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Digitalisierung:Kredite ohne Kaffee

Das Geschäft mit dem Mittelstand verändert sich. Vieles geht auch ohne persönlichen Kontakt zu einem Bankberater.

Immer mehr Bankfilialen werden geschlossen. Insbesondere kleine Mittelständler haben das Nachsehen. Sie dürfen künftig mit ihrem Berater über einen Videoscreen kommunizieren oder können sich im Internet an eine Plattform wenden. Die eher konservativ ausgerichtete Klientel des Mittelstands dürfte davon wenig begeistert sein. Dabei betonen Banken doch bei jeder Gelegenheit vor allem eines: Nämlich, dass sie die Bank für den Mittelstand sind. Wie passt das zusammen?

In Deutschland gibt es ein vergleichsweise dichtes Netz an Banken und Sparkassen. Der Wettbewerb gilt nicht zuletzt aufgrund des dreigliedrigen Bankensystems als vergleichsweise hart. Was für die Kunden gut ist, macht sich bei den Finanzinstituten insbesondere in der derzeitigen Niedrigzinsphase eher negativ bemerkbar. Der Kostendruck steigt. Höhere regulatorische Anforderungen und zunehmender Wettbewerb durch ausländische Institute und neue Start-ups kommen erschwerend hinzu. Die Aufsicht empfiehlt daher schon seit Längerem in recht deutlicher Weise ein einfaches Gegenmittel: den Abbau von Filialen. In Deutschland seien die Filialnetze immer noch relativ engmaschig und damit entsprechend teuer, meinte Bundesbankvorstand Andreas Dombret erst kürzlich wieder auf einem Symposium.

Neue Start-ups wollen die Spielregeln verändern

2014 sank die Zahl der Zweigstellen in Deutschland um 894 auf 35 302 Zweigstellen, was einem Rückgang von 2,5 Prozent entspricht. Die jüngsten Ankündigungen verschiedener Institute, das Filialnetz weiter auszudünnen, dürfte ganz in Dombrets Sinne sein. Er ist überzeugt, dass die aktuelle Digitalisierungswelle nicht nur einzelne Prozesse vereinfacht und beschleunigt, sondern auch viele Spielregeln des Bankengeschäfts verändern wird. Doch welche Auswirkungen hat dies für kleine und mittelständische Betriebe, die es gewohnt sind, bei einer Tasse Kaffee mit ihrem Berater am Ort über die Lage der Dinge und den nächsten Kredit zu sprechen?

Die Auswirkungen seien für Privatkunden durchaus spürbar, meint Dirk Schiereck, Professor an der TU Darmstadt. Insbesondere Kleingewerbetreibende wie Friseurbetriebe, Bäcker oder Blumenhändler müssten künftig weitere Wege in Kauf nehmen, um zu ihrem Berater zu kommen. Der höhere Aufwand sei noch verkraftbar. Weit weniger vorteilhaft wirke sich jedoch der Verlust der persönlichen Nähe aus: "Die Vertrautheit und die persönliche Kenntnis geht verloren", warnt Schiereck, wenn sich Banken weiter aus ländlichen Regionen zurückziehen. So ist die Filiale auch immer ein Ort des Informationsaustauschs. Der Berater habe so in der Regel ein gutes Ohr am Markt und wisse schon früh, wenn die Geschäfte mal nicht mehr so gut laufen. "Diese Informationsbasis wird sich verschlechtern", ist Schiereck überzeugt, wenn ein Berater nun eine viel größere Anzahl an Betrieben zu betreuen hat und zudem viel weiter vom Geschehen entfernt sitzt.

Doch Schiereck sieht auch die Vorzüge der Entwicklung. So hätten vor allem größere Unternehmen die Chance, eher von einem gut qualifizierten Spezialisten beraten zu werden. Die Anforderungen an die Kundenbetreuer steigen. Spezifische Kenntnisse der eigenen Bankprodukte und der Geschäftstätigkeit des Kunden seien heute nicht mehr ausreichend, sagt Schiereck. "Bankkunden können auch erwarten, dass der Berater Alternativ- und Konkurrenzprodukte kennt und die Vor- und Nachteile erklären kann." Eine Herausforderung für Banken und Sparkassen. Denn der Markt ist angesichts neuer Wettbewerber, die ihre Dienste im Internet anbieten, unübersichtlich geworden. Noch ist das Geschäft dieser Onlineplattformen überschaubar. Doch sie haben laut Dombret das Potenzial, die Spielregeln des Bankengeschäfts zu verändern.

