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Die Grünen im Umfragehoch:Stimmung und Stimmen

"Wir haben die Chance, wenn wir alles richtig machen": Nie hatten die Grünen bessere Umfragewerte als zuletzt - nun muss sich zeigen, ob sie daraus Wahlerfolge machen können. Gelingt dies, könnte 2011 ein historisches Jahr für die Öko-Partei werden.

Michael Bauchmüller

Der Gipfel, er bleibt Cem Özdemir diesmal einfach verwehrt. Der Grünen-Chef hätte es jetzt nicht mehr weit bis nach ganz oben, doch es funktioniert nicht. An der Spitze weht ein eisiger Wind, er treibt Schnee über den Brocken. Heute fährt keine Schmalspurbahn auf den höchsten Berg Norddeutschlands. "Geht nicht anders", sagt Özdemir, "ich muss wiederkommen." Eigentlich ist er ja ohnehin nur da, um den Parteifreunden in Sachsen-Anhalt Zuspruch zu spenden. Der Kreisverband Harz hält Kriegsrat, zum letzten Mal vor der Landtagswahl im März.

Herbstklausur der Grünen

Hat gut lachen angesichts der Umfragewerte: Grünen-Chef Cem Özdemir.

(Foto: dpa)

Wie beschwerlich der Weg nach oben sein kann - die Grünen in Sachsen-Anhalt wissen es. Maue Umfrageergebnisse in der Vergangenheit, seit 13 Jahren keine Landtagsfraktion mehr, kaum feste Strukturen, wie sie andere Landesverbände kennen. "Die müssen in Sachsen-Anhalt mit Engagement wettmachen, was andere Parteien an Strukturen längst haben", sagt Özdemir. Das ist leicht gesagt mit einem Landesverband, der kleiner ist als mancher Grünen-Kreisverband in Baden-Württemberg.

Aber 2011 ist anders. "Wir haben einen wahnsinnigen Aufwind", sagt Mathias Fangohr, einer von vier Direktkandidaten der Grünen im Harzkreis. "Da ist ein ,Wind of change'." Dieser Tage wollen die Grünen in Sachsen-Anhalt Parteimitglied Nummer 600 begrüßen, so viele hatten sie noch nie. Und ihr Wahlergebnis bei der letzten Landtagswahl, maue 3,6 Prozent, könnten sie leicht verdoppeln. Die letzte Umfrage taxierte sie auf neun Prozent. "Das wäre gigantisch", schwärmt Spitzenkandidatin Claudia Dalbert. "Die Dimensionen sind hier anders, neun Prozent in Sachsen-Anhalt ist wie 20 Prozent in Baden-Württemberg."

Jetzt müssen die hohen Prognosen aus Sicht der Grünen nur noch Wahlergebnisse werden, und das nicht nur in Sachsen-Anhalt. Mindestens sieben Mal werden 2011 neue Landtage und Bürgerschaften bestimmt, sieben Mal haben die Grünen angesichts ihrer Umfragen beste Chancen auf Rekordergebnisse. Wenn 2010 das Jahr war, in dem die Grünen in den Umfragen emporschnellten, kann 2011 das Jahr der Ernte werden, zumindest einmal rein theoretisch.

"Kämpfen bis zur letzten Minute"

In Rheinland-Pfalz winkt der Wiedereinzug in den Landtag, womöglich sogar als Koalitionspartner der SPD. In Baden-Württemberg träumt die Partei von einem grünen Ministerpräsidenten und könnte zumindest bei gut einem Fünftel der Stimmen enden. In Berlin läuft sich Fraktionschefin Renate Künast warm, womöglich Regierende Bürgermeisterin zu werden. In Hamburg sind die Grünen auf bestem Wege, schon Ende Februar nach dem gescheiterten schwarz-grünen Bündnis ein rot-grünes zu bilden. Und in Mecklenburg-Vorpommern könnten sie im Herbst in den Landtag einziehen - zum ersten Mal überhaupt.

"2011 wir grün"

Der Parteibasis flatterte am Wochenende ein Schreiben der Parteichefs Özdemir und Claudia Roth ins Haus, eine Aufforderung zum Sturm auf die Parlamente. "Bis zur letzten Minute", gelte es zu kämpfen, mahnen beide darin, 2011 werde ein entscheidendes Jahr. "Schaffen wir es, erstmals in unserer Geschichte in allen 16 Landtagen vertreten zu sein?", fragen sie bange. Die Aussicht wäre verlockend, denn das ist derzeit nur Union und SPD vergönnt. "Wir haben die Chance, wenn wir alles richtig machen", sagt Özdemir. Oder anders gewendet: Wenn die Grünen jetzt keine Fehler machen.

Zweimal trifft die Bundespartei in dieser Woche zu Klausuren zusammen, erst ihr Vorstand, dann die Bundestagsfraktion. Beide Male wird es um das Geheimnis des Erfolges gehen, das sich den Grünen mitunter selbst nicht ganz erschließt - und es wird darum gehen, was sich aus den Erfolgen machen lässt. Gleich an diesen Montag hat sich die Parteispitze als ersten Punkt "2011 wird grün" auf die Tagesordnung gesetzt. Zu Gast ist ein Meinungsforscher. Er soll darlegen, wo die Potentiale liegen - und wie groß die Chancen der Grünen in den Ländern sind.

Denn jenseits der Demoskopie baut sich schon ein neues Schreckensszenario auf: Was passiert eigentlich, wenn die Ergebnisse hinter den Umfragen zurückbleiben? Wenn in Baden-Württemberg nicht 28, sondern etwa "nur" 20 Prozent den Grünen die Stimme geben? Sind sechs Prozent in Sachsen-Anhalt eine Niederlage - wenn Umfragen schon neun versprachen? Wie lange noch erreichen die Grünen auf Bundesebene Werte um die 20 Prozent? Die ersten Strategen steuern schon vorsorglich gegen. "Wenn die schlimmste Schlagzeile über uns 2011 heißt: Grüne stürzen auf 17 Prozent ab", sagt die Politische Geschäftsführerin Steffi Lemke, "dann verspricht das Jahr für uns ziemlich erfolgreich zu werden."

Und wenn es einmal nicht so klappt mit dem Weg nach oben, dann bleibt immer noch PlanB. Im Harz-Örtchen Schierke stapft Cem Özdemir nun durch den Schnee zu einem Hotel am Ortsrand, es gibt Kuchen, ein paar Vorträge und Kräuterschnaps statt Bahnfahrt zum Brocken. Und am Ende, ohne dass irgendjemand danach gefragt hätte, ist Özdemir beim Jahr 2013. "Wenn wir dann hoffentlich im Bund regieren", holt er aus, wenn also Tempolimit auf Autobahnen, bäuerliche Landwirtschaft, höhere Wärmestandards für ältere Gebäude erst einmal umgesetzt würden, "da müssen wir schauen, ob die Truppen dann noch hinter uns stehen. Da knirscht's im Gebälk." Und das klingt dann schon fast wie eine Drohung.

© SZ vom 10.01.2011/juwe
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