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Die RAF-Legende vom Verräter:Verfolgt vom bleiernen Schatten

Ulrike Meinhof

Sie war die meistgesuchte Frau der Republik: Ulrike Meinhof am 16. Juni 1972, dem Tag nach ihrer Verhaftung in Hannover. Sie wurde in der Wohnung von Fritz Rodewald festgenommen, der die Polizei informiert hatte - ohne zu wissen, wer bei ihm Unterschlupf gesucht hatte.

(Foto: Foto: AP)

Der wiederum warf seiner Ulrike vor, nun sei sie auch schon Opfer der damals herrschenden Terroristen-Hysterie geworden. Auch Ulrike Winkelvoß war Pädagogin und links-alternativ engagiert.

Rodewald war zu jener Zeit im Geschäftsführenden Bundesvorstand der Lehrergewerkschaft GEW und hatte sich in dieser Position öffentlich von den Mordanschlägen der RAF distanziert. Zu so einem kommen die nicht, war seine Überzeugung.

"Es war eine klassische Tragödiensituation", sagt er heute. Wer sein Haus für RAF-Leute öffnete, der war, wenn es herauskam, für Polizei und Medien selbst so gut wie in der RAF. Wer jedoch RAF-Leute auslieferte, hatte mit der Rache der Terrorgruppe und möglicher Sympathisanten zu rechnen.

Am Morgen nach jener Nacht gab Ulrike Winkelvoß noch immer keine Ruhe. Rodewald ging erst zur Arbeit und dann zu einem Freund, um sich Rat zu holen. Auch der Freund riet, zur Polizei zu gehen. Das tat Rodewald dann, aber bevor er nach Hause zurückkehrte, fuhr er noch in einen anderen Stadtteil, um den Mietvertrag für eine neue, kurz zuvor gefundene Wohnung zu unterschreiben.

Die hat er nie bezogen, weil der Vermieter, als er hörte, was in Langenhagen geschehen war, den Vertrag sofort wieder löste. Das war noch das Geringste.

Als Rodewald am Nachmittag zu seiner alten Wohnung kam, blickte er in zwei Pistolenläufe. Es waren die Polizisten, die Ulrike Meinhof verhaftet hatten. Diese war vor der verabredeten Zeit erschienen und hatte sich mit ihrem Begleiter Müller gewaltsam Zugang zur Wohnung verschafft.

Einen Schlüssel hatte Rodewald der Quartiermacherin nämlich nicht gegeben. Auch das hat man später anders erzählt. Auf seinem Wohnzimmertisch sah Rodewald eine Maschinenpistole und andere Waffen, dazu einen Schminkkoffer, der eine Bombe enthielt.

Anhand dieses Sprengsatzes wurden der RAF später die Attentate auf US-Kasernen und das Springer-Hochhaus nachgewiesen. Im Gepäck der Meinhof fand sich zudem eine sauber getippte Liste mit 80 Adressen aus dem In- und Ausland. Eine war handschriftlich hinzugefügt - die Rodewalds.

Darüber kann er heute schmunzeln. "Wie Lenin gesagt hat, wenn die Deutschen eine Revolution machen wollen, lösen sie eine Bahnsteigkarte."

Die Angst im Auto

Damals lachte er nicht. Auf Anraten der Polizei tauchten er und seine Freundin wegen großer Lebensgefahr für Monate ab.

"Nun waren wir wie die RAF im Untergrund." Man bot ihnen eine neue Identität an. Das lehnten sie ab. Ulrike Winkelvoß erhielt Anrufe mit Drohungen wie: "Wir trinken auf deine Leiche."

Rodewald konnte nicht mehr als Lehrer arbeiten, denn seine Kollegen fürchteten, die Schule könne Ziel eines Anschlags werden. Von seiner Gewerkschaft fühlte er sich "fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel".

Freunde schnitten das Paar. Dazu kam die Panik. "Jahrelang konnte ich kein Auto anlassen, ohne die Angst, es könnte in die Luft fliegen."

Wut auf das Morden

Als Rodewald später, bevor er schließlich Psychotherapeut wurde, für eine linke pädagogische Zeitschrift arbeitete, drohten Abonnenten mit Kündigung, wenn der "Verräter Rodewald" dort weiter tätig sei.

Als er eine Assistentenstelle an der Pädagogischen Hochschule antrat, gab es Proteste unter Studenten. Wie zum Hohn wurde zur selben Zeit ein Berufsverbotsverfahren gegen ihn eröffnet. Der Grund: Der Pädagoge hatte von "Zensurenterror" gesprochen und sollte deshalb aus dem Beamtenverhältnis entfernt werden.

Es kam zur offiziellen Anhörung. Dann aber erinnerte sein Anwalt die niedersächsische Regierung daran, dass sie diesem Delinquenten eigentlich dankbar sein müsste, schließlich habe er die Verhaftung von Ulrike Meinhof erwirkt. Das Verfahren wurde stillschweigend eingestellt. "Das war das einzige Mal, dass mir die Meinhof-Geschichte etwas genutzt hat", sagt Rodewald mit Sarkasmus in der Stimme.

Irgendwann hat man ihm auch das Bundesverdienstkreuz angeboten.

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