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Digitalisierung:Brieftauben im Internet

Jeder Schüler brauche eine E-Mail-Adresse, fordert Friedrich Merz per Twitter - und amüsiert damit viele seiner Adressaten.

VON Felix Haselsteiner

Hätte es das soziale Netzwerk Twitter im November 2004 schon gegeben, Friedrich Merz hätte wohl am Puls der Zeit getwittert. Damals forderte die Gesellschaft für Informatik - noch per Pressemitteilung, zwitschern konnten damals nur Vögel - verpflichtenden Informatikunterricht an deutschen Schulen. Internet, Computer, Kommunikation per E-Mail, das klang damals noch ein wenig nach Aufbruch in ein neues Zeitalter. Für Merz ist das offenbar auch heute, fast 16 Jahre später, noch der Fall. Am Montag jedenfalls twitterte er im Kontext des Schulalltags in Corona-Zeiten: "Wir brauchen endlich #WLAN in jeder Schule und eine Mailadresse für jeden Schüler", was natürlich modern und hip klingen sollte, allein schon wegen des verwendeten Hashtags allerdings eher zu Belustigung führte. "Du bist so richtig CDU, wenn Digitalisierung für Dich "eine Mailadresse für jeden Schüler" bedeutet", schrieb zum Beispiel Konstantin Kuhle von der FDP. Unbeantwortet blieb zudem die Frage, wie Schüler in Merz' Vorstellung bisher kommuniziert haben. Die für die Generation des CDU-Politikers wohl überraschende Wahrheit ist, dass die E-Mail für die Mehrheit der Schüler inmitten der vielen sozialen Netzwerke inzwischen eher zu so etwas wie der Brieftaube des Internets geworden ist - und sicher kein Zeichen mehr für Digitalisierung ist.

© SZ vom 12.08.2020

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