen Unsicherheit und machen Angst. Andere Länder, die nicht über den Wohlstand verfügen, sind gieriger. Sie sehen die Digitalisierung als ihre große Chance, um aufzuschließen und uns vielleicht sogar zu überholen.

Welche Länder meinen Sie?

Vor allem China, Indien, aber auch andere Staaten in Asien und Südamerika.

Und die USA?

Der angelsächsische Raum mit einem mehr freiheitlichen Gesellschaftsmodell ist traditionell offener für Innovationen. Daher auch die vielen erfolgreichen Geschäftsideen von dort. Sie probieren aus. Sie suchen andauernd selbst ihr Glück. Und das mit der unglaublich wichtigen Einstellung, dass man mit einer Idee auch mal scheitern kann. Wie viele spätere Milliardäre haben am Anfang Dinge in den Sand gesetzt? Und dann kamen eben doch die zündenden Ideen und mit ihnen der Erfolg. Der Unterschied zu früher ist nur, dass das in der digitalen Welt rasend schnell und mit globaler Resonanz geht. Dass man nicht nur Ideen schnell in neue Produkte und Dienstleistungen verwandeln kann, sondern auch Kunden weltweit und binnen Sekunden erreichen kann. Und dass dadurch auch sehr schnell Monopole entstehen.

Monopole hat es immer gegeben.

Schon richtig. Solche Effekte gab es auch in der frühen Phase der Elektrifizierung, mit Konzernen wie General Electric und Siemens. Aber selbst in den USA wird mittlerweile die Frage gestellt, wer Unternehmen wie Amazon, Google oder Apple noch bändigen kann. Gleichzeitig sind das die wirtschaftlich innovativsten Lokomotiven, die wir auf der Welt haben. Ob Alibaba in China oder eben Google in den USA.

Sie sind Ergebnis einer irrsinnigen Dynamik. Können sie genauso schnell verschwinden, wie sie gekommen sind? Können sie selbst bald zu Dinosauriern werden?

Es gibt bei technischen Entwicklungen immer heiße Phasen, denen eine Abkühlung folgt. Gerade sind wir in einer sehr heißen Phase. Denken Sie nur an die verschiedenen Rechengeräte, die man zuhause hatte und alle paar Jahren ersetzt werden mussten. Mit dem Cloud-Computing kommt es hier zu einer Konsolidierung. Die Rechner verschwinden wie hinter einem Vorhang und müssen uns Nutzer nicht mehr beschäftigen. Damit müssen sich nur noch die Profis befassen. Wir alle können dank Internet und Cloud darauf bauen, an jedem Ort auf die Rechenkraft und Speichermöglichkeiten zuzugreifen, die wir gerade brauchen.

Welche Folgen hat das?

Ich brauche nur noch ein Anzeigegerät, keinen PC mehr, der alles selbst rechnet. Ich brauche nur noch mein Smartphone. Die Rechner-Entwicklung, die uns bislang beschäftigt und auch immer etwas verunsichert hat - dass sich die Speichermedien ändern, Betriebssysteme, Anwendungsprogramme, Architekturen - das betrifft uns nun nicht mehr. Wenn Sie an die Anfangsphase zurückdenken: Da hatten wir alle einen PC zu Hause, der den Zugang zur virtuellen Welt gewährte. Der Computer war nach drei Jahren nicht mehr aktuell, und nach fünf Jahren musste er ausgetauscht werden. Da gab es große Disketten, kleine Disketten, CD-Roms und Sticks - all das verliert heute radikal an Bedeutung. Der Nutzer klickt - aber wo die Daten herkommen, über welche Internetverbindung sie laufen und mit welchen Programmen auf welchem Rechner sie ausgewertet werden, das muss ihn nicht mehr interessieren.

Ist das die eigentliche Revolution?

Ich vergleiche das gerne mit der Entwicklung der Dampfmaschine. Als die erfunden wurde, sind anfangs regelmäßig Menschen gestorben, weil ein Kessel explodiert ist. Im übertragenen Sinne sind wir heute noch in der Phase, wo der Kessel ab und zu noch explodiert. Wo Datenskandale hochkochen oder andere Dinge. Da kommen zwar Menschen nicht mehr zu Tode, aber zu Schaden. In dieser Phase sind wir jetzt.

