bedeckt München

Die rätselhaften Mörder der NSU:Reliquien des Irrsinns

Mindestens zehn Morde soll die rätselhafte Truppe begangen haben, die sich "Nationalsozialistischer Untergrund" nannte - dazu diverse Banküberfälle und womöglich noch ein paar Attentate. Die Namen sind bekannt, doch die Hauptfiguren schattenhaft: Warum gibt es kein Bekennerschreiben? Hatten die Täter irgendeine Botschaft? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Hans Leyendecker

Verschachtelt und verfilzt ist die Geschichte der Mörderbande, die sich "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) nannte. Die NSU soll im Zeitraum zwischen 2000 und 2007 mindestens zehn Morde an Deutsch-Türken, einem Griechen und einer Heilbronner Polizistin begangen haben. Dazu kommen diverse Banküberfälle und eventuell weitere Attentate. Die Namen der Killer sind bekannt, ihre Konterfeis und ihre ungefähren Lebensläufe auch. Dennoch bleiben die Hauptfiguren schattenhaft. Noch gibt es zum Gang der Handlung mehr Fragen als Antworten.

Neo-Nazi Bank Robbers Linked To Murder Series And Bombings

Die zerstörte Zwickauer Wohnung der drei des Nazi-Terrors verdächtigen Personen: Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt and Beate Z.

(Foto: Getty Images)

Warum begingen die Täter die Morde fast immer mit einer Česká, Modell 83 (CZ 83), Kaliber 7,65 Millimeter?

Im April 2006 endete in Kassel die Mordserie. Die Kriminalgeschichte kennt viele Fälle, in denen Killer immer dieselbe Waffe benutzten. Meist weil ihnen eine Waffe liegt, oder weil die Hinrichtung ein Ritual sein soll. Im Fall der rätselhaften Mörder der NSU erhebt sich die Frage, warum sie die Waffe nicht beseitigten. Es gibt bislang nur Spekulationen, aber vieles deutet darauf hin, dass sie ein Signal setzen wollten, etwa: Wir waren wieder da, und ihr blickt immer noch nicht durch. Die erste Generation der Rote Armee Fraktion (RAF) hatte auf der Rückseite von Autokennzeichen Fingerabdrücke hinterlassen. Das braune Killerkommando hinterließ die Spur der Česká.

Vermutlich war für die Täter nach dem Mord 2006 noch nicht Schluss. Vielleicht wollten sie irgendwann wieder mordend losziehen, dann heimlich triumphieren nach dem Motto: Wir sind wieder da. Die Fahnder, die mit großem Aufwand versuchten, die Mordserie zu klären, konnten mit der Waffe so viel auch nicht anfangen. Die verriet nur die Serie, aber nicht das Motiv. Die Ermittler gingen von Schutzgelderpressung, Machtkämpfen der türkischen Mafia oder von Rivalitäten im politischen Milieu aus. Dass ein braunes Killerkommando unterwegs war und Menschen aus purem Fremdenhass tötete, überstieg auch die Phantasie der ausgekochtesten Spezialisten.

Warum gab es kein Bekennerschreiben?

Warum bewahrten die Killer in ihrem Wohnmobil die erbeuteten Dienstwaffen der 2007 in Heilbronn niedergeschossenen Polizisten auf?

Bekennervideo der terroristischen Vereinigung 'Nationalsozialistischer Untergrund' aufgetaucht

Ein Bildschirmfoto aus dem Bekennervideo der terroristischen Vereinigung "Nationalsozialistischer Untergrund": Vermutlich haben die Täter das Filmchen am Computer selbst gebastelt.

(Foto: dapd)

Die Täter bewahrten zudem in ihrer Wohnung die Handschellen der ermordeten Polizistin auf und entsorgten nicht einmal das Pfefferspray, das sie bei dem Massaker in Heilbronn 2007 erbeutet hatten. Außerdem stellt sich die Frage, warum sie nicht das Multifunktionsmesser Victorinox wegwarfen, das sie einem schwer verletzten Polizisten abgenommen hatten. Diese Fragen glauben die Ermittler beantworten zu können: Die Killer sammelten Trophäen. Was der Außenwelt als Realitätsverlust erscheint, kann Entschlossenheit sein, ein Ziel mit allen Mitteln zu verfolgen und dabei Reliquien des Irrsinns zu sammeln.

