Süddeutsche Zeitung

Die lange Nacht der großen Koalition:Absurditäten aus der Zwischenwelt

Lesezeit: 5 min

Von Lemmingen, Polarforschern und GroKo-Songs: Nach 17 Stunden Verhandlungen steht der Koalitionsvertrag. Was in einer Nacht passieren kann, in der erst mal nichts passiert, aber viel verhandelt wird.

Eine Reportage von Thorsten Denkler, Berlin

2:15 Uhr: "Don't Leave Me This Way" singen The Communards über die Lautsprecher. Noch so ein Party-Hit, wie sie der Berliner Rundfunk 91,4 seit Stunden in den Äther spuckt. Irgendetwas vom Besten aus den 70ern, den 80ern, aber nichts von heute. Als wollte da draußen Mittwochnacht um die Uhrzeit noch irgendwer auf den Tischen tanzen.

Garantiert nicht hier im Bistro mit dem sinnigen Namen "Willy's". Volles Haus. Lauter Journalisten, Kameraleute, Fotografen. Seit dem frühen Dienstagnachmittag harren sie hier aus. Das Bistro gehört zum Willy-Brandt-Haus, der SPD-Parteizentrale. Es soll der letzte Tag der Koalitionsverhandlungen zwischen Union und SPD sein. Besser: die letzte Nacht. Eine sehr lange Nacht voller Absurditäten.

Am frühen Abend geht ein Kamerateam der ARD-Sendung "Brisant" herum. Ihr Thema: Wie halten sich Journalisten warm? Gute Frage, die App auf dem Smartphone zeigt minus vier Grad an. Ein Reporter des TV-Senders Phoenix schwört auf das Zwiebel-Prinzip: mehrere Schichten übereinander. Die Fernsehleute sehen aus wie Polarforscher.

Ihre Kameras haben nichts zu filmen. Außer der leeren, von Scheinwerfern erleuchteten Passage. Durch die gehen alle, die ins Willy-Brandt-Haus wollen. Die Reporter vor den Kameras melden das, was so nach und nach durchsickert. Wasserstandsmeldungen aus den Koalitionsgesprächen: Einigung über Maut, Einigung über Mindestlohn, Einigung über Rente. Immer wieder der Hinweis, dass nichts entschieden ist, bis nicht alles verhandelt ist.

2:37 Uhr: "My Sweet Lord" von George Harrison. Das Bistro als Pressezentrum ist eine Zwischenwelt - zwischen denen im Willy-Brandt-Haus und den normalen Menschen, die um diese Zeit längst schlafen. Irgendwann wird das Bistro zu einem Ort der Sehnsucht nach dem Ende dieser nicht enden wollenden Verhandlungen.

Im ersten Stock gibt es Kartoffelsuppe mit Fleischeinlage. Oder Rindfleischsuppe mit Kartoffelstückchen. Je nachdem, wie tief die Kelle in den Bottich eintaucht. Kaffee und Wasser stehen bereit. Es ist warm. Das ist wichtig.

Ab und zu tauchen Sprecher auf, Parteisprecher, Fraktionssprecher von CDU und CSU und SPD. Sie wissen nicht viel. Oder sagen nicht das, was sie wissen. Verständlich. Nur so viel: Sie sitzen da oben im Präsidiumsaal der SPD im fünften Stock zusammen, fast durchgängig in kleiner, 15-köpfiger Runde. Parteichefs, Generalsekretäre, Ministerpräsidenten sitzen da drin. Die erste Garde halt.

Sie verhandelt: mal nur eine Seite für sich, mal nur die drei Parteichefs, wenn es ganz hakelig wird. Oder zusammen mit den Chefs der zwölf Arbeitsgruppen, wenn Fachdetails besprochen werden. Thema um Thema wird abgearbeitet, manches zurückgestellt - vor allem das, was Geld kostet. Zäh soll es sein.

2:54 Uhr: "Maria Magdalena" von Sandra. Vorhin kam Tobias Dünow in die Passage, der Sprecher der SPD. Als er erkannt wird, strömen die Journalisten zu ihm. Plötzlich ist er umringt von mehreren Dutzend Menschen mit fragenden Blicken. Gibt es was Neues? Gibt's natürlich nicht. "Ich wollte nur einen Kaffee holen", sagt er. Es gab auch schon Momente, da strömten die Journalisten raus in die Kälte und niemand war da. Kein Sprecher, keine Politiker. Niemand. Lemming-Momente.

Drinnen geht es jetzt um Finanzen. 50 Milliarden Euro umfasst das Paket, das über Wochen in den Arbeitsgruppen geschnürt wurde. Viel zu groß. Höchstens 15 Milliarden dürfen es sein. Das ist der Spielraum, der sich durch die jüngsten Steuerschätzungen ergeben hat. Spielraum, auch so ein Wort. Als wäre Politik ein Fußballfeld. Dabei ist das Land mit 80 Prozent seiner Wirtschaftsleistung verschuldet. Es sollten höchstens 60 Prozent sein. Spielräume gäbe es, wenn die 50-Prozent-Marke erreicht wäre. Aber das nennt sich politische Dialektik.

