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Digitaler Protest:Warum der Hashtag das Megafon nicht ersetzt

Fridays for Future Demonstration in Freiburg

"Fridays for Future"-Demonstration in Freiburg: Klima-Aktivistin Greta Thunberg hat mehr als 740 000 Follower auf Twitter.

(Foto: Patrick Seeger/dpa)
  • Protest verlagert sich zunehmend ins Internet, wo Engagement ressourcenschonender und die Zielgruppe potenziell unendlich groß ist.
  • Andererseits gehen immer noch Menschen auf die Straße, gerade in den vergangenen Monaten scheint das Demonstrieren im Trend zu liegen.
  • Sich in der physischen Welt zu treffen, schafft Gemeinschaftsgefühl, sorgt für kraftvolle Bilder und übt Druck auf die Politik aus.
  • Das Netz ersetzt den traditionellen Protest nicht, aber es verändert ihn.

Transparente durch die Stadt schleppen und in Megafone brüllen: So sah Protest jahrzehntelang aus. Massendemonstrationen wirken ziemlich altmodisch, seit man sich, statt stundenlang zu laufen oder auf Plätzen herumzustehen, einfach per Mausklick engagieren kann. Die Klima-Aktivistin Greta Thunberg hat mehr als 740 000 Follower auf Twitter; Greenpeace Deutschland erhält auf Facebook-Einträge Hunderte wohlwollende Reaktionen. Wer bei Instagram #seenotrettung eintippt, bekommt als Ergebnis mehr als 7000 Bildkacheln.

Und trotzdem: Die gute alte Demonstration ist nicht tot. Das Bündnis "Seebrücke" zum Beispiel ruft gerade zu zahlreichen Aktionen auf, um die Rettung von Flüchtlingen aus dem Mittelmeer zu unterstützen: am Freitag eine Kundgebung in Fürth, am Samstag ein Flashmob in Detmold. Die Protestierenden tragen bei solchen Aktionen orangefarbene Schirme durch die Innenstädte, lassen Schiffchen durch Flüsse und Kanäle treiben und hängen Rettungswesten an Kirchtürme.

Das Internet und die physische Welt ergänzen und beeinflussen einander auf neue Weise, das verändert die Protestkultur in Deutschland. Schon immer war das Ziel von Demonstrationen, kraftvolle Bilder zu erzeugen und mit ihnen Medienresonanz - ob in den 80er-Jahren bei den großen Friedens- und Anti-Atomkraft-Demonstrationen oder heute, wenn die Aktivisten von "Ende Gelände" einen Tagebau besetzen.

Damals wie heute geht aber kaum einer nur deshalb demonstrieren, um ausdrucksstarke Bilder zu erzeugen: Einer der wichtigsten Gründe, sich zu treffen, ist das Treffen als solches. "Natürlich könnten alle nur twittern", sagt Liza Pflaum, eine der Seebrücke-Initiatoren, "aber uns ist total wichtig, auf der Straße Haltung zu zeigen" - das schaffe ein Gemeinschaftsgefühl. Das sieht Lisa Villioth, die an der Universität Siegen digitalen Protest erforscht, ähnlich: "Wenn du gemeinsam auf die Straße gehst, macht das etwas mit der Gruppe", erklärt sie.

Der traditionelle Protest sorgt also für gute Bilder und für gute Gefühle, er bestärkt die Protestierer in Meinung und Haltung. Eine Breitenwirkung erreicht er dadurch aber noch nicht. Und hier haben all die Hashtags, E-Petitionen, Likes, Shares, Klicks, Tweets, Posts, Youtube-Videos die Protestbewegungen und ihre Wirkung durchaus verändert. Bilder und Meinungen verbreiten sich nicht mehr nur über die traditionellen Medien. Unabhängig von den Journalisten entstehen in den sozialen Medien Proteststürme wie Begeisterungswellen. Wer ein Foto der streikenden Greta likt, protestiert damit selbst wieder aufs Neue.

"Da kann man sich auch als Micky Maus anmelden"

Politik und Gesellschaft hören immer noch selten auf Stimmen aus dem Internet. Zwar hat #MeToo bewiesen, dass ein Hashtag die Gesellschaft verändern kann. Doch diejenigen, die 2017 gegen die Kultur der Übergriffe aufbegehrten, erzählten unter Überwindung und manchmal mit einigem Risiko persönliche Geschichten. Auch ein Video des Youtubers Rezo hat hohe Wellen geschlagen. Er riet den Zuschauern davon ab, die CDU zu wählen - und nannte viele Fakten und Beispiele, hinter denen offenbar einige Recherche steckte. Meistens aber macht das Engagement im Netz keine derartige Mühe - und wird deshalb nicht ernstgenommen.