Einer, der die Spielregeln verändern will, ist Gernot A. Overbeck. Der Gründer und Geschäftsführer der Plattform Fintura will Darlehen suchende Unternehmer aus der Bittstellerposition herausbringen. "Die Position des Unternehmers gegenüber der Bank wird gestärkt", sagt Overbeck. Wer auf der Plattform Fintura seinen Kreditwunsch eingebe, erhalte nach wenigen Minuten Angebote von verschiedenen Banken mit entsprechendem Konditionenvergleich. Bislang arbeitet Fintura mit fünf Instituten zusammen, der Deutschen Apotheker- und Ärztebank, der Commerzbank, der Hypo-Vereinsbank, der Kreissparkasse Ludwigsburg und der Südwestbank. Weitere sollen hinzukommen.

"Durch das Internet sind die Banken so nah am Kunden, wie sie es noch nie gewesen sind."

"Unternehmer wollen ihren Geschäften nachgehen und nicht plaudern und Kaffee trinken", meint Overbeck, der als Vermittler natürlich auch die andere Seite im Blick hat: "Durch das Internet sind die Banken so nah am Kunden, wie sie es noch nie gewesen sind." Online geben die Kunden gerne vieles von sich preis. Transparenz, so Overbeck, sei bei der Kreditvergabe von Vorteil. Unternehmer sollten den Zustand der Firma realistisch darstellen, inklusive der Dinge, die gut und die nicht so gut laufen.

Punkten will Fintura mit Schnelligkeit. Nach Auswahl eines Kreditangebots und Hochladen verschiedener Dokumente wie etwa dem Jahresabschluss dauere es nur 72 Stunden bis der Kunde eine Zu - oder Absage des jeweiligen Instituts erhalte. Fintura verdient dabei an der Provision, die bei 1,5 Prozent der Darlehenssumme liege und von der jeweiligen Bank getragen werde, die den Zuschlag erhält. Für die Bank sinke im Gegenzug der Aufwand.

Das abgefragte Kreditvolumen seit Jahresbeginn betrage 50 Millionen Euro, 19 Millionen wurden abgelehnt oder zurückgezogen und knapp zwei Millionen zugesagt. Der Rest ist in Bearbeitung. Generell seien bei so einer Plattform die Möglichkeiten größer, einen Kredit zu bekommen, meint Overbeck. Seine Ziele sind hoch. "Bis 2020 wollen wir vier Prozent des KMU-Marktes haben und 60 Millionen Euro Umsatz machen." Das Neukreditvolumen in dem Bereich mit kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) hierzulande liege bei etwa 100 Milliarden Euro im Jahr.

Der häufigste Grund, warum Unternehmen überlegen, den Anbieter zu wechseln, sind laut Professor Schiereck die Kosten. An zweiter Stelle steht der Wunsch, sich weniger abhängig von einem Institut zu machen. Internetplattformen, die erst kurze Zeit am Markt sind, stellen zwar auch per se ein höheres Risiko dar. Auch Cyberrisken sollten nicht unterschätzt werden. Onlineplattformen bieten aber auch die Chance, neue Kreditgeber zu finden: "Unternehmen sollten die niedrigen Zinsen nutzen, sich breit zu informieren", rät daher Schiereck. Grundsätzlich ist es ratsam, mehrere Kreditgeber zu haben. Leichtfertig sollte man eine gute Beziehung nicht aufgeben, meint Schiereck. Schließlich bräuchten Unternehmen auch wieder eine Anschlussfinanzierung. Und ob der günstige Anbieter bei einer Verschlechterung der Wirtschaftslage einen Kredit verlängere, sei nicht sicher.

© SZ vom 08.10.2015
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