Süddeutsche Zeitung

Die Weiße Rose:"Was ich noch in Erinnerung habe, ist die Beerdigung"

Am 13. Juli 1943 ermordeten die Nationalsozialisten den Münchner Professor Kurt Huber. Ein Gespräch mit seinem Sohn.

Gespräche über den eigenen Vater sind oft schon unter normalen Umständen nicht leicht. Wie aber sieht die Auseinandersetzung mit dem Vater aus, wenn der ein Widerstandskämpfer war?

Wolfgang Huber ist vier, seine Schwester 13 Jahre alt, als ihr Vater am 13. Juli 1943 mit dem Fallbeil hingerichtet wird: Kurt Huber hatte das letzte Flugblatt der "Weißen Rose" maßgeblich verfasst. In seiner Verteidigungsrede sagte der Münchner Professor für Philosophie und Musikpsychologie: "Rückkehr zu klaren, sittlichen Grundsätzen, zum Rechtsstaat, zu gegenseitigem Vertrauen von Mensch zu Mensch; das ist nicht illegal, sondern umgekehrt die Wiederherstellung der Legalität."

Aus der Beschäftigung des emeritierten Sprachwissenschaftlers Wolfgang Huber mit dem Schicksal seines Vaters sind zwei Bücher entstanden: "Kurt Huber vor dem Volksgerichtshof" sowie das gerade publizierte Werk "Kurt Hubers letzte Tage", in dem er unter anderem den Briefwechsel veröffentlicht.

Im Gespräch erzählt Wolfgang Huber von den Folgen der Hinrichtung für die Familie und seinen eigenen Umgang mit dem Schicksal des Vaters.

SZ: Herr Huber, Sie waren vier Jahre alt, als Ihr Vater hingerichtet wurde. Welche Erinnerungen haben Sie an ihn?

Wolfgang Huber: Was ich noch in Erinnerung habe, ist die Beerdigung. Sie fand auf dem Münchner Waldfriedhof statt, der an diesem Tag geschlossen war. Die Behörden wollten, dass alles geheim bleibt und alles zügig abläuft. Deshalb musste ich schnell laufen. Hinter den Bäumen standen Männer in dunklen Ledermänteln - das war die Gestapo. Meine Mutter sagte zu mir: "Schau nicht hin." Es waren nur die Familie und ein paar wenige Freunde da. Wir haben ein Lied gesungen, der Pfarrer hat ganz kurz gesprochen und das war's dann. Mehr durfte nicht sein, Reden waren verboten.

Wie ging es danach für Ihre Familie weiter?

Das Urteil besagte, dass es für die Angehörigen absolut kein Geld gab. Aber Studenten meines Vaters haben Geld gesammelt. Darunter war George Wittenstein.

Wittenstein war ein unentdecktes Mitglied der Weißen Rose, der das bekannte Foto der Geschwister Scholl aufgenommen hat. Wie lief die Hilfe für Ihre Familie genau ab?

Wittenstein durfte meiner Mutter das Geld nicht direkt geben. Daher übermittelte er es ihr über meine Tante. Dieser indirekte Weg war zwar genauso strafbar, aber nicht so leicht feststellbar. Außerdem hat die große Familie meiner Mutter uns sehr unterstützt. Ohne diesen familiären Rückhalt hätten wir kaum überleben können.

Was war mit der Familie Ihres Vaters?

Für die war mein Vater ein Hochverräter. Er durfte auch nicht im Familiengrab Huber bestattet werden und wurde daher im Grab der Familie meiner Mutter beerdigt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen Sie in die Schule. Wie haben die anderen Kinder auf Sie reagiert?

Die Volksschulzeit habe ich weitgehend verdrängt, ich habe nur eine Erinnerung an den Tag meiner Einschulung. Da saß ein Schüler neben mir und sagte: "Bist du der von dem Geköpften?"

In der unmittelbaren Nachkriegszeit galten Widerstandskämpfer oft als Nestbeschmutzer. Wann hat sich die öffentliche Wahrnehmung positiv geändert?

In den 60er Jahren vielleicht. Richtig verändert hat es sich aber erst später. Die Universität München war sehr früh dran, das Handeln meines Vaters anzuerkennen. Es wurden dort Gedenkveranstaltungen organisiert. Theodor Maunz war auch einmal beteiligt.

Maunz war ein Jurist mit Nazi-Vergangenheit, der nach dem Zweiten Weltkrieg am Verfassungskonvent von Herrenchiemsee teilnahm und später für die CSU als bayerischer Kultusminister amtierte.

Stimmt. Maunz ist schon eine sehr merkwürdige Figur. Während der Nazi-Diktatur hat er unter anderem begründet, warum Hitlers Wille die wichtigste Quelle des deutschen Rechts ist.

Wie hat sich Maunz auf der Gedenkveranstaltung verhalten?

Damals sprach er als Rektor der Uni München über die Geschwister Scholl, sagte aber Scholz. Bubi Scholz war damals der bekannteste Boxer der Bundesrepublik. Ich hatte gedacht, er hätte es vielleicht durcheinandergebracht. Erst nach Maunz' Tod wurde klar, dass er womöglich Hans und Sophie Scholl lächerlich machen wollte. Dann wurde publik, dass er die ganzen Jahre über Rechtsberater der NPD war.

"Das Problem war: Ich kam auf die Welt."

