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Die lange Nacht der großen Koalition:Absurditäten aus der Zwischenwelt

Koalitionsverhandlungen Willy-Brandt-Haus

Leere Reihe: Fernsehkameras im Hof des Willy-Brandt-Hauses in Berlin

(Foto: dpa)

Von Lemmingen, Polarforschern und GroKo-Songs: Nach 17 Stunden Verhandlungen steht der Koalitionsvertrag. Was in einer Nacht passieren kann, in der erst mal nichts passiert, aber viel verhandelt wird.

2:15 Uhr: "Don't Leave Me This Way" singen The Communards über die Lautsprecher. Noch so ein Party-Hit, wie sie der Berliner Rundfunk 91,4 seit Stunden in den Äther spuckt. Irgendetwas vom Besten aus den 70ern, den 80ern, aber nichts von heute. Als wollte da draußen Mittwochnacht um die Uhrzeit noch irgendwer auf den Tischen tanzen.

Garantiert nicht hier im Bistro mit dem sinnigen Namen "Willy's". Volles Haus. Lauter Journalisten, Kameraleute, Fotografen. Seit dem frühen Dienstagnachmittag harren sie hier aus. Das Bistro gehört zum Willy-Brandt-Haus, der SPD-Parteizentrale. Es soll der letzte Tag der Koalitionsverhandlungen zwischen Union und SPD sein. Besser: die letzte Nacht. Eine sehr lange Nacht voller Absurditäten.

Am frühen Abend geht ein Kamerateam der ARD-Sendung "Brisant" herum. Ihr Thema: Wie halten sich Journalisten warm? Gute Frage, die App auf dem Smartphone zeigt minus vier Grad an. Ein Reporter des TV-Senders Phoenix schwört auf das Zwiebel-Prinzip: mehrere Schichten übereinander. Die Fernsehleute sehen aus wie Polarforscher.

Ihre Kameras haben nichts zu filmen. Außer der leeren, von Scheinwerfern erleuchteten Passage. Durch die gehen alle, die ins Willy-Brandt-Haus wollen. Die Reporter vor den Kameras melden das, was so nach und nach durchsickert. Wasserstandsmeldungen aus den Koalitionsgesprächen: Einigung über Maut, Einigung über Mindestlohn, Einigung über Rente. Immer wieder der Hinweis, dass nichts entschieden ist, bis nicht alles verhandelt ist.

2:37 Uhr: "My Sweet Lord" von George Harrison. Das Bistro als Pressezentrum ist eine Zwischenwelt - zwischen denen im Willy-Brandt-Haus und den normalen Menschen, die um diese Zeit längst schlafen. Irgendwann wird das Bistro zu einem Ort der Sehnsucht nach dem Ende dieser nicht enden wollenden Verhandlungen.

Im ersten Stock gibt es Kartoffelsuppe mit Fleischeinlage. Oder Rindfleischsuppe mit Kartoffelstückchen. Je nachdem, wie tief die Kelle in den Bottich eintaucht. Kaffee und Wasser stehen bereit. Es ist warm. Das ist wichtig.

Ab und zu tauchen Sprecher auf, Parteisprecher, Fraktionssprecher von CDU und CSU und SPD. Sie wissen nicht viel. Oder sagen nicht das, was sie wissen. Verständlich. Nur so viel: Sie sitzen da oben im Präsidiumsaal der SPD im fünften Stock zusammen, fast durchgängig in kleiner, 15-köpfiger Runde. Parteichefs, Generalsekretäre, Ministerpräsidenten sitzen da drin. Die erste Garde halt.

Sie verhandelt: mal nur eine Seite für sich, mal nur die drei Parteichefs, wenn es ganz hakelig wird. Oder zusammen mit den Chefs der zwölf Arbeitsgruppen, wenn Fachdetails besprochen werden. Thema um Thema wird abgearbeitet, manches zurückgestellt - vor allem das, was Geld kostet. Zäh soll es sein.

Koalitionsvertrag
Koalitionsverhandlungen

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2:54 Uhr: "Maria Magdalena" von Sandra. Vorhin kam Tobias Dünow in die Passage, der Sprecher der SPD. Als er erkannt wird, strömen die Journalisten zu ihm. Plötzlich ist er umringt von mehreren Dutzend Menschen mit fragenden Blicken. Gibt es was Neues? Gibt's natürlich nicht. "Ich wollte nur einen Kaffee holen", sagt er. Es gab auch schon Momente, da strömten die Journalisten raus in die Kälte und niemand war da. Kein Sprecher, keine Politiker. Niemand. Lemming-Momente.

Drinnen geht es jetzt um Finanzen. 50 Milliarden Euro umfasst das Paket, das über Wochen in den Arbeitsgruppen geschnürt wurde. Viel zu groß. Höchstens 15 Milliarden dürfen es sein. Das ist der Spielraum, der sich durch die jüngsten Steuerschätzungen ergeben hat. Spielraum, auch so ein Wort. Als wäre Politik ein Fußballfeld. Dabei ist das Land mit 80 Prozent seiner Wirtschaftsleistung verschuldet. Es sollten höchstens 60 Prozent sein. Spielräume gäbe es, wenn die 50-Prozent-Marke erreicht wäre. Aber das nennt sich politische Dialektik.