Schulen:Bildungsexperten fordern Pflichtfach Informatik

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Schulen: Digitale Medien machen den Unterricht nicht automatisch besser, heißt es im Gutachten des Expertengremiums. Doch richtig eingesetzt, stellten sie eindeutig einen Mehrwert dar.

Digitale Medien machen den Unterricht nicht automatisch besser, heißt es im Gutachten des Expertengremiums. Doch richtig eingesetzt, stellten sie eindeutig einen Mehrwert dar.

(Foto: Armin Weigel/dpa)

Corona hat der Digitalisierung der Bildung einen Schub verpasst. Doch den Wissenschaftlern, die die Bundesländer beraten, reicht das noch lange nicht. Sie wollen mehr Technik schon für kleine Kinder und beklagen "angstgetriebene Auffassungen".

Von Paul Munzinger, München

Das Bildungssystem in Deutschland ist nach Ansicht führender Experten dringend modernisierungsbedürftig. In einem am Montag vorgestellten Gutachten kritisiert die Ständige Wissenschaftliche Kommission der Kultusministerkonferenz (SWK) einen erheblichen Nachholbedarf bei der Digitalisierung von Kitas, Schulen und Hochschulen und fordert weitreichende Reformen. So empfiehlt das Expertengremium etwa die Einführung eines Pflichtfachs Informatik und die Einrichtung länderübergreifender "Zentren für digitale Bildung" - was ein gewaltiger Schritt für den deutschen Bildungsföderalismus wäre.

Die SWK war vor knapp zwei Jahren ins Leben gerufen worden, um die Bundesländer in Bildungsfragen wissenschaftlich zu beraten. Ihr Programm stimmt sie mit den Kultusministern ab, gemeinsam stellten sie das Gutachten am Montag auch vor. Doch dass die SWK die Politik schonen würde, lässt sich nicht behaupten - im Gegenteil. Die bisher veröffentlichten Stellungnahmen des Gremiums etwa zum Umgang mit pandemiebedingten Lernrückständen oder zur Wirksamkeit von Bildungsprogrammen sind alles andere als Gefälligkeitsgutachten. Und das gilt auch für die nun vorgelegten, 189 Seiten umfassenden Handlungsempfehlungen zum Thema Digitalisierung.

Geradezu harsch ist die Analyse der SWK zum vorschulischen Bereich - wobei die Kritik sich nicht nur an der unzureichenden technischen Ausstattung von Kitas und Kindergärten entzündet, sondern vor allem an der dort vorherrschenden Einstellung. "Gerade mit Blick auf sehr junge Kinder stehen den Potenzialen früher digitaler Medienbildung große Vorbehalte und Ängste bei Fachkräften, Eltern sowie Vertreter:innen der Wissenschaft gegenüber", heißt es in dem Gutachten.

Explizit wird etwa auf die Arbeiten des Psychiaters Manfred Spitzer ("Digitale Demenz") verwiesen. Unter pädagogischen Fachkräften gebe es neben positiven auch "bewahrpädagogische und angstgetriebene Auffassungen". Die Debatte erfolge "überwiegend evidenzfrei". Anders gesagt: von Gefühlen, nicht von Fakten bestimmt.

Die Haltung mancher Länder sei "rückwärtsgerichtet", schreiben die Forscher

Auch die Bildungspläne mancher Bundesländer vermittelten "ausschließlich eine negative Sicht auf digitale Medien"; nicht Potenziale, sondern die Regulierung eines "unkontrollierten Konsums" stehe im Vordergrund. "Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass Kinder heute in einer digitalisierten Welt aufwachsen, erscheint eine solche im Bildungsplan vermittelte Grundhaltung rückwärtsgerichtet", schreiben die Forscher.

Als Positivbeispiele nennen sie etwa ein digitales Mikroskop oder Apps zum Bestimmen von Tieren, Pflanzen und Vogelstimmen. Spiele oder Wörterbücher dagegen lenkten eher ab. Die SWK schlägt vor, "qualitativ hochwertige Apps" stärker einzubinden, die Ausstattung von Kitas und Kindergärten voranzutreiben und der Digitalisierung ein größeres Gewicht in der Ausbildung des Personals zu verleihen. Sie fordert nicht weniger als einen Mentalitätswandel.

Was die Schulen betrifft, ist die Analyse weniger drastisch, die Schlussfolgerungen sind es nicht. Die Forscher betonen auch hier, dass digitale Medien den Unterricht nicht automatisch verbesserten. Passives Videoschauen etwa sei zu vermeiden, interaktive und spielerische Elemente könnten ablenken, im Gutachten ist von "Reibungsverlusten" die Rede. Richtig eingesetzt aber stellten digitale Medien einen Mehrwert für die Schule dar. Konkret werden etwa dreidimensionale Rekonstruktionen historischer Orte für den Geschichtsunterricht genannt. Dazu kommt die Möglichkeit, durch digitale Medien detaillierte Rückmeldungen zum Lernfortschritt jedes einzelnen Kindes zu erhalten, was für Lehrkräfte sonst kaum zu leisten ist.

"Trotz dieses Wissens", klagen die Wissenschaftler, "verfügen wir in Deutschland bislang nur über wenige digitale Anwendungen, die den Designprinzipien gerecht werden und medien- und fachdidaktisch treffsicher in den fachlichen Unterricht integriert werden". Um die Entwicklung solcher Anwendungen voranzutreiben, empfiehlt das Gutachten die Einrichtung länderübergreifender Zentren für digitale Bildung (ZdB) - zunächst je eines für Sprachen sowie für Mathematik und Naturwissenschaften, perspektivisch auch weitere. Konzepte für die "Professionalisierung" der Lehrkräfte sollen dort ebenfalls entstehen.