Beim Fernsehen nebenher mal einen Text über Klimaschutz mit "Gefällt mir" versehen: Das wird als Clicktivism oder Slacktivism bezeichnet; die englischen Kofferwörter stehen für click activism, Klick-Aktivismus, und slacker activism, Faulenzer-Aktivismus. Man muss sich nicht mit Argumenten auseinandersetzen, wenn man schnell etwas likt, man kann einer Laune nachgeben, kann sein Gewissen beruhigen - fertig. Auch deshalb reagiert die Politik seltener auf digitalen Aktivismus. "Straßenprotest hinterlässt mehr Eindruck als Netzprotest", sagt Forscherin Villioth. "Politiker denken: 'Da stecken Menschen dahinter, ich kann sie wirklich sehen, und sie haben für dieses Anliegen Aufwand betrieben' - und so nehmen sie das Thema als dringlicher wahr."

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Zumindest ein bisschen Aufwand machen Petitionen. Sie sind sowohl in der analogen als auch in der digitalen Welt möglich, was sie von den anderen Kanälen des Widerspruchs unterscheidet. Eine Petition könne, genau wie eine große Kundgebung, "schon Druck" auf viele Politiker machen, sagt Martina Stamm-Fibich, stellvertretende Vorsitzende des Petitionsausschusses im Bundestag. Petitionen können beim Bundestag auf Papier gedruckt oder über eine Online-Plattform eingereicht werden, der Ausschuss spricht über jede, die das Quorum von 50 000 Mitzeichnern erreicht hat. Im Jahr 2018 wurden insgesamt 13 189 eingereicht, davon 4764 über das Webformular. Die Plattform ist das erfolgreichste Internetangebot des Bundestags.

Es gibt auch private Plattformen, um Unterschriften zu sammeln. Von denen hält die Sozialdemokratin Stamm-Fibich nicht viel: "Da kann man sich auch als Micky Maus anmelden." Tatsächlich reicht oft eine E-Mail-Adresse aus, um eine Petition anzulegen. Dass nicht immer klar ist, wer dahintersteckt, schadet der Glaubwürdigkeit. Das gilt auch für Netze, in denen ein Mensch mehrere Profile einrichten kann; oder gleich einen Bot programmieren, der automatisiert die eigene Meinung vertritt.

Rita Schuhmacher von Open Petition kennt die Kritik, kann sie aber nicht nachvollziehen. Ihre Plattform, die im Jahr etwa 2000 Petitionen veröffentlicht, prüfe die "Sinnhaftigkeit der Angaben" bei Petenten und Mitzeichnern, etwa ob es die Wohn- oder E-Mail-Adresse wirklich gibt, und sichere sich gegen automatisierte Einträge ab. Open Petition zeigt, wie unterschiedlich die Anliegen sind, für die Menschen im Netz Unterstützer suchen. Unter den aktuellen Bitten und Beschwerden haben drei schon mehr als 100 000 virtuelle Unterschriften gesammelt: eine für den Freispruch der in Italien angeklagten Sea-Watch 3-Kapitänin Carola Rackete, eine gegen die Schließung von Schwimmbädern und eine, die Artenschutz im Grundgesetz verankern will.

Auf den hinteren Plätzen mit weniger als 20 Unterschriften liegen zum Beispiel "'Capri Sun' soll wieder 'Capri Sonne' heißen!" und "Deutschlandweite Tests auf multiresistente Keime in Badeseen". Diese Anliegen haben vielleicht wirklich keine Befürworter - oder die Befürworter wissen nicht von den Petitionen. "Im Netz kann ich theoretisch alle erreichen, aber eben nur theoretisch", sagt Forscherin Villioth. Manche Themen hätten es von vorneherein schwer - die ohne spektakuläre Aktionen und beeindruckende Bilder.

Die Schüler der "Fridays for Future"-Bewegung sind ein gutes Beispiel dafür, wie das Miteinander von konkreter Aktion und ihrer Verbreitung über soziale Netzwerke und Messenger-Dienste funktioniert. Ohne Whatsapp-Gruppen, Facebook und andere digitale Kommunikationskanäle wäre die Bewegung in dieser Form nicht entstanden. Über solche Kanäle sprechen sich die Schüler ab und rufen zu Streiks auf - so halten es auch die "Seebrücke"-Mitstreiter. Im Internet bietet "Seebrücke" auch Material an, das lokalen Gruppen zum Beispiel erklärt, wie man eine Demo organisiert und anmeldet. Diese neue Art von Graswurzel-Opposition ist nur durch Online-Vernetzung möglich.

"Fridays for Future" und die "Seebrücke" setzen sich aus vielen lokalen Gruppierungen zusammen, die häufig keine erfahrenen Aktivisten sind und die in ihrem Umfeld Aktionen organisieren. Auch das ist eine Folge der Digitalisierung: Eine große Bewegung, die derart dezentral aufbegehrt, hat es zuvor nicht gegeben.