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Die Subkultur der Neonazis (Teil 2):Rechtsrock und taube Ohren

Bayern ist Deutschlands Konzertparadies für Neonazis. NPD und Freie Nationalisten nutzen das, um Nachwuchs zu rekrutieren. Verfolgt werden sie kaum. Fehlt der politische Wille oder die Szene-Kenntnis?

Bayerische Staatsschützer scheinen auf dem rechten Ohr taub zu sein. Ein Höhepunkt des polizeilich organisierten Weghörens und Wegschauens war vor nicht ganz zwei Jahren erreicht: Die NPD gab sich als Veranstalter für ein Konzert des Neonazi-Netzwerks Blood & Honour her, wie der NPD-Funktionär Norman Bordin in einer Mail an einen Partei-Kameraden gestand - Blood & Honour ist in Deutschland verboten.

Die NPD hatte auf den Hof einer abseits gelegenen Gaststätte nahe Mitterskirchen in der Region Landshut geladen. Immer wieder zeigten Neonazis den Hitlergruß, eine Gruppe aus Mitgliedern der Bands Blutstahl und SKD spielte verbotene Lieder. Ein Text-Beispiel: "Wir wollen Euren Jesus nicht, das alte Judenschwein." Oder: "Volk ans Gewehr - gegen Reemtsma und Heer" - ein gesungener Aufruf zum Mord an den Machern der Wehrmachtsausstellung. Ein weiteres Beispiel: "Wir stehen zum Volk und zur Nation und eines Tages stürzen wir Zions Thron." Hinzu kamen Publikumsgesänge wie der folgende: "Blut muss fließen knüppelhageldick und wir scheißen auf die Freiheit dieser Judenrepublik."

Polizeibeamte in Zivil verfolgten diesen Auftritt im Konzertzelt, wie NPD-Funktionär Bordin sogar von der Bühne herunter verkündete. Sie hörten auch weg, als das verbotene Blut-und-Ehre-Netzwerk in dem Lied "For the Blood and Honour" besungen wurde. Nicht einmal, als das Licht ausgemacht wurde, um zu verbergen, wer auf der Bühne den "Polacken-Tango" anstimmt, griffen die Staatsschützer ein. Obwohl nahe dem Anwesen Unterstützungskommandos der Polizei bereitstanden.

Das NPD-Konzert bei Mitterskirchen offenbart, warum Bayern ein Konzertparadies für Neonazis ist. Sobald die Veranstaltung begonnen hat, können die nationalistischen Rassisten im Freistaat praktisch machen, was sie wollen - und die Polizei läßt gewähren. In den benachbarten Bundesländern Thüringen und Baden-Württemberg ist das anders: Dort griffen Bereitschaftspolizisten oder Sondereinsatzkommandos immer wieder ein und beendeten Veranstaltungen.

So war es folgerichtig, dass die Band Act of Violance aus Baden-Württemberg das NPD-Konzert am 22. Oktober 2005 auf bayerischem Boden nutzte, um ihre neue CD vorzustellen. In ihrem Heimatland wäre es mit hoher Wahrscheinlichkeit gestürmt worden. Ein Vierteljahr später - im Januar 2006 - hat beispielsweise ein Sondereinsatzkommando ein Konzert mit 450 Neonazis in Karlsruhe auseinandergenommen. Am selben Tag hat die Polizei bei Geislingen ein weiteres Konzert beendet. Es war ein Gig mit rund 120 Gästen: eine Größenordnung, in der Neonazis ein Konzert gewöhnlich als Geburtstagsfeier tarnen. Das erschwert das Eingreifen der Polizei, weil Propagandadelikte wie der Hitlergruß in privatem Umfeld nicht strafbar sind. Die Passauer Polizeidirektion hätte es im Oktober 2005 viel einfacher gehabt, weil das NPD-Konzert mit 300 bis 400 Rechtsrock-Fans öffentlich angemeldet war.

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