Das ist doppelt bemerkenswert: Erstens, weil länderübergreifende Initiativen, man könnte sagen: den Designprinzipien der deutschen Bildungspolitik widersprechen. Und zweitens wegen der Begründung: Die "gebotene mediendidaktische und fachdidaktische Qualitätssicherung" könne "nicht Lehrkräften oder dem freien Markt allein überlassen werden". Weil die unsichtbare Hand aus Sicht der SWK nicht in der Lage ist, die Tools für guten digitalen Unterricht zu entwickeln, will sie deren Entwicklung in die Hand des Staates legen. Ein mindestens kühnes Unterfangen, zumal unter den finanziellen Bedingungen, die den Wissenschaftlern vorschweben. Das ZdB für Mathe und Naturwissenschaften soll mit einem Jahresbudget von 15 Millionen Euro auskommen, das für die Sprachen mit zwölf Millionen Euro.

Zu wenige Schüler lernen bislang Informatik - und vor allem: zu wenige Schülerinnen

Neben diesen Zentren ist die Kernforderung der Wissenschaftler die Einrichtung eines Pflichtfachs Informatik. Bislang hat Informatik je nach Bundesland einen sehr unterschiedlichen Stand in der Schule: In Mecklenburg-Vorpommern wird es in den Klassen 5 bis 10 bereits verpflichtend unterrichtet, in Bremen dagegen gibt es Informatik in diesen Jahrgängen nicht einmal als Wahlfach.

In der Oberstufe wird es zwar überall angeboten, erreicht aber nach Ansicht der SWK zu wenige Schüler - und vor allem zu wenige Schülerinnen. Bundesweit belegten im Schuljahr 2021/21 nicht einmal 4000 junge Leute Informatik auf erhöhtem Niveau, also etwa als Leistungskurs im Gymnasium; nur 15 Prozent von ihnen waren Mädchen. Das stehe "in krassem Gegensatz" zum Stellenwert der Informatik an Hochschulen, wo sie inzwischen nach Betriebswirtschaftslehre (BWL) das insgesamt zweitbeliebteste Fach sei.

Die SWK fordert daher, die Informatik im Schulunterricht aufzuwerten. Das soll bereits in der Grundschule beginnen, ab Klasse 5 dann soll Informatik Pflichtfach werden. Insgesamt vier Wochenstunden verteilt über die Sekundarstufe 1 stellen sich die Forscher schon ab dem Schuljahr 2024/25 vor - also zum Beispiel je eine Stunde pro Woche in den Jahrgangsstufen 7 bis 10. Mittelfristig empfiehlt das Gutachten sogar sechs Stunden in der Sekundarstufe 1.

Im neunjährigen Gymnasium gebe es dafür genug Spielraum im Stundenplan, heißt es im Gutachten - eine Einschätzung, die umgehend auf eine strenge Probe gestellt werden dürfte, sollte die Politik den SWK-Empfehlungen folgen. An anderen Schulen sei "zu prüfen, wie sich die zusätzlichen Stunden in die Kontingentstundentafeln einpflegen lassen". In der Oberstufe schließlich sollen die Angebote ebenfalls ausgebaut werden, sodass Informatik dort eines Tages genauso viele Schülerinnen und Schüler erreicht wie Physik oder Chemie.

Es fehlt an Lehrkräften

Es ist eine umfassende, ehrgeizige und angesichts der Diskussionen der vergangenen Jahre verblüffend digitalaffine Wunschliste, die die SWK da zusammengestellt hat - auch die Berufsschulen und die Hochschulen sollen modernisiert werden, ebenso wie die Ausbildung der Lehrkräfte. Das ist auch den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern selbst klar; im Gutachten ist von einer "enormen Kraftanstrengung aller Akteure im Bildungssystem, Innovationsbereitschaft und hohen Investitionen" die Rede.

Doch klar ist auch: Die Bedingungen dafür sind derzeit nicht ideal. Wer ein Pflichtfach Informatik einführen will, braucht dafür nicht nur eine neue Mentalität, sondern vor allem: Lehrkräfte, die das Fach unterrichten.

Genau die fehlen aber schon heute - und das lässt sich kurzfristig auch kaum ändern. "Die geringe Zahl der Studienanfänger:innen im Lehramt Informatik sowie geburtenschwache Jahrgangskohorten lassen es aussichtslos erscheinen, dass die Nachfrage nach Lehrkräften im Fach Informatik durch die universitäre Ausbildung gedeckt werden kann", heißt es im Gutachten. Stattdessen sollen es, zumindest kurzfristig, verstärkt Seiten- und Quereinsteiger richten. Die SWK hat ein Digitalisierungsprogramm mit vielen ehrgeizigen Zielen verfasst - aber zumindest in diesem Punkt ohne Illusionen. Jetzt ist die Politik dran.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, das SWK-Gutachten fordere vier, mittelfristig sogar sechs Stunden Informatikunterricht pro Woche in der Sekundarstufe 1. Das ist falsch. Tatsächlich geht es, wie oben beschrieben, um vier Stunden in der gesamten Sekundarstufe 1. Wir haben die Stelle korrigiert und bitten um Entschuldigung.

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