Die letzten Kriegstage 1945:Tausende KZ-Häfltinge wurden auf die Schiffe gepfercht

Die Bedeutung der Schiffe für die Kriegsstrategie der Nazis sei nicht zu unterschätzen, so Historiker Lotz: "Großes Gerät weckt Begehrlichkeiten. Die Marineführung nutzte die KdF-Schiffe im Krieg als Truppentransporter oder Lazarettschiffe. Nach dem Krieg ging die 'Verwertung', besonders der Gustloff, weiter. Wer 'Beweise' für das Leid der Deutschen im Krieg suchte, wurde hier fündig, weil der Untergang der Gustloff, als ein einziges Ereignis, so viele Tausend Opfer gefordert hatte." So wurde die Gustloff in der Nachkriegsgeschichte zum Spiegel für die verschiedenen Phasen des Gedenkens.

Prominentestes Beispiel für eine Facette der öffentlichen Aufarbeitung der Tragödie der Gustloff ist Günther Grass' Novelle "Im Krebsgang". Grass zeichnet darin engagiert die Auswirkungen des Untergangs bis in die Gegenwart nach. Dabei ist die Novelle vor allem auch ein Zeugnis des Umgangs dieser Gegenwart mit dem Gedenken an die Opfer, die 1945 in der Ostsee starben. Lotz empfiehlt, das Buch als Gesprächsangebot wahrzunehmen: "Als Historiker lese ich Grass' "Im Krebsgang" als Zeitdokument - aber nicht für das Jahr 1945, sondern für das Jahr der Veröffentlichung, es spiegelt das Geschichtsverständnis im Jahr 2002 wider."

Lotz möchte die Gustloff aber nicht als Einzelfall herausgelöst aus dem Zusammenhang betrachten. Stattdessen müsse man die versenkten Flüchtlingsschiffe in der Ostsee in einen Kontext setzen mit den beiden Schiffen, die ebenfalls in den letzten Kriegsmonaten in der Lübecker Bucht versenkt wurden: die Cap Arcona und die Thielbek. An Bord dieser beiden Schiffe starben vor allem KZ-Häftlinge, die angesichts der herannahenden alliierten Truppen aus dem Konzentrationslager Neuengamme bei Hamburg auf einen Todesmarsch und schließlich auf die beiden Schiffe geschickt wurden. Kein Häftling sollte lebend in die Hände des Feindes fallen, so lautete die Anordnung Heinrich Himmlers.

Zivilisten und Hitlerjungen schossen auf die Überlebenden

Als Auschwitz und Buchenwald schon befreit waren, pferchten SS-Leute etwa 7000 KZ-Häftlinge an Bord des früheren Luxusschiffs Cap Arcona. Das fahruntüchtige Schiff lag in der Lübecker Bucht, die SS hatte es zuvor "ausbruchssicher" gemacht und die meisten Rettungsboote blockiert. Dies deute zusammen mit der Tatsache, dass die Cap Arcona mit einer geringen Treibstoffmenge betankt worden war, die als Brandbeschleuniger dienen konnte, darauf hin, dass die Nazis die Versenkung des Schiffes forcierten, so eine These unter Historikern. Außerdem sei das Schiff nicht durch eine weiße Flagge markiert gewesen.

Ob die Piloten der britischen Luftwaffe, die die Cap Arcona und die Thielbek am 3. Mai 1945 beschossen, eine Mitschuld am Tod der Menschen an Bord trifft, wurde juristisch bisher nicht geklärt. Dass nur etwa 200 Menschen den Tieffliegerangriff auf die Cap Arcona überlebten, lag auch daran, dass auf Anweisung der SS Zivilisten und Hitlerjungen vom Ufer aus auf die im Meer schwimmenden Überlebenden schossen.

So wurde die Ostsee auch für diese Menschen, für die KZ-Häftlinge, die auf ihre Befreiung durch die herannahenden britischen Truppen gehofft hatten, ebenso wie für einige ihrer Bewacher zum Grab. Ihre Leichen trieben später in der Lübecker Bucht im Wasser, weniger als 300 Seemeilen entfernt von der Stelle, wo einige Wochen zuvor die Gustloff versunken war.

Deren Wrack liegt heute in knapp 50 Metern Tiefe auf dem Grund der Ostsee und gilt als geschütztes Seekriegsgrab. Ein Denkmal, das nicht nur dem Gedenken einen Ort geben, sondern auch das, was dort unten liegt, vor Grabräubern schützen soll. Denn jahrelang war das Wrack der Gustloff nicht vor Tauchern sicher, die in der Tiefe nach wertvollen Hinterlassenschaften suchten - oder bloß nach Haltepunkten für das Gedenken.

© Süddeutsche.de/flogo/pamu
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