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Die SPD und der Steinbrück-Effekt:Verklärung der Glühwürmchen

Zwei lange Jahre sind es noch bis zur nächsten Bundestagswahl, doch der potenzielle SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück glüht schon mal vor. Weil in der SPD gerade sonst nicht viel leuchtet, gefällt ihr das. Doch ein leichtes, wärmendes Glühen ist noch lange kein Beweis neuer Stärke. Schnell könnte aus dem Vorglühen ein Verglühen werden.

Winston Churchill, der britische Jahrhundertpolitiker, den Peer Steinbrück sehr verehrt, hat einmal, als er über die Menschen und die Vergänglichkeit ihres Tuns sinnierte, gesagt: "Wir alle sind Würmer." Doch dann soll er munter hinzugefügt haben: "Aber ich bin ein Glühwurm." Steinbrück erzählt dieses Histörchen gern, und er nimmt dabei sehr billigend in Kauf, dass man es auf ihn bezieht - auch wenn oder gerade weil er phänotypisch von einem Würmchen ziemlich weit weg ist.

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Peer Steinbrück wäre wohl ein Kanzlerkandidat zu dem fast alle Ah und Oh sagen. Doch nützt das auch seiner Partei?

(Foto: dpa)

Mehr als zwei Jahre vor der nächsten ordentlichen Bundestagswahl hat Steinbrück jedenfalls mit dem Vorglühen begonnen. Und die SPD genießt es, einen Kanzlerkandidaten-Kandidaten zu haben, zu dem fast alle Ah und Oh sagen. Weil die Sozialdemokratie ansonsten nicht sehr bestrahlt ist, sonnt sie sich eben im Licht des Glühwürmchens.

Um die Sache ernsthaft zu betrachten, es geht schließlich um den möglichen Chef einer künftigen Bundesregierung: Das Phänomen der politischen Bioluminiszenz, der Leuchtkraft eines Politikers, wird umso wichtiger, seitdem sich die Unterschiede zwischen den Parteien auflösen. Die harten Kontroversen (bei Ostpolitik, Ehereform, § 218, deutsche Einheit, Atom) und die widerstreitenden Antworten darauf, die einst jeder Wähler aufzählen konnte, gibt es nicht mehr. Die neuen Probleme, die der Finanzwirtschaft vor allem, sind von einer Komplexität, die sich einfachen Antworten entzieht. Also zählen Glaubwürdigkeit und Erfahrung dessen, der sie anzupacken verspricht.

Die Leuchtkraft der Kandidaten

Jahrzehntelang war es in Deutschland so, dass eher Parteien denn ihre Spitzenkandidaten gewählt wurden: Kohl war Dauerkanzler, obwohl seine Popularität fast immer weit hinter der seiner Partei lag und seine SPD-Gegenkandidaten beliebter waren als er. Und bei der SPD war es seinerzeit so, dass sie trotz der allgemeinen Achtung und Bewunderung für Helmut Schmidt abstürzte. Die Parteien haben aber nun seit geraumer Zeit ihr altes spezifisches Gewicht verloren. Die Wähler orientieren sich jetzt am politischen Gewicht der Repräsentanten dieser Parteien. Das unter anderem hat zum dramatischen Absturz der FDP geführt.

Der Glaube an die Kraft von persönlicher Leuchtkraft ist auch innerparteilich so groß geworden, dass es schon Verzückung auslöst, wenn potentielle Kandidaten sich erklären: Die bayerische SPD etwa, die dem Tod näher ist als dem Leben, fühlt sich als Regierungspartei im Wartestand, seitdem der Münchner SPD-Oberbürgermeister Ude zu erkennen gegeben hat, dass er als Kandidat gegen den CSU- Ministerpräsidenten Seehofer antreten könnte. Kurz gesagt: Im Zustand der Schwäche ist man auch von wenig schnell berauscht. Die neue Wohligkeit, von der die SPD ergriffen ist, ist noch kein Zeichen von neuer Stärke.

Ein Kandidat Steinbrück, vorzeitig gefeiert, wird bald auch zu ganz anderen Fragen als denen der Finanzwirtschaft gefragt werden. Er hat lange zwei Jahre Zeit, dabei Fehler zu machen. Aus dem Vorglühen wird dann ein Verglühen.

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