Digitalisierung "Wir brauchen eine digitale Aufklärung"

Chinesische Grundschüler werden mit den Möglichkeiten der Digitalisierung, wie z.B. der Virtuellen Realität, früh vertraut gemacht.

(Foto: REUTERS)

Der renommierte Informatiker Christoph Meinel beklagt Deutschlands zögerlichen Umgang mit der Digitalisierung. Dabei biete dieses "Neuland" so viele Chancen - und nicht nur China ist schon auf der Überholspur.

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SZ: Herr Meinel, alle Welt spricht über sie - mal mit großen Hoffnungen, mal mit Misstrauen: die Digitalisierung. Was ist das eigentlich?

Christoph Meinel: Digitalisierung ist in der Menschheitsgeschichte etwas ganz Neues. Als das Rad erfunden, die Pyramide erbaut, die Landmaschine geschaffen wurde, fand das immer im Rahmen unserer physikalischen Welt statt. Unter den Gesetzen der Schwerkraft und der Mechanik. So wie wir das kannten. Wir waren also vorbereitet. Die Erfahrung lehrte uns, dass die Überwindung von Entfernungen Anstrengung bedeutete, Kraft erforderte und Zeit. Die Menschen wussten, dass sie nicht zeitgleich an verschiedenen Orten Wirkungen erzielen können. Durch die Digitalisierung änderte sich das, es kam eine zweite Ebene mit ganz anderen Gesetzmäßigkeiten ins Spiel.

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Eine zweite Ebene?

Wir können über virtuelle Verbindungen Wirkungen am anderen Ende der Welt erzielen. Wir können sekundenschnell Informationen über Zustände dort bekommen und darauf reagieren, auch wenn das ganz weit weg ist. Wir können das; andere können es aber auch bei uns. Das stellt uns vor ganz neue Möglichkeiten und neue Herausforderungen. Und keiner kann uns den Weg weisen, wie wir damit umgehen.

Wie meinen Sie das?

Bislang konnten wir immer schauen, wie es die Eltern gemacht haben. Oder die Großeltern. Wir ahnten, was nötig war, damit wir schneller werden und von der Kutsche aufs Auto umsteigen konnten. Es war klar, dass man dafür breitere, stärker befestigte Wege braucht und mehr Energie für den Antrieb. In der virtuellen Welt gibt es das alles nicht. Wir können niemanden fragen, wie man damit umgeht, in Lichtgeschwindigkeit am anderen Ende der Welt etwas auszulösen. Wie man damit umgeht, dass Daten, die einmal in der Welt sind, nicht wieder gelöscht werden können. Wir wissen es nicht und müssen das mühsam erlernen. Es gibt keine evolutionäre Vorbereitung. Wir bewegen uns in einer Welt, in der wir alle gemeinsam experimentieren. Deshalb fand ich es schon infantil, als man vor einigen Jahren die Kanzlerin auslachte, als sie vom "Neuland" sprach. Es ist genau das: Neuland. Und wird es auch noch für die nachfolgenden Generationen bleiben.

Macht Ihnen das Ungewisse Angst?

Aber nein. Das ist eine tolle, spannende Zeit. Es ist so, als würde man einen neuen Kontinent entdecken und das Ende der Entdeckungsreise nur in Umrissen erahnen. Wir kommen allmählich in ein Stadium, in dem sich nicht nur ein paar Freaks und Experten dafür interessieren, sondern alle anderen dazukommen. Das regt manche der Pioniere auf, die bislang fröhlich alleine unterwegs waren. Plötzlich wollen alle mitmachen.

Was bedeutet das?

Dass nicht mehr das Recht des Stärkeren gelten kann. Zivilisation ist dazu da, dass jeder sein Recht bekommt, nicht nur die Starken, hier ein paar frühe Experten. So weit sind wir allerdings noch nicht. Aber wir müssen dorthin kommen. Die Mechanismen und Regeln der Zivilisation müssen auch in den virtuellen Raum einziehen.

Wie soll das gehen?

Zunächst müssen wir uns fragen, was wir mit Gesetzen gestalten wollen. Da gibt es verschiedene Ansätze. Die einen versuchen, alle Regeln aus der analogen, alten Welt eins zu eins in die neue Welt zu übersetzen. Ein sehr enger Ansatz, der einen großen Haken hat: Er zieht die neuen Möglichkeiten nicht in Betracht. Ein anderer Ansatz lautet: Wir warten ab, bis wir wissen, wie alles läuft - und entscheiden dann, wo wir welche Regeln einziehen wollen. Das ist auch nicht befriedigend, weil in der neuen Welt längst handfeste Dinge passieren, die dringend Umgangsformen und Regeln brauchen. Nehmen Sie nur das Online-Shopping. Da wird gehandelt und Geld getauscht, das muss geregelt werden.

Insbesondere im ordnungsliebenden Deutschland.

Genau. Hierzulande gibt es leider den sehr starken Wunsch, gleich alles perfekt zu regeln. Am besten, bevor man sieht, wie das überhaupt läuft und was passiert. Damit wird von vornherein viel Innovation abgewürgt. Andere machen es umgekehrt: Sie schauen erst, was möglich ist. Und entscheiden dann.