Welche Rolle hat die Universität 1943 gespielt, als Ihr Vater und die anderen Weiße-Rose-Mitglieder zum Tode verurteilt wurden?

Es gab kein Gnadengesuch der Universität. Die Kollegen meines Vaters hatten zwar eines unternommen, aber der Rektor hat es nicht weitergeleitet. Es gab viele Professoren, die überzeugte Nazis waren. Auch der direkte Fachkollege meines Vaters war Nationalsozialist. Ihm sind die Studenten davongelaufen.

Die Vorlesungen Ihres Vaters waren dagegen sehr gut besucht. Er hat immer wieder Anspielungen gemacht, um die Nationalsozialisten zu kritisieren.

Da gab es Ärger. Mein Vater hatte ungefähr 250 Hörer. Für damalige Verhältnisse war das sehr viel. Der Neid des Fachkollegen war natürlich vorhanden. Er forderte die Teilnehmer seines Seminars auf, die Veranstaltungen meines Vaters zu besuchen. Sie sollten ihm berichten, was der Huber so macht.

Trotzdem ist auch Ihr Vater 1940 in die NSDAP eingetreten. Wie erklären Sie sich das?

Das Problem war: Ich kam auf die Welt. Er verdiente als außerplanmäßiger Professor 308 Reichsmark. Das war meiner Mutter zu wenig mit zwei Kindern. Ich glaube, es gingen mindestens 100 Reichsmark für die Miete drauf. Eine Puppe für meine Schwester musste sie auf Raten kaufen. Und da hat meine Mutter ihn bei der NSDAP angemeldet. Er wollte nach wie vor nicht, aber er musste dann mehr oder weniger. Das hat sein Gehalt verdoppelt. Eine gewisse Verantwortung der Familie gegenüber hat man eben doch. Insofern war es die einzige Möglichkeit, die Familie nicht hungern zu lassen.

Was hat Ihre Mutter von den Widerstandsaktivitäten Ihres Vaters mitbekommen?

Sie hatte ihn zum Beispiel gesehen, als er das Flugblatt schrieb. Meine Mutter sagte: "Was schreibst du denn da schon wieder?" Das war sicher ein vorwurfsvoller Ton. Aber dass sie direkt eingegriffen und gesagt hätte "Lass das jetzt mit Scholl" - sie wusste ja davon, die haben uns ja zu Hause besucht in Gräfelfing - das gab es bestimmt nicht.

Wie sind Sie mit dem Schicksal Ihres Vaters aufgewachsen?

Es ist einem schon immer bewusst. Wir haben lange Zeit in der Familie wenig darüber gesprochen. Es war mir auch eher unangenehm, darüber zu reden. Lange Jahre. Da bin ich aber nicht der einzige, Michael Probst - dem Sohn von Christoph Probst - ging es genauso. Wenn über meinen Vater gesprochen wurde, dann nur so, dass er unerreicht war, ein großes Vorbild, einmalig. Sehr gescheit, sehr intelligent.

Unerreichbares Vorbild als Widerstandskämpfer oder als Wissenschaftler?

Natürlich als Widerstandskämpfer. Aber es war auch das Intellektuelle. Mein Vater war ein Wissenschaftler, der auf sehr vielen Gebieten Gutes geleistet hat. Nur das endgültige Hauptwerk über die Phänomenologie der musikalischen Wahrnehmung, das war noch nicht so weit.

Sie haben lange gebraucht, bis Sie über Ihren Vater öffentlich gesprochen haben.

Es war mir irgendwie unangenehm. Ich wollte nicht, dass man sagt: "Der ist jetzt privilegiert, weil er der Sohn von Kurt Huber ist." Dass ich dann doch im Alter von 50 Jahren damit begonnen habe, mich mit meinem Vater zu beschäftigen, lag an meiner Frau. Meine Mutter hat ihr viel von damals erzählt. Sie wollte dann eben auch mit mir darüber sprechen. Plötzlich konnte ich mehr reden und habe diesen seelischen Druck nicht mehr so erlebt. Meine Frau war eine Art Katalysator.

Inzwischen haben Sie zwei Bücher über Ihren Vater verfasst.

Ich wollte mir das einfach von der Seele schreiben. Bei dem zweiten Buch hat mich vor allem interessiert, wie es den Leuten ging, die ihn vernommen haben. Einer von ihnen arbeitete später bei den Amerikanern als "Spezialist für Kommunisten", ein anderer wurde 1948 hingerichtet. Er war Teil eines Erschießungskommandos, das geflohene Kriegsgefangene getötet hat.

Würden Sie heute sagen, dass Sie stolz auf Ihren Vater sind?

Mittlerweile schon. Er war ein Kämpfer für persönliche Freiheiten, für die Pressefreiheit. Für die eigenen Freiheitsrechte zu kämpfen - das ist das Erbe der Weißen Rose. Wir müssen auch heute auf die Demokratie aufpassen, die aktuellen Entwicklungen in der Welt und auch bei uns in Deutschland mit dem Erfolg der AfD halte ich für höchst gefährlich.

Die AfD hat bei der Bundestagswahl knapp 13 Prozent erhalten - 83 Prozent haben für anderen Parteien gestimmt.

Das sollte alle Demokraten trotzdem alarmieren. Man denkt am Anfang nicht, dass es wirklich gefährlich ist. Hitlers NSDAP hatte bei den Parlamentswahlen nur 33 Prozent - und danach war es aus.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4051510
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ.de/ghe/odg
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.