Das impliziert, dass uns eine "normale Phase" bevorsteht, in der alles gut ist. Aber die geheimnisvolle Cloud, die alle Rechenleistungen vollbringt - ist das nicht der radikale Verlust letzter Privatheit? Ist das nicht der moderne George Orwell?

Langsam. Rechenzentren gab es schon immer, von Anfang an. Die vielen Daten sind etwas Neues. Wir fangen erst an, zu lernen und zu verstehen, was mit den massenhaft entstehenden und verfügbaren elektronischen Daten möglich ist, die es vor der Digitalisierung nicht gab. Noch bevor Sie nur eine einzige E-Mail versenden können, sind die elektronischen Systeme schon zigmal im Austausch gewesen, damit Ihre E-Mail auch ankommt. Das sind alles Daten, die eine Information in sich tragen. Und es sind Daten, die wir brauchen, damit der E-Mail-Dienst überhaupt funktionieren kann. Die Frage ist, was wir mit all diesen Daten machen. Überspitzt ist die deutsche Sicht: Bedrohung. Die amerikanische Sicht heißt: Herausforderung und Chance. Und die chinesische lautet: Brauchen wir, um an die Weltspitze zu kommen.

Und wie sehen Sie das?

Ich würde mir wünschen, dass Deutschland auch in der neuen Zeit die führende Rolle spielt, die es heute im ausgehenden Industriezeitalter spielt. Aber die Karten werden neu gemischt. An China sieht man das sehr deutlich. Es sind gerade auch die digitalen Technologien, die China zu dem neuen Wohlstand verhelfen. Wenn wir Europäer nicht aufpassen, sind wir in diesem Rennen nicht mehr dabei.

Hat die Bundesregierung das verstanden? Agiert sie adäquat?

Die Kanzlerin hat das verstanden, besser als viele andere Politiker. Ihr hilft, dass sie aus den Naturwissenschaften kommt und eine Vorstellung hat, wie das technisch funktioniert. Bei uns hier in Deutschland gibt es aber ein anderes Problem, dass dazu führt, dass Politiker nicht mehr offen sprechen: Sie haben Angst, ins moralische Kreuzfeuer zu geraten. Also halten sie lieber den Mund. Und das ist nicht gut.

Was meinen Sie?

Über die Medien werden zu bestimmten Themen nicht mehr nur Informationen, sondern sofort auch Meinungen verbreitet und verfestigt. Und die orientieren sich oft nicht am aktuellen Stand der Entwicklung, sondern an der moralischen Bewertung durch den Autor. Fakten sind da nicht mehr so wichtig. Und das bremst ausgerechnet bei diesem Thema die notwendigen produktiven Debatten, die wir dringend bräuchten.

Zum Beispiel?

Beim Thema Datenschutz ist die verbreitete Meinung: Wir sind die einzigen, die das richtig ernst nehmen mit dem Schutz der Bürger. Die Amerikaner und Chinesen dagegen sind die Bösen. Das führt dazu: Wer bei uns die neuen europäischen Regeln als in verschiedenen Belangen zu eng kritisiert, gilt sofort als einer, der nicht das vermeintlich Gute will. Weil er den Datenaustausch nicht genauso kritisch sieht. Dadurch hat sich in Deutschland das Meinungsspektrum so eingeengt, wie ich das weder in den USA noch in China noch sonst wo wahrnehme. Eigentlich müsste es dringend um Sachdiskussionen gehen, die mit moralischen Urteilen zunächst einmal nichts zu tun haben. Aber hierzulande redet fast jeder nur über mögliche Gefahren.

Sind Sorgen nicht berechtigt?

Doch natürlich. Und man muss in Debatten natürlich auch ethische Grundsätze einbringen. Aber meist wird das sofort in Schubladen gepackt mit der Aufschrift gut oder böse.

Ist das typisch deutsch?

Es ist schon ein besonders deutsches Phänomen. In Amerika ist die Bandbreite der Diskussion viel größer. Keiner versteht heute, was mit den Daten alles gemacht werden kann oder soll, welche Potenziale da noch sind. Wenn ich das sehr früh mit gut und böse belege, dann trauen sich Bürger und Politiker nicht mehr, offen darüber nachzudenken und das Für und Wider zu diskutieren. Sie trauen sich erst recht nicht mehr, etwas gegen den schnell verfestigten gesellschaftlichen Mainstream zu sagen.

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