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Die RAF-Legende vom Verräter:Verfolgt vom bleiernen Schatten

Er hat es abgelehnt. Die Belohnung für die Ergreifung der Terroristin Meinhof wollte er genauso wenig. Öffentlich sagte er gleich, er werde das Geld der Verteidigung Meinhofs zur Verfügung stellen. Das dämpfte die Empörung in Sympathisantenkreisen keineswegs.

Vielmehr war Rodewald nach dieser Äußerung, die er heute als "idiotisch" bezeichnet, "der Feind für Links wie Rechts". Er hat die Belohnung dann trotzdem an die linke "Rote Hilfe" überwiesen, anonym.

Das Schlimmste aber war vielleicht, dass inmitten all der Panik und unter all dem Druck die Beziehung zu seiner Ulrike für Jahre kaputtgegangen ist. Man trennte sich.

Aber dies ist eine sehr private Geschichte. Später haben sie sich wieder gefunden. Es war ein großes Glück. Und es währte bis zu jenem stürmischen Dezembertag in Dänemark vor fünf Jahren.

"Ich wäre wohl reingefallen"

Rodewald hat das Gefühl, dass er es seiner toten Freundin schuldig ist, dass er nun alles erzählt hat, auch weil sie ihn mit ihrer Abneigung gegen die unbekannten Gäste wohl vor noch Schlimmerem bewahrt hat. "Da bewundere ich Ulrike heute noch, ich wäre wohl reingefallen."

Ulrike Winkelvoß war ein Flüchtlingskind, ihr Elternhaus ziemlich nazistisch. "Nie wieder Auschwitz" hat sie als ihr Lebensmotto beschrieben.

Rodewald sieht eine klare Linie von dieser Maxime zur Wut auf die mit revolutionärem Gestus mordende RAF, auch wenn die Linksterroristen so taten, als ginge es ihnen auch um deutsche Vergangenheitsbewältigung.

Und dann war es doch nur ein Morden.

Bis Juni 1972 hatte die RAF mit ihren Attentaten schon sieben Menschen getötet und 74 verletzt. Damit war die Geschichte längst nicht zu Ende.

Die RAF tötete noch 27 Mal und hinterließ 34 Verletzte. Erst im April 1998 löste sie sich offiziell auf. Dass die RAF so lange überlebte, lag auch am sympathisierenden Umfeld, auf das alle Terrorgruppen bauen.

Manchmal, meint Fritz Rodewald, habe er sich wohl auch gefürchtet, wo gar nichts zu fürchten war. Aber das ist jetzt auch vorbei.

Von seinem Dach aus kann er nicht bis zur Walsroder Straße in Langenhagen sehen. Aber bisweilen fährt er dort schon vorbei, ohne an das Gespenst zu denken.

Die Telefonzelle, an der Meinhofs Begleiter verhaftet wurde, gibt es noch. Nur ist sie nicht mehr gelb, sondern rosa. Auch das unscheinbare Haus steht noch da. Hier hatte das unverheiratete Paar Rodewald/Winkelvoß seine erste Wohnung gefunden.

Das war damals nicht leicht. Die Autobahn donnert ganz in der Nähe vorbei. Das hielt die RAF wohl für strategisch günstig.

Fährt Rodewald heute die Walsroder Straße entlang, dann meist zum Boule-Spielen. Der Club hat ihn nach längerem Überlegen aufgenommen.

© SZ vom 28.4.2006
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