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Linke:Die Linke und die 18 Prozent

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Bei den jüngsten drei Landtagswahlen kam die Partei nicht einmal in die Nähe der Fünf-Prozent-Hürde. Das ist existenzbedrohend. Doch nun attestiert ihr eine Studie: Da ist mehr drin, viel mehr.

Von Boris Herrmann, Berlin

2,6 Prozent. 1,7 Prozent. 2,1 Prozent. Das waren die Ergebnisse der Linkspartei bei den drei Landtagswahlen in diesem Jahr im Saarland, in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen. Die Linke ist zuletzt auf das Niveau einer Kleinstpartei geschrumpft und wurde an Wahlabenden folgerichtig den Sonstigen zugerechnet. "Wir sind in einer existenzbedrohenden Situation", sagte die derzeit alleinige Parteivorsitzende Janine Wissler am Morgen nach der NRW-Wahl in der Bundespressekonferenz. Ihre Partei sucht also mit größter Dringlichkeit nach positiven Nachrichten, nach irgendwelchen Indizien, die darauf hindeuten könnten, dass sie noch eine Zukunft hat. Bei dieser Suche hat sie sich nun vom Meinungsforschungsinstitut Kantar helfen lassen, und dabei ist eine bemerkenswerte Zahl herausgekommen: 18 Prozent.

Das mag ein wenig nach der legendären Hybris klingen, mit der die FDP in den Bundestagwahlkampf 2002 gezogen war. Aber wenn sich die Demoskopen von Kantar, die im Auftrag der Rosa-Luxemburg-Stiftung handelten, nicht verrechnet haben, dann liegt das Wählerpotenzial der Linken tatsächlich noch bei 18 (in Worten: achtzehn) Prozent. Das entspräche sagenhaften 10,8 Millionen Wahlberechtigten in Deutschland, die demnach grundsätzlich für die Option offen sind, ihr Kreuz bei der Linken zu machen.

Vor allem unter den Geringverdienern können sich viele vorstellen, die Linke zu wählen

Unter dem von den realen Verhältnissen derzeit nicht gedeckten Titel "Eine Partei mit Zukunft" soll die Studie am Dienstagabend öffentlich vorgestellt werden. In dem Papier, das der Süddeutschen Zeitung vorliegt, heißt es, die Linke habe ihr höchstes Potenzial weiterhin bei den Geringverdienern. In Haushalten mit einem Einkommen bis 2500 Euro monatlich können sich demnach sogar 24 Prozent der Befragten vorstellen, die Partei zu wählen.

Warum sie derzeit dann so kläglich daran scheitert, ihre mutmaßlichen Potenziale auszuschöpfen? Auch dieser Frage sind die Meinungsforscher nachgegangen. Am häufigsten werden hier die außenpolitischen Positionen der Linken genannt, aber auch ihre "innere Zerstrittenheit" schreckt offenbar viele grundsätzliche Sympathisanten linker Politik ab. Man könnte die Studienergebnisse vielleicht so zusammenfassen: Es gibt immer noch erstaunlich viele Menschen, die die Linke gerne wählen würden, aber die Partei macht es diesen Leuten extrem schwer, es tatsächlich zu tun. Etwa mit ihrer notorischen Vielstimmigkeit, nicht zuletzt im Bezug auf die Nato und Russland.

In der Partei gilt die Parole: Nur noch positiv über die Partei sprechen

Es dürfte allen Beteiligten klar sein, dass 18 Prozent für die Linke absolut utopisch sind - zumindest jenseits von Thüringen. Derzeit müsste die Partei schon heilfroh sein, wenn sie in bundesweiten Umfragen mal wieder stabil über der Fünf-Prozent-Marke läge. Parteichefin Wissler will sich zu diesem Zweck nun verstärkt um die unteren Einkommensschichten kümmern, wo der Studie zufolge das größte unerschlossene Wählerpotenzial steckt. "Es geht darum, die Herzen der Menschen zu gewinnen. Wir müssen in ärmeren Stadtteilen präsent sein, nicht nur vor Wahlen", sagte Wissler der SZ. "Ich will eine Linke, die die Träume von einem besseren Leben, die oft unter Alltagsstress und Resignation verborgen sind, wieder anspricht."

Wissler hat nun erklärt, dass sie auf dem Parteitag Ende Juni in Erfurt erneut als Vorsitzende kandidieren will. Da ist es nur folgerichtig, dass sie die Ergebnisse dieser Studie sogleich als "Auftrag für die nächste Zeit" erachtet, statt hinzuschmeißen wie es ihre ehemalige Co-Vorsitzende Susanne Hennig-Wellsow im April tat. Wissler hat nach dem Debakel in NRW die Parole ausgegeben, dass ab jetzt für alle gelte, "nur noch positiv über die eigene Partei zu sprechen". Ihr Schicksal als Parteichefin hängt wohl auch davon ab, ob sich mehr als 18 Prozent der Genossinnen und Genossen daran halten.

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