Gilt auch die Bekenner-DVD als eine solche Trophäe?

Der 15 Minuten lange Film auf der Bekenner-DVD ist bei genauerem Hinsehen nicht nur ein Dokument des infantilen Irrsinns, sondern auch eine Trophäensammlung mit den Bildern der Opfer. Die Synonyme für Trophäe übersetzt der Duden übrigens so: "Auszeichnung, Cup, Pokal, Siegespreis".

Warum verfassten die Killer keine Bekennerschreiben?

Ein politisches Vermächtnis gilt bei Terroristen viel, also warum schrieben sie nicht irgendetwas auf, um ihre Killertour durch Deutschland irgendwie zu begründen? Vielleicht waren sie politische Analphabeten, vielleicht waren sie schreibfaul; vermutlich war das Substantiv "Reflexion", das in Traktaten von Terroristen aller Länder häufig auftaucht, für sie ein Fremdwort. Vermutlich hätten sie das Wort auch so geschrieben: "Reflektion".

Wer hat die DVDs verschickt?

Hatten die Täter irgendeine Botschaft zu verkünden?

Jede Suche nach einem höheren Sinn für das Morden hätte nur die tiefe Sinnlosigkeit offenbaren können. Für die Logik der Paranoia, die sie offenbar umfangen hielt, gab es keine Unschuldigen - nur solche, die sie noch nicht erwischt hatten. Aber eine Erklärung wie die, dass der Hamburger Gemüsehändler Süleyman T. am 27. Juni 2001 erschossen worden sei, um den Herrschenden in Deutschland im Kampf gegen die Überfremdung endlich Einhalt zu gebieten, wäre selbst von den verrücktesten der verrückten Gesinnungskameraden nicht ganz verstanden worden. Diese kriminelle Vereinigung wollte offenbar ein Gespenst, ein Phantom bleiben.

Wie erstellte das Trio die Bekenner-DVDs?

Das Filmchen, in dem die Zeichentrickfigur Paulchen Panther durch das Grauen führt, gibt noch viele Rätsel auf. Vermutlich haben die Täter das Filmchen am Computer selbst gebastelt. Sie mussten dafür Szenen aus Zeichentrickfilmen herausschneiden und mit Bildern der Mordserie zusammenfügen. Die Stimme des Sprechers von Paulchen Panther ist die Original-Stimme. Manchmal sagt die Figur böse Sätze, die Paulchen Panther nie gesagt hätte. Vermutlich haben die Killer mit Hilfe der Elektronik diese Sätze aus vielen Originalsätzen zusammenmontiert. An diesen Stellen klingt die Stimme leicht verzerrt.

Bei wem tauchten kurz nach dem Tod der beiden Killer Kopien der DVD auf, und wer hat sie warum verschickt?

Eine Kopie des Bekennerschreibens ging bei der Partei Die Linke in Sachsen-Anhalt ein. Eine weitere DVD war adressiert an ein Büro der ehemaligen PDS in Riesa und kam erst mit einiger Verzögerung an. Andere DVDs, die von den Ermittlern gesichert werden konnten, waren an Medien und islamische Kulturzentren adressiert. Das Rätsel dieser DVDs kann möglicherweise die Neonazi-Frau Beate Z. klären, die 1998 mit den beiden Killern untergetaucht war und zuletzt mit ihnen in Zwickau zusammengelebt hat. Sie hat nach dem Tod der beiden Männer die gemeinsame Unterkunft mit Brandbeschleunigern in die Luft gejagt. Nun sitzt sie in Untersuchungshaft und schweigt angeblich noch. Vieles spricht dafür, dass sie nach dem Ende der Zelle die Videos selbst zur Post gebracht hat. Vermutlich war das Ende geplant.

© SZ vom 16.11.2011/aho/hai

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite