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Die Mazedonien-Frage:Lösung mit vier Buchstaben

Der Namensstreit mit Griechenland ist gelöst: Nord-Mazedonien kann sich der EU zuwenden.

Von Peter Münch

Nun kann Alexander der Große vielleicht in Frieden ruhen. 2300 Jahre nach dem Untergang seines Königreichs ist die makedonische Frage nicht mehr offen. Am Ende eines operettenhaft anmutenden, aber in der Praxis folgenreichen Streits hat sich eine Erbengemeinschaft aus Athen und Skopje auf einen Kompromiss geeinigt: Zur Abgrenzung von der griechischen Region Makedonien soll der slawische Nachbarstaat nicht mehr einfach Mazedonien heißen, sondern künftig offiziell und überall Nord-Mazedonien. Um dieses Präfix mit vier Buchstaben war 27 Jahre lang mit historischer Härte gerungen worden. Das soll nun Geschichte sein. Endlich!

Gewiss, die Lösung steht noch unter Vorbehalt, weil die Nationalisten hüben wie drüben noch einmal die Fäuste recken dürften. Die Parlamente beider Länder müssen noch zustimmen, und in Mazedonien muss eine Volksabstimmung gewonnen werden. Doch zu hoffen ist, dass am Ende allen die Zukunft wichtiger ist als ein Schattenspiel aus der Vergangenheit.

Die Verhandlungsführer beider Seiten, der griechische Premier Alexis Tsipras und sein mazedonischer Amtskollege Zoran Zaev, haben tatsächlich etwas Historisches geleistet. Sie haben, um noch einmal beim großen Alexander zu bleiben, einen gordischen Knoten durchschlagen. Für Nord-Mazedonien macht der Kompromiss den bislang von Athen blockierten Weg in die Nato und später auch in die EU frei. Aber auch Griechenland profitiert, weil die dringend nötige Stabilisierung des Nachbarlands selbstverständlich in seinem Interesse liegt.

Der Namensstreit ist vorüber. Endlich! Das Land kann sich wieder dem Westen zuwenden

Viel zu lange konnte dieser Konflikt destruktive Kräfte entfalten und für diverse Machtinteressen ausgenutzt werden. Der Exklusivanspruch auf das hellenistische Erbe diente den Politikern in Griechenland als eine Art Opium fürs Volk: Gebeutelt von der Wirtschaftskrise wurde ein nationalistischer Nebenkriegsschauplatz eröffnet, auf dem zum Kampf gegen den historischen Ausverkauf geblasen wurde. Diesen Geist muss Tsipras nun wieder in die Flasche zurückbringen.

In Mazedonien hat der Konflikt gar einen potenziellen Primus zum Sorgenkind gemacht. 1991 hatte das Land als einzige der jugoslawischen Teilrepubliken ohne Krieg die Selbständigkeit erlangt. Schon 2005 wurde es zum EU-Beitrittskandidaten befördert. Das griechische Veto führte dann nicht nur zum Stillstand, sondern sogar zum Rückschlag. Der von 2006 bis 2016 regierende Premier Nikola Gruevski nutzte die Enttäuschung über die blockierte Anbindung an den Westen zu einer nationalistischen und autoritären Ausrichtung seiner Politik. Im Umgang mit dem griechischen Nachbarn setzte er auf Provokationen wie die Benennung der zur Grenze führenden Autobahn und des internationalen Flughafens nach Alexander dem Großen. Innenpolitisch verdiente er sich mit harter Hand den Beinamen "Putin von Skopje", außenpolitisch pflegte er die Beziehungen zu Russland.

Mit dem Ende des Namensstreits sind sicher nicht die gravierenden Probleme Mazedoniens gelöst. Es bleiben die Armut, die Arbeitslosigkeit und die latenten Konflikte mit der albanischen Minderheit. Doch statt gen Osten kann das Land nun wieder in Richtung Westen blicken, und der Westen hat die Chance, verlorenen Boden auf dem Balkan wieder gutzumachen.

© SZ vom 14.06.2018
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