Süddeutsche Zeitung

Die Untaten der Lord's Resistance Army:Hände und Köpfe abgehackt

Unfassbare Grausamkeit im Auftrag Gottes: Mit seiner nun im Kongo aktiven Lord's Resistance Army entführt Joseph Kony Kinder, macht sie zu Soldaten oder hackt ihnen Körperteile ab.

Michael Bitala

Gäbe es nicht diese Fotos aus dem Jahr 2006 und wäre er damals nicht mit einem UN-Vertreter zusammengetroffen, dann könnte man leicht glauben, Joseph Kony sei ein Phantom.

Seit mehr als zwei Jahrzehnten wütet er mit seiner Mördertruppe im Norden Ugandas, im Süden des Sudan und nun auch im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo.

Allein in den Wochen zwischen Weihnachten und Ende Januar hat seine hauptsächlich aus entführten Kindern bestehende Miliz Lord's Resistance Army an die 1000 Zivilisten im Kongo getötet.

Sie verbrannte die Menschen bei lebendigem Leibe, zerhackte ihnen mit Äxten die Köpfe oder schlug ihnen mit Macheten Arme, Beine, Ohren, Nasen oder Lippen ab.

Mehr als 100.000 Menschen kamen so schon zu Tode, mehr als eine Million wurden vertrieben, und auch wenn Kony mit einem internationalen Haftbefehl aus Den Haag gesucht wird, niemand konnte ihn bisher fassen. Die ugandische Armee besaß bis Anfang 2000 nicht einmal ein Foto des Kriegsverbrechers.

Es gibt in Afrika, dem Kontinent ungezählter Milizen, wohl kaum eine bizarrere Figur als Kony. Man kann ihn ohne Übertreibung als wahnsinnig bezeichnen, denn er behauptet von sich, im Auftrag Gottes zu handeln, übersinnliche Kräfte zu besitzen und eine Regierung der Zehn Gebote in Uganda einführen zu wollen.

Mehrere zehntausend Jungen und Mädchen hat seine Widerstandsarmee des Herrn schon entführt und sie zu Kindersoldaten und Sexsklaven gemacht. Und wenn man Kinder und Jugendliche trifft, die mit Kony kämpfen mussten und schließlich fliehen konnten, dann kann man erahnen, welch grausames Regiment er führt.

In der nordugandischen Stadt Gulu haben sich zahlreiche Hilfsorganisationen niedergelassen, die die ehemaligen Kindersoldaten betreuen. Und diese erzählen alle von den mörderischen Raubzügen, zu denen sie gezwungen wurden, von Männern und Frauen, die von 20, 30 Kindern zu Tode getrampelt werden mussten, von Jungen, die erschossen wurden, weil sie die Beute ins Wasser fallen ließen, oder von den Zwangshochzeiten, die nichts anderes bedeuteten, als dass Mädchen im Alter von sieben, acht oder neun Jahren von den wenigen erwachsenen Anführern vergewaltigt wurden.

Diese Kriegsverbrechen erreichen aber nur selten die internationalen Nachrichten. Selbst über besonders grausame Morde wird meist nur in ostafrikanischen Zeitungen berichtet. Zum Beispiel, als 45 entführte Kinder von Konys Milizionären aneinandergekettet und in den Fluss Moroto geworfen wurden, um die Wassertiefe zu testen. Sie alle ertranken.

Für regionales Entsetzen sorgte auch der Überfall auf ein Dorf, bei dem den Opfern Hände und Köpfe abgehackt und diese Körperteile anschließend gekocht wurden. Die Überlebenden mussten dann davon essen und trinken.

Hände und Köpfe abgehackt

Kony, so erzählen seine ehemaligen Kämpfer, betrachtet solche Grausamkeiten als "Reinigung", die seine spirituellen Kräfte erneuert. Es gibt auch übereinstimmende Berichte darüber, dass der Rebellenchef jedes Jahr eine Jungfrau persönlich umbringt, damit ihm seine vermeintlich göttlichen Fähigkeiten nicht abhanden kommen. Und ebenso ist zu hören, dass auch Soldaten der ugandischen Armee Angst vor Konys übersinnlichen Kräften haben, und es deshalb so schwer sei, ihn zu fassen.

So einfach aber ist die Erklärung nicht, warum die Lord's Resistance Army anscheinend nicht zu schlagen ist, besteht diese Rebellentruppe doch Schätzungen zufolge nur noch aus 1200 Kämpfern.

Kony hatte lange Zeit mächtige Unterstützer. Seine Miliz führte für den Nordsudan auch immer einen Stellvertreterkrieg im Südsudan und wurde deshalb von den Machthabern in Khartum mit Waffen versorgt. Ugandas Regierung hingegen untersützte die aufständischen Südsudanesen.

Außerdem unternahm Präsident Yoweri Museveni lange Zeit nur wenig gegen Konys Terror im Norden des Landes, weil dort die ugandische Opposition beheimatet ist. Erst als es im Sudan zum Friedensschluss kam, verlor Kony seine dortige Basis. Zunächst zog er sich nach Norduganda zurück und verübte erneut verheerende Massaker.

Und als Musevenis Armee deshalb eine Offensive gegen die LRA startete, flohen Kony und seine Leute in den Nordosten des Kongo. Eine gemeinsame Militäraktion von Uganda und Kongo Mitte Dezember konnte das kongolesische Hauptquartier Konys zwar zerstören, aber die Führung der LRA ist nach wie vor intakt. Und sie rächte sich für diesen Angriff wie gewohnt mit Massakern an kongolesischen Zivilisten.

Wo sich die sektenartige Miliz nun aufhält, ist wieder einmal unklar. Zum einen ist das Dreiländereck Kongo, Sudan und Zentralafrikanische Republik eine der wohl unzugänglichsten Regionen der Welt, so dass auch Hilfsorganisationen flüchtende Zivilisten nicht mehr erreichen.

Zum anderen gibt es keinen Milizenführer, der sich so gut darauf versteht, irgendwo im Busch oder im Regenwald zu überleben. Und sollten Kony die Kämpfer ausgehen, überfällt er eben wieder Dörfer, tötet Erwachsene und entführt Kinder.

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