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Die RAF-Legende vom Verräter:Verfolgt vom bleiernen Schatten

Rodewald rechnet anders. Er zählt nicht Jahre, sondern die Tage seit dem Tod seiner Lebensgefährtin. Auch sie hieß Ulrike, und als er ihr mit schwärmerischen Zeilen, Worten der Liebe ein Buch widmete, da haben sie dies in gewissen linken Hannoveraner Kreisen wieder missverstanden und gehöhnt, erst verrate der Rodewald die Ulrike Meinhof, dann widme er ihr Gedichte.

Fahndungsplakat: Das Tableau zeigt die von 1970 an per Haftbefehl gesuchten Terroristen (obere Reihe von links): Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin, Ronald Augustin, (untere Reihe von links): Jan-Carl Raspe, Klaus Jünschke, Ilse Stachowiak und Irmgard Möller.

(Foto: Foto: dpa)

Rodewalds zerfurchtes Gesicht bekommt harte Züge, wenn er das erzählt.

Seine Freundin und spätere Ehefrau hieß Ulrike Winkelvoß. Gestorben ist sie am 3. Dezember 1999 auf einem dänischen Campingplatz, in einem mächtigen Sturm, ein Unfalltod in Sekunden.

Eine Böe hob einen Wohnwagen neben dem Gefährt Rodewalds einer Vogelfeder gleich in die Lüfte und ließ ihn wieder fallen. Der Wagen erdrückte Ulrike Winkelvoß. Danach war Rodewald wie gelähmt.

Er hat den Schock in einem anrührenden Trauertagebuch verarbeitet. "Ich küsse Deinen Schatten", heißt es. Und weil ein neues Trauma oft ein altes aufrührt, wie eine vernarbte Wunde, die durch eine neue Verletzung wieder zu pochen beginnt, schildert er in dem kürzlich veröffentlichten Trauerbuch erstmals auch die Meinhof-Verhaftung.

Das Buch haben nur ein paar persönliche Freunde gelesen, deshalb will er nun alles erzählen, damit die Mythen endlich entschleiert werden und das Gespenst sich verzieht.

Rodewald will den vielen Analysen der deutschen Studentenbewegung und der bis heute anhaltenden Aufarbeitungen der Geschichte des linken Terrorismus keine neuen Interpretationen hinzufügen.

Er will nur berichten, wie es kommen konnte, dass einer wie er vereinnahmt wird von Leuten, die mit dem Leben anderer spielen, als wären es Boule-Kugeln. Er glaubt, dass dies immer noch aktuell ist.

Rodewald sagt, der 11. September 2001 sei für ihn deshalb "ein Schlüsselerlebnis" gewesen. Als er von den einstürzenden Zwillingstürmen hörte, war er in Irland, wo er mit Ulrike Winkelvoß ein kleines Haus gekauft hatte.

"Ich war schockiert, fühlte mich aber gleichzeitig wie befreit, auch wenn das seltsam klingen mag", sagt er. Spätestens mit diesem Ereignis, dachte Rodewald, "musste doch jedem klar sein, was Terrorismus ist".

Er habe sich "persönlich rehabilitiert" gefühlt, rehabilitiert dafür, dass er 1972 zur Polizei gegangen ist.

"Im Unterbewussten", meint Rodewald und lächelt unsicher, habe wohl auch bei ihm erst der monströse Terror von New York den letzten Zweifel ausradiert, dass sein Handeln damals richtig war.

Er, der linksgerichtete Lehrer, sei schließlich selbst wie zahlreiche Gleichgesinnte einst nicht ganz frei gewesen "von romantischer Verklärung" der RAF.

Ein Quartier für Unbekannte

Rodewald stammt aus einem Dorf, unweit von Hannover. Er ist ein Bauern- und Gastwirtssohn, und als er der Enge seines Elternhauses entfloh, verabschiedete er sich mit den Worten, "es kommt die Revolution, und wir werden auf verschiedenen Seiten stehen."

Absurd findet er das heute. Aber so war das damals.

Rodewald erzählt das bei einem Spaziergang durch die Eilenriede, den Hannoveraner Stadtwald. Lange Jahre hatte er viel zu viel Angst, hier zwischen den dichten Bäumen herumzulaufen, weil er das Gespenst fürchtete.

"Ich war das Hassobjekt der RAF und ihrer Sympathisanten." In seinem Buch schreibt er, "ich war blauäugig". Zwar sei ihm rasch klar gewesen, dass sein Leben nach der Meinhof-Verhaftung nicht mehr sein würde, wie es war.

Aber er habe sich nicht ausgemalt, dass es "partiell zerstört" werden würde. Und dies vor allem, weil jeder die Geschichte anders erzählte.

Deshalb sagt Rodewald jetzt, was er weiß: Dass im Juni 1972 am Vorabend der Verhaftung eine ihm fremde Frau vor seiner Tür stand. Es war kurz vor Mitternacht. Die Frau bat, hereinkommen zu dürfen, denn sie habe etwas Wichtiges zu besprechen. Rodewald ließ sie ins Wohnzimmer.

"Zu so einem kommen die nicht"

"Sie fragte, ob für ein paar Tage ein Paar bei uns wohnen könne." Diese Situation sei für ihn nicht ungewöhnlich gewesen, weil er während des Vietnam-Krieges Glied einer Kette war, die amerikanische Deserteure nach Schweden schleuste, erzählt er.

Rodewald hatte es sich deshalb angewöhnt, nicht weiter nachzufragen, wenn er um den Gefallen gebeten wurde, kurzfristig Unbekannte zu beherbergen. Es wurde verabredet, dass das angekündigte Paar am nächsten Tag nach 18 Uhr kommen sollte.

Rodewald wollte nach diesem nächtlichen Besuch der Quartiermacherin wieder zu seiner Freundin Ulrike ins Bett schlüpfen. Die aber hatte vom Schlafzimmer aus gelauscht und war äußerst aufgebracht. "Wir stritten uns die halbe Nacht."

Ulrike Winkelvoß wusste zwar ebenso wenig, dass hier für Ulrike Meinhof Obdach gesucht wurde, sie war aber aus irgendeinem Grund misstrauisch geworden. Sie sagte, sie fürchte, die Besucher könnten RAF-Leute sein. "Die will ich nicht in meiner Wohnung haben", erklärte sie Rodewald klipp und klar.

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