3:04 Uhr: "Always On My Mind" von den Pet Shop Boys. Im Bistro "Willy's" sinkt langsam die Stimmung. Kaffee wirkt nicht mehr. Manchem fallen die Augen zu. Seit 15 Stunden verhandeln sie im Willy-Brandt-Haus. Wie machen die das bloß? Was nehmen die?

In der SPD-Zentrale warten noch gut 60 Politiker. Ministerpräsidenten, Fachminister aus Bund und Ländern, Abgeordnete. Sie gehören zur großen Runde der 75. Die große Runde. Wichtig soll sie sein. Entscheidend. Sie hat nur nichts zu sagen. Irgendwann kommt SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles raus aus der kleinen Runde. Gute Stimmung machen. Sie sollen doch bitte alle da bleiben. Weil es später ja noch was abzustimmen gebe.

Sie dürfen also abnicken, was die 15 ausgehandelt haben. Darauf warten sie. Und warten. Zwischendurch Fußball gucken: Borussia Dortmund gegen den SSC Neapel. Die SPD-Parteizentrale hat offenbar ein Sky-Abo. Dazu Bier, Weißwein, Rotwein, Cola, Wasser. Auf einer Etage wurden Sessel und Sofas aus dem ganzen Haus zusammengetragen. Lounge-Atmo für die Groko.

Auf Twitter kursieren Bilder von Politikern im Wartestand. Auf einem schiebt Innenminister Hans-Peter Friedrich seinen Bauch gen Linse. Anders lässt sich das nicht sagen. Hinter ihm feixt Verkehrsminister Peter Ramsauer.

Auf einem anderen Bild amüsiert sich der SPD-Linke Ralf Stegner mit Julia Klöckner, Armin Laschet und Ursula von der Leyen von der CDU.

Groko-Verhandler auf Klassenparty. Irgendwann stellt sich die Frage, ab welchem Promillegehalt Mitglieder der großen Runde von der Schlussabstimmung ausgeschlossen werden müssten.

3:48 Uhr: "Could You Be Loved" von Bob Marley. Hinter der Absperrung in der Passage stehen plötzlich Florian Pronold und Hubertus Heil. Die Journalisten stürmen wieder aus dem Bistro. Ist das der Durchbruch? Nein. Sie rauchen nur. Stehen direkt hinter der Absperrung und rauchen und lachen über die Journalisten, die da plötzlich mit fragenden Blicken vor ihnen auftauchen. Pronold giggelt. Heil sagt: "Geht doch wieder rein. Ist kalt." Als alle wieder drin sind, läuft: "Hey, hey, hey, ich bin der goldene Reiter" von Joachim Witt.

4:24 Uhr: "Big Spender" von Shirley Bassey. Es verlautet aus Kreisen - klingt immer gut, wenn die Quelle nicht genannt werden will. Es verlautet also aus Kreisen, dass jetzt die Parteichefs ihre Lager über die Ergebnisse nach mehr als 20 Stunden Verhandlungen informieren. Und dann kommen alle in der großen Runde zusammen und stimmen ab. Wenn es gutgeht. Wenn nicht, will der eine oder andere noch was dazu sagen. Dann dauert es noch. Ein Kollege hat gebrannte Mandeln mitgebracht. Für einen Moment ist er der Held am Tisch.

Im ersten Stock des Bistros, da wo es Suppe gibt, dreht einer schon mal Zigaretten vor. Eine andere strickt. Von dort führt eine Tür direkt in den Saal, in dem sich gerade die SPD-Unterhändler beraten. Sie wird von einem Sicherheitsmann bewacht. Die Tür geht auf, Martin Schulz kommt heraus, der Europaparlamentspräsident und SPD-Spitzenkandidat für die Europawahl. Er steht jetzt inmitten von Journalisten. Sein Gesichtsausdruck verrät, dass er hinter der Tür etwas anderes erwartet hat. Die Toiletten vielleicht. Er wolle nur sagen, dass die Koalition nicht zustande komme, sagt er. Eine echte Frohnatur, der Mann. Es ist aber eigentlich zu spät für Scherze.

4:52 Uhr: "The Night They Drove Old Dixie Down" von Joan Baez. Der Koalitionsvertrag steht. Michael Grosse-Brömer, Parlamentsgeschäftsführer der Unionsfraktion, hat es auf Twitter gemeldet:

Noch sitzt die große Runde nicht beisammen. Aber die hat ja eh nichts zu sagen.

6:44 Uhr: "Woman In Love" von Barbara Streisand. Das Bistro schließt gleich. Die Bedienung war jetzt 15 Stunden da. Und dann noch eine Stunde für die Abrechnung und aufräumen. Der Koalitionsvertrag ist fertig. Vielleicht stimmen ja auch die Mitglieder der SPD zu. Und jetzt: Radio aus. Licht aus. Gute Nacht.

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