Die Linke und Lafontaine Wenn der Alte nach dem Rechten sieht

Die Linke diskutiert über ihr Grundsatzprogramm und die Schlüsselfrage: Soll, darf und will sie mitregieren? Das letzte Wort hat der, der es immer hatte - Oskar Lafontaine.

Von Daniel Brössler, Hannover

Er kann es noch. "Wir brauchen keine zweite CDU. Wir brauchen keine zweite FDP. Wir brauchen aber auch keine zweite SPD", ruft Oskar Lafontaine. Der Saal johlt, dafür hat der Saarländer nicht einmal eine Minute benötigt.

Es ist, als schaue Lafontaine mit seinem Besuch nach dem Rechten, Linken-Chef Ernst hat Probleme mit feindseligen Reaktionen von einigen Mitgliedern.

(Foto: REUTERS)

Im Mai hat sich Lafontaine als Vorsitzender von seiner Partei verabschiedet, nun ist er wieder da. Nicht als Vorsitzender, aber doch als Hüter des eigenen Erbes. Zusammen mit seinem damaligen Ko-Vorsitzenden Lothar Bisky hatte er der Partei gleichsam als Vermächtnis den Entwurf für ein Grundsatzprogramm hinterlassen. Es verheißt ein neues "Wirtschafts- und Gesellschaftssystem: den demokratischen Sozialismus".

600 Parteimitglieder sind am Sonntag gekommen, um in der Niedersachsenhalle von Hannover über das neue Grundsatzprogramm zu diskutieren. Am Ende wirkt es freilich so, als wären sie vor allem angereist, um Lafontaine zu hören. In der Partei herrscht seit geraumer Zeit Unsicherheit. Für den Moment macht er sie vergessen.

Erst ein paar Stunden ist es da her, dass Sahra Wagenknecht ziemlich drastisch an den Konflikt der Konflikte erinnert hat. "Es geht nicht, dass wir uns unter Verkauf unserer Seele und unter Verrat der Interessen unserer Wähler in eine Regierung integrieren", hatte sie gerufen und zumindest einem Teil der versammelten Linken aus der - demnach nicht zum Verkauf stehenden - Seele gesprochen. Über den theoretischen Debatten über Eigentum, Arbeit und Frieden schwebt in Hannover stets diese eine sehr praktische Frage: Soll, darf und will die Linke mitregieren? Dafür gebe es Mindestanforderungen, darauf beharrt Wagenknecht - etwa ein Nein zum Beschäftigungsabbau im öffentlichen Dienst.

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Einige im Saal jubeln nicht, wenn sie so etwas hören. In Sachsen-Anhalt zum Beispiel treten die Linken im Frühjahr an, um stärkste Partei zu werden. Sie wollen regieren und sie wissen, dass es ohne Beschäftigungsabbau im öffentlichen Dienst künftig nicht gehen wird. Zwischen Anspruch und Wirklichkeit verlaufen in der Linken viele Gräben, nicht nur, aber auch entlang der alten Linie von Ost und West.

In Hannover ist es nun an den im Mai gewählten Vorsitzenden Gesine Lötzsch und Klaus Ernst, erstmals im großen Kreis Brücken zu bauen und den Entwurf zu verteidigen. Dabei schraubt Lötzsch die Erwartungen gleich herunter: "Ich fände es schon schön, wenn viele Menschen unser Programm einfach einleuchtend fänden", sagt sie. Ein "angstfreies", "kulturvolles" Leben müsse die Linke zum Ziel ihrer Politik machen, fordert sie: "Die Linke macht noch vielen Menschen Angst, weil sie mit uns Regellosigkeit und Anarchie verbinden." Angefacht werde diese Angst von den Medien, die Linke müsse "offen, demokratisch und kulturvoll" dagegenhalten. Aus den innerparteilichen Kontroversen freilich hält sich Lötzsch kulturvoll heraus, was ihr das Publikum mit freundlichem Applaus dankt.

Ernst mahnt krächzend zu "Realitätsbezug"

Ko-Vorsitzender Klaus Ernst hingegen, gesundheitlich angegriffen durch eine Erkältung und politisch geschwächt durch Debatten über seine Einkünfte, bekommt zu spüren, wie feindselig ihm manche Mitglieder gegenüberstehen. Selbst, wenn er linke Klassiker wie das Nein zu Auslandseinsätzen der Bundeswehr vorbringt, rühren sie keine Hand zum Applaus. Ernst wagt dennoch ein Plädoyer gegen die Verfechter eines bedingungslosen Grundeinkommens, er mahnt krächzend zu "Realitätsbezug" und vor "linkssektiererischen Fehlern".

Das letzte Wort aber hat derjenige, der es bisher immer hatte in der Partei: Lafontaine. Es wirkt, als schaue er nach dem Rechten und müsse noch einmal zeigen, wie man es macht. "Wer die Eigentumsfrage nicht stellt, wird die ökologische Frage nicht lösen", ruft er - und für den Augenblick glauben die Linken, sie hätten eine Antwort auf den Höhenflug der Grünen. Natürlich seien SPD und Grüne potentielle Bündnispartner, räumt Lafontaine ein, zunächst aber einmal seien sie eines: "Hauptkonkurrenten". Kurs halten, das ist Lafontaines Botschaft, nur so werde die Partei bestehen. Schließlich seien doch die Linken die "einzige demokratische Erneuerungsbewegung", sagt er. Auf sie warte Deutschland - "und die Welt".

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