Die Linke nach Lötzsch-Rückzug Ramelow wünscht sich Lafontaine nach Berlin zurück

Nach dem Rücktritt von Gesine Lötzsch plädiert Thüringens Linkenfraktionschef Bodo Ramelow für ein Comeback von Oskar Lafontaine in der Bundespolitik und einen sozialistisch-pragmatischen Kurs. Als Nachfolgerin von Lötzsch nennt Ramelow mehrere Namen, davon eine "Favoritin": Sahra Wagenknecht.

Interview: Oliver Das Gupta

Süddeutsche.de: Herr Ramelow, Ihre Parteifreundin Gesine Lötzsch verzichtet aus familiären Gründen auf den Vorsitz. Hat Sie die Nachricht überrascht?

Demnächst in führenden Positionen der Linkspartei? Lebensgefährten Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine

(Foto: picture alliance / dpa)

Bodo Ramelow: Vor allem rührt mich ihre Entscheidung. Gesine macht damit klar, dass ihr privates Leben Vorrang hat vor ihrem öffentlichen Leben. Ich ziehe tief den Hut vor Gesine und wünsche ihr und ihrem Mann alles erdenklich Gute.

SZ: Hat Ihre Partei nun ein Problem mehr - oder eines weniger?

Ramelow: Weder noch. Wir haben mit Klaus Ernst einen aktiven Vorsitzenden und wir stehen vor einem Parteitag, bei dem es um wichtige Personalentscheidungen geht. So sehr ich bedauere, dass Gesine Lötzsch nun nicht zur Wiederwahl antreten wird, stelle ich doch fest: wir befinden uns in keiner Handlungsnot. Mittlerweile verfügen wir über ein breitgefächertes Feld von geeigneten Kandidatinnen. Aber zuerst müssen wir klären, ob wir bei der Doppelspitze bleiben. Ich wäre dafür.

SZ: Wie wichtig sind noch Ost/West- und Strömungsproporz bei der Kandidatensuche?

Ramelow: Ich halte beides inzwischen für überflüssig. Wichtig ist doch die Frage: Wer ist geeignet? Welche geeigneten Frauen haben wir, wenn wir über die Nachfolge von Gesine Lötzsch sprechen.

SZ: Dann sagen Sie doch mal: Wer kann Vorsitzende?

Ramelow: Da wären mit Janine Wissler aus Hessen, Katharina Schwabedissen aus Nordrhein-Westfalen und der Hamburgerin Dora Heyenn schon mal drei fähige Frauen, die alle bewiesen haben, dass sie Verantwortung übernehmen können. Sahra Wagenknecht kommt für den Vorsitz ebenfalls in Frage. Sie selber sagt, das wäre nicht ihr Weg. Aber ich halte sie für eine unserer Favoritinnen.

SZ: Sie haben sich in der Vergangenheit für eine Doppelspitze aus Wagenknecht und Dietmar Bartsch ausgesprochen. Gilt das noch?

Ramelow: Für mich wäre das nach wie vor eine gute Option, auch jenseits der Strömungslogik. Wir brauchen dazu ein sozialistisches Programm, das sich speist aus Pragmatismus und einer Vision von Frieden und sozialer Gerechtigkeit. So sichern wir unseren Platz als Partei links von der SPD. Da gehören wir hin.

SZ: Und die Piraten?

Ramelow: Die irrlichtern doch quer durch alle Spektren wie ein Staubsauger - und das unabhängig von den Inhalten der Piratenpartei. Wir erleben auch in diesem Fall wieder, wie sehr Wählerpotentiale schwanken.

SZ: Für Sie ist der Erfolg der Piraten also vor allem ein Hype?

Ramelow: Die Wahlen der letzten zehn Jahre sind immer mit Hypes verbunden. Momentan surfen die Piraten auf der Hypewelle, sie bündeln den Protest. Diejenigen, die aus Protest eine bestimmte Partei wählen, wollen vor allem eines: Dass das Gejaule bei den Regierenden groß ist. Anderen Parteien ging das auch so: Die FDP stieg auf wie ein Adler und stürzte dann ab wie ein Suppenhuhn. Dann begann der Hype der Grünen, der bei der Berlin-Wahl endete. Wir hatten auch einen Hype, als die Linke sich bildete. Ein wesentlicher Unterschied zwischen der Linken und den Piraten lautet: Wir haben Substanz und bleiben stabil bei sieben Prozent plus X. Und unser Volumen jenseits eines Hypes liegt derzeit bei etwa zehn Prozent. Das wollen wir ausschöpfen.

SZ: Viele in der Linken werden nach dem Lötzsch-Rückzug nun noch lauter nach einer Rückkehr von Oskar Lafontaine an die Parteispitze rufen - eine gute Idee?

Ramelow: Absolut. Oskar Lafontaine würde sowohl die Rolle als Vorsitzender, als auch als Spitzenkandidat ausfüllen. Wenn er das auch will, wäre es töricht, wenn wir das nicht annehmen würden.

SZ: Sie möchten Ihn wieder aktiv in Berlin haben?

Ramelow: Ich würde mir das wünschen, gerade in dieser wichtigen Situation. Lafontaine sollte sich mit einem Schwerpunkt in Berlin in die Bundespolitik einbringen. Seit einiger Zeit laufen Gespräche, die mit großer Ernsthaftigkeit geführt werden - übrigens auch zwischen Lafontaine und Bartsch.