Süddeutsche Zeitung

Wie Dieter Hildebrandt das Kriegsende 1945 erlebte:"Ich bin um mein Leben geschwommen"

Was der Kabarettist Dieter Hildebrandt als 17-jähriger Soldat in den letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges erlebte.

Oliver Das Gupta

"Am Neujahrstag 1945 war ich unterwegs auf einem langen Marsch von Görlitz nach Leipzig. Ich war Soldat, hatte gerade meinen Reserveoffiziers-Kurs und war in Görlitz in einem so genannten ROB-Bataillon (Anm: ROB = Reserve-Offiziers-Bewerber).

Eines Nachts wurden wir heraus gepfiffen, bekamen scharfe Munition, gruben uns an der Neiße ein und warteten darauf, dass die Russen kommen. Ich hörte Geschützdonner aus dem Osten, er war - 40 Kilometer entfernt - in meiner Heimatstadt Bunzlau.

Da lagen wir nun und ich dachte immer: "Nu kommen sie". Plötzlich wurde befohlen: Abmarsch nach Leipzig!

Das Geheimnis der Geschichte war, dass es einen Führerbefehl gab, wonach die Reserveoffiziers-Bewerber in Sachsen für eine Armee zusammengezogen werden sollten. Das war die berühmte Armee Wenck. Die, auf die Hitler in seinem Berliner Bunker wartete.

Im Klartext: Die Ostfront wurde durch den Abzug von drei Divisionen geschwächt, um den Hitler aus Berlin rauszuholen. Das war ein solcher Wahnsinn, aber das ist mir erst später bewusst geworden.

Damals hat man uns erzählt, der Hitler wollte uns junge Leute - wir waren gerade mal 17 - schonen, was natürlich gar nicht nach ihm geklungen hat. Von wegen schonen! Er wollte uns da hineinwerfen zu seiner Rettung.

Und so sind wir eine Woche lang marschiert. Das wurde uns als Härteprobe vorgestellt. In Wirklichkeit war der Grund, dass es keine Beförderungsmittel mehr gab.

Dort (in Leipzig) angekommen, wurden wir noch eine Weile vorbereitet und dann im Februar an die Front gebracht und zwar an die westliche in Bitterfeld.

Dort waren aber gar keine Amerikaner, es waren polnische Hilfstruppen, Zwangsarbeiter, die sich befreit hatten und jetzt als Zivilisten auf uns schossen. Wir erkannten die nicht als Soldaten, sie trugen ja nicht einmal Armbinden. Unsere Verluste waren hoch.

Nach ein paar Tagen - Mitte März dürfte das gewesen sein - wurde es gegen Mitternacht ganz ruhig. Die Amerikaner hatten ihre Geschütze angehalten.

Wir wurden auf Lastwagen verladen und waren überzeugt: Jetzt ist der Krieg zu Ende, jetzt geht es weg, sie werden uns zu irgendeinem Sammellager bringen und dort werden wir entwaffnet. Dachten wir.

Nach etwa einer Stunde Fahrt lag die Straße bei Wittenberg unter Sperrfeuer - das waren die Russen. Wir stiegen aus, schlichen uns um die russische Front herum und gelangten in langen Märschen bis kurz vor Potsdam, nach Beelitz.

"Ich habe mich von einem 24-jährigen GI persönlich befreien lassen"

Wir hatten ja den jüngsten General der Wehrmacht, das war der General Wenck. Wenn man es genau betrachtet, haben wir alle ihm unser Leben zu verdanken, denn er hat vermutlich nie daran gedacht, wirklich bis nach Berlin vorzustoßen. Er hat die bei den Seelower Höhen zertrümmerte Armee, die Reste der 9. Armee, rausgeholt aus dem Ring.

Dadurch sind viele tausende Soldaten nicht in russische Gefangenschaft gekommen. Durch dieses Loch in Beelitz. Zuerst hatten wir 17 Kilometer gewonnen, um dieses Loch zu öffnen, die Russen zogen sich zurück, dann kamen unsere Leute da durch.

Dann sind wir auf dem Fuße umgedreht und gerannt, dass die Hacken Feuer fingen. Bis zur Elbe in einer Zeit von etwa zwei Wochen.

Drüben warteten die Amerikaner

In dieser Zeit, es war inzwischen Anfang Mai, erfuhren wir: Hitler ist tot. Damit wussten wir, der Krieg ist nun endgültig zu Ende.

Als wir an die Elbe kamen - bei Tangermünde war das - fanden sich ein paar Notstege über den Fluss, drüben warteten die Amerikaner.

Aber ich verpasste leider den Anschluss, denn ich hatte 39,6 Fieber, mein Kompanieführer hatte das gemessen. Der schickte mich vor, ein, zwei Stunden, bevor die Kompanie über die Elbe ging. Und dabei habe ich mich verlaufen.

Als ich schließlich zur richtigen Stelle kam, war meine Truppe schon über den Fluss und die Russen schon da. Also bin ich ins Wasser und um mein Leben geschwommen. Die Russen haben geschossen, aber nicht getroffen. Als ich drüben ankam, war das Fieber weg.

Ich war fast nackt, nur noch eine weiße Militärunterhose hatte ich an. Ein amerikanischer Soldat zwang jemanden, mir Sachen zu geben und führte mich dann netterweise zum Sammelplatz. Er hat mich befreit. Ja, ich habe mich von einem 24-jährigen GI persönlich befreien lassen.

Das war am 8. Mai. Ich weiß noch ganz genau, um 13 Uhr hörte das Schießen auf. Die deutschen Soldaten hatten alle Waffen auf einen Haufen geworfen. Die Amerikaner standen mit ihren Maschinen-Pistolen - nicht auf uns gerichtet - ziemlich gemütlich neben uns. Wir waren ja wie Kinder, die hatten keine Angst vor uns.

Über dieser wunderschönen Elblandschaft in Tangermünde lag dieser blaue Himmel, die Sonne strahlte runter, es war warm - und wir hatten plötzlich alle gute Laune, obwohl wir seit Tagen nichts mehr gegessen hatten.

Auf dem Weg ins Gefangenlager marschierten wir dann durch Stendal. Das Bild werde ich nie vergessen: In den Fenstern hing die Bevölkerung und winkte uns zu, als ob wir in den Krieg zögen.

Die Offiziere marschierten mit all ihren Orden vorneweg, dahinter ein zerlumpter Haufen von 17-Jährigen in Sechser-Reihen, der das Lied sang: "Und drum tragen wir unser Leiden mit Geduld, an der ganzen Scheiße sind wir selber Schuld." Wir brüllten es förmlich.

Das war wirklich eine Erleichterung. Der Helmut Kohl glaubt das nicht."

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