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Die Weiße Rose:"Das Problem war: Ich kam auf die Welt."

"Weiße Rose" Denkmal vor der LMU in München, 2014

In den Boden eingelassene Flugblätter vor dem Haupteingang der Universität einnern heute an die Widerstandskämpfer.

(Foto: Catherina Hess)

Welche Rolle hat die Universität 1943 gespielt, als Ihr Vater und die anderen Weiße-Rose-Mitglieder zum Tode verurteilt wurden?

Es gab kein Gnadengesuch der Universität. Die Kollegen meines Vaters hatten zwar eines unternommen, aber der Rektor hat es nicht weitergeleitet. Es gab viele Professoren, die überzeugte Nazis waren. Auch der direkte Fachkollege meines Vaters war Nationalsozialist. Ihm sind die Studenten davongelaufen.

Die Vorlesungen Ihres Vaters waren dagegen sehr gut besucht. Er hat immer wieder Anspielungen gemacht, um die Nationalsozialisten zu kritisieren.

Da gab es Ärger. Mein Vater hatte ungefähr 250 Hörer. Für damalige Verhältnisse war das sehr viel. Der Neid des Fachkollegen war natürlich vorhanden. Er forderte die Teilnehmer seines Seminars auf, die Veranstaltungen meines Vaters zu besuchen. Sie sollten ihm berichten, was der Huber so macht.

Trotzdem ist auch Ihr Vater 1940 in die NSDAP eingetreten. Wie erklären Sie sich das?

Das Problem war: Ich kam auf die Welt. Er verdiente als außerplanmäßiger Professor 308 Reichsmark. Das war meiner Mutter zu wenig mit zwei Kindern. Ich glaube, es gingen mindestens 100 Reichsmark für die Miete drauf. Eine Puppe für meine Schwester musste sie auf Raten kaufen. Und da hat meine Mutter ihn bei der NSDAP angemeldet. Er wollte nach wie vor nicht, aber er musste dann mehr oder weniger. Das hat sein Gehalt verdoppelt. Eine gewisse Verantwortung der Familie gegenüber hat man eben doch. Insofern war es die einzige Möglichkeit, die Familie nicht hungern zu lassen.

Was hat Ihre Mutter von den Widerstandsaktivitäten Ihres Vaters mitbekommen?

Sie hatte ihn zum Beispiel gesehen, als er das Flugblatt schrieb. Meine Mutter sagte: "Was schreibst du denn da schon wieder?" Das war sicher ein vorwurfsvoller Ton. Aber dass sie direkt eingegriffen und gesagt hätte "Lass das jetzt mit Scholl" - sie wusste ja davon, die haben uns ja zu Hause besucht in Gräfelfing - das gab es bestimmt nicht.

Wie sind Sie mit dem Schicksal Ihres Vaters aufgewachsen?

Es ist einem schon immer bewusst. Wir haben lange Zeit in der Familie wenig darüber gesprochen. Es war mir auch eher unangenehm, darüber zu reden. Lange Jahre. Da bin ich aber nicht der einzige, Michael Probst - dem Sohn von Christoph Probst - ging es genauso. Wenn über meinen Vater gesprochen wurde, dann nur so, dass er unerreicht war, ein großes Vorbild, einmalig. Sehr gescheit, sehr intelligent.

Unerreichbares Vorbild als Widerstandskämpfer oder als Wissenschaftler?

Natürlich als Widerstandskämpfer. Aber es war auch das Intellektuelle. Mein Vater war ein Wissenschaftler, der auf sehr vielen Gebieten Gutes geleistet hat. Nur das endgültige Hauptwerk über die Phänomenologie der musikalischen Wahrnehmung, das war noch nicht so weit.

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Sie haben lange gebraucht, bis Sie über Ihren Vater öffentlich gesprochen haben.

Es war mir irgendwie unangenehm. Ich wollte nicht, dass man sagt: "Der ist jetzt privilegiert, weil er der Sohn von Kurt Huber ist." Dass ich dann doch im Alter von 50 Jahren damit begonnen habe, mich mit meinem Vater zu beschäftigen, lag an meiner Frau. Meine Mutter hat ihr viel von damals erzählt. Sie wollte dann eben auch mit mir darüber sprechen. Plötzlich konnte ich mehr reden und habe diesen seelischen Druck nicht mehr so erlebt. Meine Frau war eine Art Katalysator.

Inzwischen haben Sie zwei Bücher über Ihren Vater verfasst.

Ich wollte mir das einfach von der Seele schreiben. Bei dem zweiten Buch hat mich vor allem interessiert, wie es den Leuten ging, die ihn vernommen haben. Einer von ihnen arbeitete später bei den Amerikanern als "Spezialist für Kommunisten", ein anderer wurde 1948 hingerichtet. Er war Teil eines Erschießungskommandos, das geflohene Kriegsgefangene getötet hat.

Würden Sie heute sagen, dass Sie stolz auf Ihren Vater sind?

Mittlerweile schon. Er war ein Kämpfer für persönliche Freiheiten, für die Pressefreiheit. Für die eigenen Freiheitsrechte zu kämpfen - das ist das Erbe der Weißen Rose. Wir müssen auch heute auf die Demokratie aufpassen, die aktuellen Entwicklungen in der Welt und auch bei uns in Deutschland mit dem Erfolg der AfD halte ich für höchst gefährlich.

Die AfD hat bei der Bundestagswahl knapp 13 Prozent erhalten - 83 Prozent haben für anderen Parteien gestimmt.

Das sollte alle Demokraten trotzdem alarmieren. Man denkt am Anfang nicht, dass es wirklich gefährlich ist. Hitlers NSDAP hatte bei den Parlamentswahlen nur 33 Prozent - und danach war es aus.

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