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Digitalisierung:Arbeit ist da

Die Jungen sorgen sich mehr um das Klima als um ihre Berufe. Denn qualifizierte Stellen gibt es viele. Roboter stehlen kaum Jobs, sie schaffen neue. Doch der Boom ist kaum Thema.

Was junge, politisch interessierte Menschen heute an erster Stelle bewegt, zumindest im Westen Deutschlands, ist der Klimawandel. Der Triumph der Grünen und das Debakel der klassischen Volksparteien bei der Europawahl haben dies jedem klargemacht, der das Thema bisher nicht ernst genommen haben sollte. Bemerkenswert ist dabei aber nicht nur, was die jungen Leute umtreibt, sondern auch, was die meisten von ihnen nicht umtreibt - die Furcht vor Arbeitslosigkeit. Gerade einmal zehn Jahre ist es her, da beherrschte diese Angst das gesellschaftliche Klima in Deutschland. Auch heute ist die Sorge um den Arbeitsplatz nicht verschwunden; Beschäftigte von Thyssenkrupp, der Deutschen Bank oder auch von etlichen ostdeutschen Betrieben wissen, wovon die Rede ist. Aber vor allem für die junge Generation in Deutschland ist sie kaum noch ein Thema.

Der Wandel ist leicht zu erklären. Junge, ausgebildete Leute haben heute so gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt wie schon lange nicht mehr. Das ist ein Trend, der nicht auf Deutschland beschränkt ist. Millionen Menschen in den Industrieländern profitieren von einem ebenso spektakulären wie unerwarteten Wachstum der Beschäftigung. Seit dem Ende der Finanzkrise finde ein regelrechter Great Jobs Boom statt, schrieb der britische Economist. Im April ist die Arbeitslosigkeit Deutschlands auf 4,9 Prozent gesunken, den niedrigsten Wert, seit es wieder eine gesamtdeutsche Statistik gibt. Und in den Vereinigten Staaten liegt die Beschäftigung so hoch wie zuletzt vor einem halben Jahrhundert.

Das Bemerkenswerteste an diesem Boom ist, dass er bisher fast unbemerkt geschah. Kein Minister brüstet sich mit dem Erfolg, keine Talkshow-Moderatorin nimmt das Thema auf. Journalisten und Politiker reden zwar über die Gefahren für den Zusammenhalt in der Gesellschaft, sparen aber eine Entwicklung aus, die diese Gefahren mindern könnte. Arbeit ist knapp, und viele Arbeitnehmer sind in einer starken Position. Die Vermutung ist nicht abwegig, dass dies für die heute Jungen schon als selbstverständlich gilt und so einen gewissen moralischen Rigorismus erklären könnte. Was natürlich nicht bedeutet, dass das Anliegen der Jugendlichen, den Klimawandel zu bekämpfen, falsch wäre.

Meist sind es die negativen Begleiterscheinungen, über die es der Job-Boom dann doch noch in die Schlagzeilen schafft. Etwa dann, wenn Kliniken Krankenbetten stilllegen müssen, weil sie kein Fachpersonal mehr finden. Wenn der Pflegenotstand ausgerufen wird oder Unternehmer mangels Facharbeitern weniger investieren. Oft wird der Job-Boom, wenn er denn überhaupt wahrgenommen wird, als unsoziales Phänomen denunziert. Die neuen Jobs seien schlecht bezahlt und ungesichert ("prekär") behaupten Politiker der Linken zum Beispiel. Aber gerade das stimmt nicht. Ja, es gibt einen Sockel "geringfügiger Beschäftigung"; es gibt die Paketboten, über deren miserable Arbeitsbedingungen viele zu Recht empört sind.

Der Boom aber findet woanders statt: bei den sozial abgesicherten Normalarbeitsplätzen. Seit 2008, dem Höhepunkt der Finanzkrise, ist die Zahl der "sozialversicherungspflichtig Beschäftigten" (so die offizielle Bezeichnung) von 28 auf mehr als 33 Millionen gestiegen, auch dies ein Rekord seit der Wiedervereinigung. Die OECD, der Wirtschaftsklub der Industrieländer, berichtet, dass zwei Drittel ihrer Mitglieder historische Höchststände in der Beschäftigung erreicht hätten.

Die Dynamik dieser Entwicklung hat selbst Ökonomen überrascht. Sie unterschätzten jahrelang, was auf den Arbeitsmärkten geschah und sie überschätzten die negativen Folgen staatlicher Regulierungen, zum Beispiel der Einführung des Mindestlohns in Deutschland. Vor allem aber wurden all jene Experten widerlegt, die fest daran glaubten, im digitalen Kapitalismus würden die Roboter die Arbeit wegnehmen. Aus dieser Sorge heraus schlugen einige eine radikale Verkürzung der Arbeitszeit vor. Andere, etwa Siemens-Chef Joe Kaeser, forderten ein bedingungsloses Grundeinkommen, um auf diese Weise die Opfer der Digitalisierung aufzufangen.

Es ist anders gekommen. Roboter vernichten zwar Jobs, sie schaffen aber auch neue, und die Bilanz ist bisher positiv. Viele junge Firmen bieten neue Chancen. Der Boom ist im Übrigen nicht Folge der umstrittenen Hartz-Reformen der Regierung Gerhard Schröders von 2003, jedenfalls nicht in erster Linie. Diese haben dazu geführt, dass viele Langzeitarbeitslose wieder Zugang zum Arbeitsmarkt gefunden haben, wenn auch oft zu schlechten Bedingungen. Das Wachstum der Normaljobs haben schon eher die Gewerkschaften mit moderaten Lohnforderungen unterstützt. Die wichtigste Ursache dürfte aber sein, dass die Menschen im digitalen Kapitalismus viel innovativer sind als gedacht, und dass es einen gesellschaftlichen Bedarf an Arbeit gibt, der bis vor Kurzem krass unterschätzt wurde.

Es wäre allerdings auch fahrlässig, den bisherigen Trend einfach fortzuschreiben. Wie jeder Boom wird auch dieser irgendwann ein Ende haben, und es gibt Indizien dafür, dass dieses Ende nun näherkommt. Die Bereitschaft der deutschen Unternehmen, neu einzustellen, sinkt, wie das Münchner Ifo-Institut berichtet. Die politischen Risiken für die Weltkonjunktur - Trump, Iran, China, Mexiko - nehmen zu. Eine neue Rezession in der Folge ist zwar nicht wahrscheinlich, aber auch nicht ausgeschlossen.

Umso wichtiger ist es, dass Politik und Öffentlichkeit die Lage auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr ausblenden. Gerade wenn man weiß, dass auch einmal wieder schlechte Zeiten kommen werden, sollte man die ermutigende Erfahrung der vergangenen zehn Jahre nicht vergessen. Weder geht allen die Arbeit aus, noch zerstört sich der Kapitalismus mit der Digitalisierung selbst.