Digitalisierung:Handys als Gefahr

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Laut einer Studie bekommen 75 Prozent der dänischen Kinder in den ersten drei Schuljahren ein Mobiltelefon. (Foto: Christin Rose/Image Source/mauritius images)

Einst waren die Dänen Vorreiter der Digitalisierung. Nun wächst die Sorge vor den Folgen für Jugendliche. Zwei Politikerinnen fordern so strikte Schutzmaßnahmen, dass sie ein einzelnes Land gar nicht durchsetzen kann.

Von Alex Rühle

Dänemark gilt innerhalb Europas als einer der Vorreiter der Digitalisierung, alle Schulen sind längst vernetzt, die meisten Kinder wissen früh, wie man ein Handy kompetent bedient. Da ist es interessant zu sehen, wie sehr sich die Debatte im Land selbst in jüngster Zeit gedreht hat. Neuestes Beispiel: Mette Frederiksen, die dänische Ministerpräsidentin, hat in einem Zeitungsbeitrag gefordert, dass Jugendlichen von den gängigen Onlinefirmen erst ab dem 15. Geburtstag die Eröffnung eigener Konten erlaubt werden soll. Gemeinsam mit Christel Schaldemose, wie Frederiksen Mitglied der Sozialdemokraten und deren Spitzenkandidatin für die EU-Wahlen, forderte Frederiksen die großen Techfirmen außerdem dazu auf, „suchtverstärkende Mechanismen“ wie das sogenannte „Infinite Scroll“, bei dem immer neue Inhalte nachgeladen werden, zu verbieten.

Für beide Autorinnen geht der Digital Services Act (DSA) der EU, der die Grundrechte von Nutzerinnen und Nutzern im Internet besser schützen soll, nicht weit genug. Schaldemose hatte den DSA für das EU-Parlament mitverhandelt und sagte nun im Interview, einzelne Länder seien im Kräfteringen mit den Tech-Giganten hoffnungslos unterlegen, nur die EU habe „genug Muskelkraft“, entsprechende Forderungen durchzusetzen. Schaldemose und Frederiksen fordern außerdem ein Verbot für Werbung, die sich im Netz an Jugendliche unter 18 richtet, und ein Verbot KI-generierter Inhalte, die den Missbrauch von Kindern zeigen. Zuletzt möchten sie die großen Firmen dazu verpflichten, besser und schneller auf Beschwerden über problematische Inhalte zu reagieren. „Die Tech-Giganten müssen wie andere Unternehmen den nötigen Kundenservice bieten – mit echten Menschen.“

Ein Minister hat sich dafür entschuldigt, Schulkinder zu Versuchskaninchen gemacht zu haben

Frederiksen war immer schon geschickt darin, Stimmungen aufzunehmen und in politische Forderungen umzumünzen. In Dänemark wird derzeit leidenschaftlich darüber debattiert, inwieweit man es mit der Digitalisierung übertrieben haben könnte. Erst im vergangenen Winter hatte sich der sozialdemokratische Minister für Kinder und Bildung in einem Interview bei den dänischen Jugendlichen dafür entschuldigt, dass man sie aus „naiver Begeisterung für die neuen Technologien“ zu Versuchskaninchen „in einem digitalen Experiment“ gemacht habe, „dessen Folgen wir nicht überblicken können“. Laut einer Studie der Kinderschutzorganisation Børns Vilkår bekommen 75 Prozent der dänischen Kinder in den ersten drei Schuljahren ein Mobiltelefon.

Neu ist Frederiksens Forderung einer generellen Altersbegrenzung für digitale Konten nicht, erst vor vier Wochen schlug Frankreichs Präsident Emmanuel Macron vor, man müsse auf EU-Ebene eine digitale Altersbeschränkung einführen; für Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren sollten die Eltern den Zugang zum „digitalen Raum“ kontrollieren. In Frankreich verpflichtet seit Juli 2023 ein Gesetz alle im Land tätigen Anbieter sozialer Online-Netzwerke dazu, Kindern unter 15 Jahren den Zugang nur zu gestatten, nachdem die Eltern dem vorher zugestimmt haben. Allerdings ist dieses Gesetz nie in Kraft getreten, da es nicht mit den EU-Rechtsvorschriften übereinstimmt.

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