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Die RAF-Legende vom Verräter:Verfolgt vom bleiernen Schatten

Fritz Rodewald brachte die Polizei auf die Spur der Terroristin Ulrike Meinhof. Dieser eine Tag im Juni 1972 prägt sein Leben bis heute.

Dies ist eine Geschichte, bei der man keine Fehler machen möchte, weil sie schon so oft falsch erzählt worden ist. Es ist eine Geschichte, die von festen Überzeugungen handelt und von Verrat, oder besser gesagt, von dem, was manche dafür halten.

Fritz Rodewald

"Ich war das Hass-Objekt der RAF und ihrer Sympathisanten": Seit 34 Jahren lebt Fritz Rodewald mit den Gespenstern des Terrorismus.

(Foto: Foto: Regina Schmeken)

Fritz Rodewald steht auf seiner Terrasse und schaut hinab auf die Stadt, in der er die meisten seiner 66 Lebensjahre verbracht hat, und dann blickt er in den Himmel, wo die Aprilwolken tanzen.

Dass er diese Wohnung gefunden hat, die über den ziegelroten Dachrücken der Hannoveraner Innenstadt schwebt, empfindet er als seltenes Glück. Er hat sie erst jüngst bezogen. Es soll ein Neuanfang sein.

Fritz Rodewald hat ein windgegerbtes Gesicht mit geröteter Haut, ein Gesicht voller Lebensspuren. Die Geschichte, die er erzählt, hat sich auch dort eingegraben.

Ruheloses Gespenst

Erst vor einer Weile ist sie wieder aus der Vergangenheit aufgetaucht, wie ein Gespenst, das keine Ruhe finden will. Dabei war der Anlass diesmal ganz harmlos.

Der Ruheständler Rodewald wollte in einen Sportverein eintreten, in einen Boule-Club, nur zum Zeitvertreib, eine wirklich unverdächtige Sache. Unter den 18 Hannoveraner Vereinen wählte er einen der größten, der als sportlich ambitioniert gilt und in dem - was ihm auch gefiel - vorwiegend Senioren spielen, die in jüngeren Jahren in der studentisch-linken Szene der Stadt aktiv waren.

Unversehens aber fand sich der Boule-Runden-Bewerber in der Rolle des Spielverderbers wieder. Der Vereinschef war von ein paar Freundinnen gewarnt worden, man könne doch nicht Fritz Rodewald aufnehmen, "Rodewald, den Verräter".

Da war es wieder, das Gespenst, aufgetaucht aus dem Hannoveraner Hinterhalt. Früher haben solche Erscheinungen ihm Angst gemacht, so viel Angst, dass er auf dem Weg zum Einkaufen zeitweise eine kugelsichere Weste trug, dass er seine Wohnung von Polizisten bewachen ließ und seinen Job als Lehrer aufgab.

"Fast alle wissen es falsch"

Und das alles wegen eines Vorfalls, der drei Jahrzehnte zurückliegt, genauer gesagt fast 34 Jahre. Es war 1972, als sich Deutschland vor Terroristen fürchtete.

Nicht vor irgendwelchen islamistischen Gewalttätern, sondern vor deutschen Bürgersöhnen und -töchtern, die sich in die linksradikale Rote Armee Fraktion, die RAF, verwandelt hatten und fortan Polizisten, Richter und amerikanische Soldaten töteten.

Im Juni 1972 hingen ihre Steckbriefe schon überall. Gesucht wurden die Journalistin Ulrike Meinhof, die als geistige Anführerin der RAF galt, gefolgt von dem Dandy und Waffennarr Andreas Baader und der Pastorentochter Gudrun Ensslin.

Am 15. Juni 1972 ging Fritz Rodewald in Hannover zur Polizei und erzählte von einer seltsamen Begegnung. Er sagte, er fürchte, Leute der RAF wollten in seiner Wohnung übernachten. Beim Landeskriminalamt war man zunächst "mäßig hellhörig", wie sich Rodewald erinnert. Dann aber fuhren doch drei Polizisten zu dem einstöckigen Haus am Anfang der Walsroder Straße in Hannover-Langenhagen, wo Rodewald und seine Freundin wohnten.

Die Polizisten fanden zuerst nichts Verdächtiges und wollten schon wieder gehen, als ihnen eine unbekannte Frau und ein Mann entgegen kamen. Die beiden fragten den Hausmeister nach der Wohnung des "Lehrers". Den Mann verfolgten die Polizisten später bis zu einer nahen Telefonzelle. Dort nahmen sie ihn kurzerhand fest.

Es war Gerhard Müller, ein Mitglied der RAF. Müller war bewaffnet.

Die Frau wurde danach in der Wohnung Rodewalds überwältigt. Sie wehrte sich heftig.

Die Polizisten wussten da noch nicht, wen sie in Händen hielten. Dass es Ulrike Meinhof war, fanden sie erst Stunden später durch eine medizinische Untersuchung heraus.

Auch Fritz Rodewald hat nicht gewusst, dass er Ulrike Meinhof, die damals meistgesuchte Frau der Republik, ausgeliefert hat. Aber das hat ihm kaum einer geglaubt. Und damit war das Gespenst geboren. Wenn man so will, wurde Rodewalds weiteres Leben ein Kollateralschaden des deutschen Terrorismus.

Quälende Mythen

Er selbst spricht von einem Trauma, einer Grenzerfahrung, die ihn bis heute "verfolgt und quält". Deshalb will er nun endlich berichten, wie das war, vor mehr als drei Jahrzehnten. "Denn fast alle wissen es falsch."

Man kann die falschen Geschichten, die Mythen und Märchen nachlesen, etwa in dem erst 2003 erschienenen Buch "Vesper, Ensslin, Baader" von Gerd Konen, in dem es heißt, "Ulrike Meinhof wurde von Freunden in Hannover nach telefonischem Ratschlag der Polizei übergeben".

Oder im Internet, sogar auf einer Geschichts-Website für Kinder. Da ist der Lehrer Rodewald schlicht ein Denunziant. Stefan Aust gibt in "Der Baader Meinhof Komplex" noch die genaueste Darstellung, aber ohne den Namen Rodewald zu nennen.

Auch damit, wie Günter Grass in "Mein Jahrhundert" die Geschichte erzählt, ist Rodewald gar nicht einverstanden. Es hat es dem Verlag von Grass geschrieben. Eine Antwort bekam er nicht.

Warum will Rodewald jetzt reden, ausgerechnet in dem Jahr, in dem sich Ulrike Meinhofs Selbstmord am 9. Mai 1976 in einer Zelle von Stuttgart-Stammheim zum 30. Mal jährt?

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