bedeckt München 17°

Digitalisierung:"Oft fehlt die Bereitschaft, Menschen mit Leseschwäche zu unterstützen"

500 000 Beschäftigte können nicht lesen und schreiben

Etwa 6,2 Millionen Erwachsene in Deutschland können schlecht lesen und schreiben. Diana Brandt Olm bezeichnet sich als wortblind; sie möchte diesen Menschen Mut machen.

(Foto: Bernd Wüstneck/dpa)

Die Digitalisierung benachteiligt Menschen, die schlecht lesen und schreiben können, warnt eine Studie. Dabei können sie auch davon profitieren, berichtet eine Betroffene - wenn Ausrüstung und Toleranz vorhanden sind.

Von Lilith Volkert

Wer schlecht lesen und schreiben kann, wird durch die zunehmende Digitalisierung benachteiligt, warnt eine Studie der Stiftung Lesen. In Deutschland sind das etwa 6,2 Millionen Menschen. In der Corona-Pandemie gilt das verstärkt. Alltagsaufgaben, die früher persönlich erledigt werden konnten, sind häufig nur noch mit einem Termin möglich, der online gebucht werden muss. Viele der Befragten, denen das Lesen schwerfällt, haben zudem Schwierigkeiten, die notwendigen Informationen zu den häufig wechselnden Corona-Regeln zu bekommen und zu verstehen.

Diana Brandt Olm engagiert sich in der Selbsthilfegruppe "Wortblind" in Lüneburg. Die 55-jährige gebürtige Dänin ist Legasthenikerin - und hat mit digitalen Hilfsmitteln gute Erfahrungen gemacht.

SZ: Sie bezeichnen sich als "wortblind": Sie erkennen die Buchstaben, tun sich aber schwer damit, sie zu Worten zusammenzufassen. Wie informieren Sie sich über die ständig neuen Corona-Regeln?

Diana Brandt Olm: Ich bin Sozialpädagogin und betreue Menschen mit Behinderung in einer Wohngruppe. Für sie bekommen wir regelmäßig Informationsblätter in sogenannter Leichter Sprache. Das heißt: Kurze, präzise Sätze, Fremdwörter werden erklärt. Für mich ist das genial. Außerdem habe ich auf meinem Handy ein Programm, mit dem ich mir Texte vorlesen lassen kann. Natürlich sehe ich auch fern und höre Radio.

Diana Brandt Olm_honorarfrei

Diana Brandt Olm wünscht sich, dass betroffene Prominente zu ihrer Leseschwäche stehen - das würde in der Gesellschaft viel verändern.

(Foto: privat)

Die Stiftung Lesen warnt, dass viele Menschen, die kaum lesen und schreiben können, Angst haben, durch die Digitalisierung abgehängt zu werden.

Diese Gefahr besteht, ja. In meiner Selbsthilfegruppe haben wir das im vergangenen Frühjahr deutlich gemerkt: Wegen der Kontaktbeschränkungen durften wir uns nicht treffen. Sich auf dem Computer ein Programm herunterzuladen und damit eine Videokonferenz zu besuchen, war für viele unmöglich, auch für die Jüngeren. Zum Glück haben uns der Mann einer Teilnehmerin mit der Technik und das Alfa-Mobil vom Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung mit einem Medientraining geholfen.

Vorleseprogramm, Videokonferenz - digitale Hilfsmittel können den Alltag von Menschen mit Leseschwäche also auch erleichtern.

Auf jeden Fall. Man muss aber erst einmal Zugang dazu haben, jemanden, der einem das erklärt. Gerade ältere Menschen haben oft Angst vor Smartphones und Computern. Außerdem muss man sich trauen, um Hilfe zu bitten. Vielen, die kaum oder gar nicht lesen und schreiben können, fällt das sehr schwer. Sie schämen sich, weil sie etwas nicht können, das vermeintlich jedes Kind in der Schule lernt.

Wie gehen Sie damit um?

Mein Vorteil ist, dass ich aus Dänemark komme. Dort wird man nicht stigmatisiert, wenn man - wegen Legasthenie oder geringer Bildung - nicht gut lesen kann. Das sieht man schon an der Bezeichnung: Statt von "funktionalen Analphabeten" spricht man dort von "wortblinden" Menschen. Ich bin damit groß geworden, dass es keinen Grund gibt, sich deshalb zu schämen.

Wie kann sich die Sichtweise in Deutschland ändern?

Am leichtesten geht das, wenn sich prominente Betroffene outen. Und die gibt es mit Sicherheit. Denn nur, weil man eine Leseschwäche hat, ist man ja nicht dumm. In Skandinavien weiß jeder, dass der schwedische König Carl Gustav und zwei seiner Kinder wortblind sind. Prinz Carl Philip hat sogar eine Stiftung für Betroffene gegründet.

Sie haben in Dänemark studiert. Wie hat das funktioniert?

Als ich mit Mitte 20 den Wunsch hatte, Pädagogin zu werden, habe ich an einem Workshop des Arbeitsamtes teilgenommen. Eine Beraterin hat mich ermutigt und mir einen detaillierten Plan gemacht, wie ich dieses Ziel erreichen kann. Die Bücher an der Universität gab es alle in einer Hörfassung. Das ist übrigens auch bei Ausbildungsberufen üblich.

Wie liefen die Prüfungen ab?

Sie fanden entweder mündlich oder als Projektarbeit in der Gruppe statt. Bei den zwei schriftlichen Prüfungen, die ich alleine absolvieren musste, bekam ich mehr Zeit. Ich konnte mir am Computer die Aufgabenstellung und meine Antworten vorlesen lassen. Eine Art Rechtschreibprogramm hat mich beim Schreiben unterstützt. Heutzutage diktieren Studierende ihre Antworten einem Spracherkennungsprogramm.

In Deutschland ist man von diesen technischen Möglichkeiten weit entfernt.

Die Ausstattung ist das eine - in Deutschland gibt es ja noch nicht mal überall schnelles Internet. Oft fehlt auch einfach die Bereitschaft, Menschen mit Leseschwäche zu unterstützen. Als ich 2002 zu meinem Mann nach Deutschland gezogen bin, wurde mir im Arbeitsamt gesagt, ich solle nicht damit rechnen, eine Stelle zu bekommen. Das war so demütigend! Keine zwei Monate später hatte ich mir selbst einen Job als Erzieherin organisiert.

Inzwischen machen Sie auch Öffentlichkeitsarbeit für wortblinde Menschen.

Ja, ich nehme an Tagungen und Workshops teil, bei denen zum Beispiel Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bundesagentur für Arbeit, von Mehrgenerationshäusern oder Schwangerschaftsberatungsstellen sensibilisiert werden. Dort erzähle ich als Betroffene, welche Unterstützung wortblinde Menschen brauchen. Das ist auch das Ziel unserer Selbsthilfegruppe: Wir möchten in der Gesellschaft um mehr Verständnis für unsere Situation werben. Und wir wollen anderen Betroffenen Mut machen, sich zu ihrer Situation zu bekennen und sie zu ändern.

© SZ/pamu
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema