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Wie Dieter Hildebrandt das Kriegsende 1945 erlebte:"Ich habe mich von einem 24-jährigen GI persönlich befreien lassen"

Wir hatten ja den jüngsten General der Wehrmacht, das war der General Wenck. Wenn man es genau betrachtet, haben wir alle ihm unser Leben zu verdanken, denn er hat vermutlich nie daran gedacht, wirklich bis nach Berlin vorzustoßen. Er hat die bei den Seelower Höhen zertrümmerte Armee, die Reste der 9. Armee, rausgeholt aus dem Ring.

Dadurch sind viele tausende Soldaten nicht in russische Gefangenschaft gekommen. Durch dieses Loch in Beelitz. Zuerst hatten wir 17 Kilometer gewonnen, um dieses Loch zu öffnen, die Russen zogen sich zurück, dann kamen unsere Leute da durch.

Dann sind wir auf dem Fuße umgedreht und gerannt, dass die Hacken Feuer fingen. Bis zur Elbe in einer Zeit von etwa zwei Wochen.

Drüben warteten die Amerikaner

In dieser Zeit, es war inzwischen Anfang Mai, erfuhren wir: Hitler ist tot. Damit wussten wir, der Krieg ist nun endgültig zu Ende.

Als wir an die Elbe kamen - bei Tangermünde war das - fanden sich ein paar Notstege über den Fluss, drüben warteten die Amerikaner.

Aber ich verpasste leider den Anschluss, denn ich hatte 39,6 Fieber, mein Kompanieführer hatte das gemessen. Der schickte mich vor, ein, zwei Stunden, bevor die Kompanie über die Elbe ging. Und dabei habe ich mich verlaufen.

Als ich schließlich zur richtigen Stelle kam, war meine Truppe schon über den Fluss und die Russen schon da. Also bin ich ins Wasser und um mein Leben geschwommen. Die Russen haben geschossen, aber nicht getroffen. Als ich drüben ankam, war das Fieber weg.

Ich war fast nackt, nur noch eine weiße Militärunterhose hatte ich an. Ein amerikanischer Soldat zwang jemanden, mir Sachen zu geben und führte mich dann netterweise zum Sammelplatz. Er hat mich befreit. Ja, ich habe mich von einem 24-jährigen GI persönlich befreien lassen.

Das war am 8. Mai. Ich weiß noch ganz genau, um 13 Uhr hörte das Schießen auf. Die deutschen Soldaten hatten alle Waffen auf einen Haufen geworfen. Die Amerikaner standen mit ihren Maschinen-Pistolen - nicht auf uns gerichtet - ziemlich gemütlich neben uns. Wir waren ja wie Kinder, die hatten keine Angst vor uns.

Über dieser wunderschönen Elblandschaft in Tangermünde lag dieser blaue Himmel, die Sonne strahlte runter, es war warm - und wir hatten plötzlich alle gute Laune, obwohl wir seit Tagen nichts mehr gegessen hatten.

Auf dem Weg ins Gefangenlager marschierten wir dann durch Stendal. Das Bild werde ich nie vergessen: In den Fenstern hing die Bevölkerung und winkte uns zu, als ob wir in den Krieg zögen.

Die Offiziere marschierten mit all ihren Orden vorneweg, dahinter ein zerlumpter Haufen von 17-Jährigen in Sechser-Reihen, der das Lied sang: "Und drum tragen wir unser Leiden mit Geduld, an der ganzen Scheiße sind wir selber Schuld." Wir brüllten es förmlich.

Das war wirklich eine Erleichterung. Der Helmut Kohl glaubt das nicht."

© SZ.de
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