bedeckt München 13°

Die Grünen nach der Bundestagswahl:Auf ins nächste Gefecht

Grüne Bundestagswahl Claudia Roth, Cem Özdemir, Jürgen Trittin, Katrin Göring-Eckardt

Die niedergeschlagene Frührungsspitze der Grünen nach der Wahl

(Foto: Soeren Stache/dpa)

Es sind Tage des Umbruchs bei den Grünen: Roth weg, Künast weg, Trittin weg. Nun bringen sich erste Kandidaten für die Nachfolge in Stellung. Doch die Partei weiß noch nicht so recht, auf wen sie setzen soll. Klar ist wohl nur: Zwei Frauen und zwei Männer werden es sein - und: einfach ist bei den Grünen nie etwas.

Von Christoph Hickmann, Berlin

Es ist schon ein paar Minuten nach 13 Uhr, als Jürgen Trittin langsam ungeduldig wird. Die Sitzung sollte eigentlich schon begonnen haben, es ist das erste Treffen der neuen Grünen-Bundestagsfraktion. Die alten, nicht mehr gewählten Abgeordneten sind auch noch mal dabei, deshalb ist man in einen anderen, größeren Saal im Reichstagsgebäude ausgewichen, bezeichnet als "Protokollsaal 1". Dort steht nun Trittin und sagt: "Wir sollten jetzt einfach anfangen." Die Frau neben ihm antwortet: "Das ist eine gute Idee."

Sie heißt Britta Haßelmann, ist 51 Jahre alt und will in der Fraktion Erste Parlamentarische Geschäftsführerin werden. Sie würde in diesem Amt Volker Beck folgen, der es mehr als ein Jahrzehnt lang innehatte, und insofern hat der kleine Dialog vor Beginn dieser Sitzung durchaus eine gewisse Symbolik: Die alte Führung will es hinter sich bringen, und die neue will jetzt endlich loslegen. Es gibt ja einiges zu tun.

Es sind Tage des Umbruchs bei den Grünen. Am Abend zuvor hat Claudia Roth, 58, erklärt, dass sie nicht mehr für das Amt der Parteichefin kandidieren wird. Auch Renate Künast, 57, zieht sich aus der ersten Reihe zurück, sie wird sich nicht mehr für den Posten der Fraktionsvorsitzenden bewerben. Und nun, am frühen Dienstagnachmittag, richten sich die Augen der Abgeordneten auf Trittin. Was wird er tun?

Er liefert, als die Türen zum Sitzungssaal dann doch endlich geschlossen sind, eine ziemlich umfassende Analyse der Gründe für das schlechte Wahlergebnis. Zum Steuerprogramm, das die Realos schnell als Hauptgrund für die Niederlage ausgemacht haben, sagt er, es sei von der Partei ohne Gegenstimme beschlossen worden. Den Widerstand, der sich dagegen entwickeln sollte, habe man unterschätzt.

Dann, so schildern es Teilnehmer, tut er, was so viele von ihm erwartet hatten, auch innerhalb seines eigenen linken Flügels: Er kündigt an, nicht wieder anzutreten. Die Fraktion, sagt er, müsse sich für die Wahl 2017 neu aufstellen. Als er fertig ist, gibt es Applaus. Stehende Ovationen.

Beinahe zwei Stunden dauert es dann, bis Trittin, 59, das auch außerhalb des Saals erklärt, kurz und knapp in die Mikrofone und Kameras. Dort sagt er außerdem, dass er, falls es Sondierungsgespräche mit anderen Parteien gebe, diese auch führen werde. Das leite sich daraus ab, dass er ja Spitzenkandidat gewesen sei. Dann ist er fertig, Fragen sind nicht zugelassen, Trittin geht zurück in den Saal. Er lächelt dieses Lächeln, das er immer gelächelt hat und das viele immer als Beweis für eine gewisse Überheblichkeit gewertet haben. Wie lang es wohl diesmal dauert, bis die ersten zugeben, dass sie es vermissen?

Eine Ära endet

Das ist ja immer so oder jedenfalls fast immer, wenn einer geht, und sei er noch so sehr Reizfigur gewesen. Bald heißt es dann, an ihm oder ihr habe man sich wenigstens noch reiben können. Klar ist aber, dass mit Trittins Rückzug eine Ära endet: Er war schon in der rot-grünen Bundesregierung Minister, er war und ist verfeindet mit Joschka Fischer, der schon so lange weg ist und jetzt mit ein paar Zitaten im Spiegel noch einmal kräftig nachgetreten hat. Mit Trittin geht der prominenteste Vertreter einer Generation, die, an der Universität politisiert, durch die Irrungen und Wirrungen des linken Spektrums zu den Grünen fand.

Wer ihm folgt? Wohl ein 43 Jahre alter Bayer: Anton, genannt Toni, Hofreiter, Doktor der Biologie, bislang Vorsitzender des Verkehrsausschusses, hat seit längerer Zeit innerhalb der Linken klargemacht, dass er das Amt will. In der Sitzung dauert es nach Trittins Erklärung zwar einige Zeit, aber dann ist auch Hofreiter dran, die Reihenfolge der Redebeiträge wird ausgelost. Am Ende seines Beitrags erklärt er seine Bewerbung um den Fraktionsvorsitz, gegen viertel nach drei. Auch er bekommt Applaus. Ovationen allerdings muss er sich erst noch verdienen.

Hofreiter ist, rein optisch und sprachlich betrachtet, der Gegenentwurf zu Trittin. Während der norddeutsch näselt und vom Erscheinungsbild her mittlerweile auch in einen Konzernvorstand passen würde, versucht sich Hofreiter meist erst gar nicht groß am Hochdeutschen. Vor allem aber trägt er das blonde Haar so lang, dass man ihn glatt in eines dieser Fotos von der ersten Grünen-Bundestagsfraktion hineinmontieren könnte. Nur der dazu passende Rauschebart fehlt, im Gesicht jedenfalls trägt er die Haare recht kurz. Politisch allerdings ist er von Trittin nicht weit weg - andernfalls hätte ihn der linke Flügel auch kaum akzeptiert. Im persönlichen Gespräch ist Hofreiter schnell, mit ihm kann man ironisieren, er ist zur Analyse und zu eigenen Gedanken fähig. Davon wird er nun einige brauchen.

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite